Project:
Contact:
Object:
NatMus 🔗
Type:
national museum
Location:
State:
Qatar
Architect:
Jean Nouvel 🔗, Paris
Materials:
fibre-reinforced-concrete-façade
Published:
Beton Bauteile 2020
Pages:
80 - 81
Content:
[article]      
 

Interview Prof. Dr.-Ing. Thomas Winterstetter, Werner Sobek AG, Stuttgart

Faserbeton kommt der Entwurfsidee sehr nah!

 
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Wie entstand der Entschluss, die Wüstensandrose aus Faserbeton zu erstellen?
Wir wurden direkt von der ausführenden Baufirma Hyundai beauftragt. Der südkoreanische Konzern hatte die Beauftragung als Generalunternehmer für die Umsetzung des Projektes auf Basis eines Entwurfsplanungsausschreibungspaketes mit einem ursprünglichen Gebot von 434 Mio. USD erhalten.
Die Entscheidung für das Material war hierbei bereits gefallen - die entwerfenden Architekten im Atelier Jean Nouvel entschieden sich für den verwendeten Beton, da er der Optik und Haptik einer Wüstensandrose sehr nahe kommt.
Wie begründet sich die SSS - die secondary steel structure?
Die Betonpaneele sollten zur Vereinfachung von Montage und Wartung an einer Tragstruktur befestigt und ausgerichtet werden, die unabhängig von der Primärstruktur ist. Trotz ihrer Glasfaserbewehrung und ihrer durchgehenden Stärke von 40 mm sind die Paneele relativ schwer, gehören jedoch nicht zur Tragkonstruktion selbst, sondern verkleiden die sekundäre Tragstruktur. Die Paneele können sich allseitig ausdehnen; dies ist insbesondere infolge der immensen Temperaturschwankungen vor Ort besonders wichtig.
Es gibt aber keine Dehnungsfugen?
Nein, aber zwischen den einzelnen Paneelen befinden sich immer Fugen, die thermische Dehnungen aufnehmen.
Wie wurden die Faserbetonelemente produziert?
Die Krümmung der Faserbetonelemente folgt einer rotationssymmetrischen Logik, die allerdings sehr viele Permutationen besitzt. Es gibt 30 verschiedene Disc- Typen, die sich hinsichtlich ihrer Krümmung und ihrer Radien unterscheiden. Durch Mischung und Verzahnung entsteht das architektonisch gewünschte, lebendige Bild. So weisen die horizontalen Disken in der Regel größere Durchmesser als die vertikalen Scheiben auf.
Die gewollte Irregularität der rd. 30 verschiedenen Typen wird noch einmal dadurch erhöht, dass die Paneele unterschiedlich ausgeschnitten sind. Insgesamt wurden durch den Betonfertigteilbauer Fibrex 3.000 verschiedene Schalungselemente erstellt, die im Schnitt jeweils 20 - 30 Mal wiederverwendet wurden, so dass wir am Ende auf die Anzahl von rd. 76.000 Betonelementen kamen.
Wie wurden diese Schalungen erstellt?
Mit einer Fünf- Achs- Fräsmaschine wurde zunächst aus einem Polystyrolblock eine Musterform geschnitten, von der man einen Silikonabdruck erstellte. Auf diesem Weg erhielten wir robuste Abgussmatrizen, die 20 bis 30 Mal wiederverwendet werden konnten. So war es machbar, die 3.000 unterschiedlichen Paneeltypen bis auf den Bruchteil eines Millimeters genau zu fertigen.
Wie hat man die Betonelemente an der Unterkonstruktion befestigt?
Die Paneele bestehen aus einem Betonmix, in den die Glasfasermatten einlaminiert wurden. Mit eingegossen wurden Einbauteile, die Gewinde aufweisen, mit denen die Paneele an der SSS festgeschraubt sind. Bindeglieder sind so genannte Sättel oder „saddle“ - Befestigungsschellen, die ein Langloch aufweisen, in die die Einbauteil- Gewindestücke eingeschoben wurden.
Kann nachträglich ein beliebiges Fassadeelement einzeln ausgebaut werden oder muss man sich für seine Demontage vom Rand her hinarbeiten?
Jedes Panel kann einzeln entnommen werden. Wir haben im Schadensfall immer zwei Möglichkeiten: Betonkosmetik oder Austausch.
Ist die Kleinteiligkeit der Fassadenelemente in der Produktion begründet?
So klein sind diese Elemente ja nicht: immerhin bis zu 5,00 m lang und 2,00 m breit. Aus der Entfernung sehen sie fliesenartig klein aus, aber das Projekt ist riesig!
Tatsächlich wurden die Abmessungen der Paneele so gewählt, dass man sie noch mit einem LKW transportieren und auf der Baustelle händisch in die finale Position einbringen konnte.
Wie werden die Faserbetonscheiben vor Verschmutzung geschützt?
Die Oberfläche der Elemente ist komplett unbehandelt. Schmutz entsteht vor allem durch den Wüstenstaub und die wenigen, dafür aber umso stärkeren Regenfälle. Danach wird die Fassade im allgemeinen von Hand gereinigt. Dazu gibt es auf allen Dachflächen fest installierte Sicherungsleinen. Ferner existiert ein Ausstiegskonzept, das im Panelmuster versteckte Dachklappen aufweist, über die die horizontalen Fassadenflächen zugänglich sind. Hier tritt man aus und klinkt sich an den Leinen fest.
Herr Prof. Winterstetter, wir danken für das Gespräch!
Robert Mehl, Aachen