Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Typ:
Kunst- und Konzerthaus
Ort:
St. Christoph [Karte]
Staat:
Österreich
Architekt:
Jürgen Kitzmüller 🔗, Hall/Tirol
Materialien:
Betonfertigteile, gebeizte Eiche, Stahl
Publiziert:
Beton Bauteile 2017-1
Seiten:
46 - 52
Inhalt:
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Konzerthaus in St. Christoph am Arlberg

Mit Skiern zur Oper

In St. Christoph am Arlberg- Pass entstand in 1.800 m Höhe das höchstgelegene Opernhaus Europas. Da der lange Winter auf einem hochalpinen Pass einen schnellen Baufortschritt erforderlich macht, kamen hierbei fast ausschließlich Betonfertigteile zum Einsatz.
Wie Fitzcarraldo in Werner Herzogs gleichnamigem Film eine Oper im Dschungel zu errichten oder wie Christoph Schlingensief der Nachwelt eine Spielstätte mitten in Afrika zu hinterlassen: Auch Florian Werner war beseelt von dem Gedanken, in der Eintönigkeit – in diesem Fall eines Wintersportressorts – einen Ort echter Hochkultur zu schaffen. Werner ist Hotelier und Inhaber des unmittelbar an den Neubau angrenzenden 5-Sterne- Hotels. Es ist aus einem mittelalterlichen Hospiz hervorgegangen, das auf der Passhöhe liegend die Keimzelle von St. Christoph bildet. Tatsächlich bietet der von ihm geschaffene, weitgehend unterirdisch angelegte Konzertsaal die Möglichkeit, direkt auf Skiern vorzufahren. In der Regel nutzen seine durchweg festlich gekleideten Besucher aber eher die unterirdischen Zugänge von seinem Hotel aus oder schlicht das neue Parkhaus.
Das 26 Mio. Euro teure Konzerthaus gilt als ein öffentliches Gebäude, das jedoch zu 100 % privat finanziert wurde. Dieses Geschenk des Hoteliers an die Allgemeinheit ist auch der Grund, warum er hierfür überhaupt eine Baugenehmigung erhalten hat. Denn der Ort liegt inmitten der als besonders schützenswert eingestuften Alpenlandschaft des Arlbergpasses.
Wesen des Konzerthauses
Wie bei einem Konzerthaus zu erwarten, wurde der Saalakustik ein besonders hoher Stellenwert beigemessen. Das Saal- Interieur besteht aus dreidimensional gekrümmten Eichenlamellen, die eine mit einem besonders schweren Akustikvlies überzogene Metallkonstruktion verdecken. Diese entkoppelt schalltechnisch das Auditorium von den daran anschließenden Gebäudeteilen. Formal, aber auch aus akustischen Gründen hat sich der Architekt Jürgen Kitzmüller bei der Gestaltung der Wandverkleidung von einem Schiffsrumpf inspirieren lassen. So vergleicht er die horizontale Holzverkleidung mit den Planken eines Schiffes, auch der leicht nach innen schwingende Sockelbereich gehört für ihn zu diesem Bild.
Externe Besucher betreten das Konzerthaus auf Höhe des ersten Ranges und schreiten eine einläufige Treppe hinab in das Foyer, über das sie in den Saal gelangen. Die Untergeschoss- Lobby erschließt zudem einen 8 m hohen Saal für Wechselausstellungen sowie vier separate Ateliers. Es sind Werkstätten, die temporär Künstlern für ihr kreatives Schaffen überlassen werden. Denn Florian Werner besonderes Interesse gilt der bildenden Kunst, deren Förderung ihm am Herzen liegt.
Umfeld und Integration
Im Ortsbild fällt das neue Opernhaus kaum auf. Entlang der Hauptstraße bemerkt man allein seine vielleicht 30 m lange eingeschossige Fassadenfront, die aus unterschiedlich gedrehten Schwarzblech- Lamellen besteht. Auf ihr ruht ein extensiv begrüntes, hügelartiges Dach, das ein selbstverständlicher Teil des alpinen Terrains zu sein scheint. An diese abschüssige »Bergwiese« schließen sich zwei scheinbar nicht dazugehörige Appartementhäuser im alpenländischen Stil an. Tatsächlich aber sind sie im Souterrainbereich sowohl mit dem Konzerthaus als auch mit dem Hotel verbunden. Die beiden mit dem Musikhaus entstandenen Neubauten bergen 17 Edel- Appartements mit Wohnflächen zwischen 120 und 270 m².
Bemerkenswert ist auch der Planungsansatz des Schallschutzes. Nicht die Anwohner vor Geräuschentwicklung zu schützen, stand im Vordergrund, als vielmehr, keinerlei Außengeräusche in den Konzertsaal dringen zu lassen.
Nur mit Betonfertigteilen realisierbar
Das umgebende Skigebiet mit den drei Hauptorten Zürs, Lech und St. Anton gilt nicht nur als die Wiege des alpinen Sports, sondern auch als sehr schneesicher. Insofern können Bauprojekte überhaupt nur zwischen Mai und November angegangen werden. Dazu kommen noch weitere gesetzliche Stillhaltephasen, die etwa im Sommertourismus begründet sind. Ein zügiger Rohbaufortschritt ist folglich oberstes Gebot. Beim Projekt Arlberg 1800 kam als konstruktive Herausforderung noch ein erheblicher Auftrieb durch drückendes Grundwasser hinzu. Auf alle diese Fragen fand der Architekt Jürgen Kitzmüller mit Betonfertigteilen die erfolgreiche Antwort. Dem Auftrieb begegnete er mit einer Verankerung der 50 cm starken Betonbodenplatte im Untergrund und schuf mit darauf gestellten und ausbetonierten Hohlwandelementen eine Weiße Wanne. Der Planer schätzt, dass hierbei rd. 95 % der Betonwände Hohlwandelemente sind, lediglich die Säulen in der Tiefgarage und einzelne problematische Wände sind in situ betoniert. Auch die Wände der beiden Appartementhäuser bestehen aus Hohlwandelementen, allerdings wurden die Decken in Ortbeton erstellt, da sie viele Höhenversprünge aufweisen.
Die Konzertsaaldecke wurde mit im Werk vorgespannten Hohldielenelementen realisiert. Die Konstruktion besitzt eine lichte Spannweite von 17,5 m und muss im Winter eine Schneelast von 2 t/m² aufnehmen. Platziert wurden diese Bauteile mit einem Schwerlastkran.
Dämmung und Begrünung
Die Appartementhäuser erhielten einen außen liegenden Vollwärmeschutz. Im Sockelbereich in Form einer mit Natursteinen verkleideten Dämmung, darüber schließt sich ein klassisches Wärmedämmverbundsystem (WDVS) an, und im Dachbereich folgt eine Dämmung, die mit einer zimmermannsmäßig ausgeführten Holzlattung belegt wurde.
Das Konzerthausdach wurde extensiv begrünt. Zunächst vergossen die Betonbauer die noch offenen Zwischenräume und schalten die Randbereiche seitlich so ab, dass eine Attika entstand. Danach wurde eine dreifache Bitumenlage aufgebracht, auf die eine Hartschaumdämmung verlegt und dauerhaft verklebt wurde. Da das geschwungene Dach eine Neigung von bis 30 ° besitzt, wurden die Dämmplatten im Stufenfalz verlegt, so dass sich die Hartschaumtafeln gegenseitig wie eine kleine Treppe abstützen. Gartenbautechniker brachten darauf eine Wabenstruktur auf, die mit einem integrierten Netz das nur 8 cm starke Erdsubstrat fixiert, das schließlich mit Alpengräsern bepflanzt wurde.
Fazit
Natürlich wird der Veranstaltungsort nicht nur als Musikauditorium genutzt; es ist im Grunde ein Multifunktionssaal, bei dem äußerst viel Wert auf eine hervorragende Raumakustik gelegt wurde. Aber ein hochkarätiger Kongress hat einen erheblich höheren Glamour- Effekt, wenn er im höchstgelegenen Opernhaus Europas stattfindet und nicht im Gemeindesaal von St. Christoph. Die zahlreichen Buchungen der Räumlichkeiten für internationale Tagungen geben Florian Werner recht, zumal er auch den Klimawandel im Blick hat. Denn St. Christoph soll ein attraktiver Anlaufpunkt bleiben, auch wenn vielleicht der Schnee einmal ausbleibt.
Robert Mehl, Aachen