Project:
Contact:
Object:
Mercedes-Benz Museum
Type:
exhibition building
Location:
Stuttgart [satellite]
State:
Germany
Architect:
UNStudio 🔗, Amsterdam
Materials:
concrete, steel
Published:
Beton + Fertigteiljahrbuch 2007
Pages:
14 - 17
Content:
[article]      [image gallery]      
 

Mercedes- Benz Museum Stuttgart

Das Erbgut des Automobils

 
[no english version available]
Die Erbinformationen der Natur werden in der DNA abgelegt. Die komplexen Eiweißmoleküle besitzen die Struktur einer ineinander verdrehten Strickleiter, einer so genannten Doppelhelix. Gerne greift das niederländische Architekturbüro von Ben Berkel und Caroline Bos auf diesen geometrischen Begriff zurück, um das neue museale Volumen zu umschreiben, das sie für den großen Stuttgarter Autokonzern in Untertürkheim erdacht haben. Da auch ein Museum als ein Speicher für evolutionäre Entwicklungen bezeichnet werden kann, liegt der Gedanke nicht fern, dass den Architekten tatsächlich nicht nur die Gestalt, sondern auch das Wesen der Erbanlage vorschwebte, als sie daran gingen, diesen Bau zu entwerfen.
Nun will ein Firmenmuseum naturgemäß keinen Anspruch auf Objektivität oder Vollständigkeit erheben, tatsächlich muss dem Konzern aber zugestanden werden, dass seine beiden Gründungsväter Gottfried Daimler und Carl Benz die ersten mit einem benzingetriebenen Motor ausgerüsteten Fahrzeuge auf die Straße brachten. Damals zwar noch als Konkurrenten, aber lange bevor irgendein anderer es ihnen gleichtat. So ist die Geburtsstunde des Automobils eng mit der eigenen Firmengeschichte verbunden, und dem Museum kann zweifellos eine historische Vollständigkeit in Hinblick auf die dokumentierte Zeitspanne attestiert werden.
Der metallverkleidete amorph geschwungene und über 40 m hohe Bau steht direkt an der hier aufgeständerten B 14 und bildet mit seinem Gegenüber, dem Mercedes- Benz Werk, das neue südliche Entree der Neckarmetropole. Emporgehoben auf einem etwa sechs Meter hohen Sockel wurde sein solitärer Charakter durch eine zusätzliche topografische Exposition noch einmal verstärkt.
Gleich seinen mobilen Exponaten kann der Bau in seine äußere ästhetisierte Hülle und die darin gebändigte Informationskraft aufgeteilt werden. Ähnlich wie bei einem Mobil ist der Wille zu einer dreidimensionalen Durchgestaltung des Bauwerkes ablesbar. Hier ging es nicht mehr darum, zweidimensionale Grundrisse plump übereinander zu stapeln und eine Tapete davor zu kleben. Der Bau und mithin seine Ausstellung waren von vornherein als sinnliches Erlebnis in allen drei Dimensionen konzipiert: Das Gebäude ist nur mehr die sichtbare Hülle eines ineinander verdrehten Ausstellungsweges, der sich spiralförmig gen Himmel schraubt.
Bedauerlicherweise kann der Besucher eine fußläufige äußere Annäherung an das Museum und mithin die sinnfällige Erfahrung der Hülle leicht umgehen, da er sich von dem dazugehörigen Parkhaus durch die in die Sockel integrierten Verkaufs- und Präsentationsräume hindurch direkt zum Empfang der Ausstellung begeben kann. So bleibt ihm der erste Akt der architektonischen Inszenierung verborgen. Um im Bild zu bleiben: Er ignoriert die Karosserie und beginnt gleich beim Motor.
Der erste unmittelbare Eindruck der inneren Architektur ist das nierenförmige Atrium in der Gebäudemitte, die gut 40 m hohe Zentralerschließung des im Grundriss kleeblattartigen Komplexes. Diese Figur besteht aus drei im Dreieck angeordneten Ellipsoiden, die sich in einem Zentrum überlagern. Der zentrale Luftraum ist diese Schnittmenge. In der Vertikalen sind die Geschosse der drei Gebäudeflügel gegeneinander höhenversetzt. Zwei strudelartige Rampensysteme verbinden diese Ebenen miteinander. In der Verknüpfung der horizontalen Ebenen mit den beiden geschwungenen Vertikalerschließungen entsteht die eingangs erwähnte Doppelhelix, die verdrehte Strickleiter.
Die jeweils übereinandergeschichteten Ausstellungsebenen öffnen sich abwechselnd nach außen oder nach innen zum Atrium hin. Die zur Landschaft gewandten Räume bilden die so genannte Kollektion, die umfassende Fahrzeugsammlung, während in dem nach innen gerichteten Mythosbereich die legendären mobilen Schmuckstücke mit der allgemeinen geschichtlichen Entwicklung in einen Bezug gesetzt werden.
Der Rundgang beginnt mit einer Aufzugsfahrt unter das Dach des Museum. Von hier flaniert man über die sacht abfallenden Rampen allmählich nach unten. Die geneigten Wege folgen der geschwungenen Außenhülle und umfassen elegant den nächsten, jeweils tiefergelegenen horizontalen Mythosraum, auf den sie den Blick von oben kommend freigeben. In der geschlossenen Außenflanke der Erschließungsschrägen sind hinterleuchtete Textflächen und Wandvitrinen eingelassen, die ein allgemeines historisches Bild der jeweiligen Zeit vermitteln.
Die Raumfolge der Kollektion ist in der vertikalen durch eine Treppenkaskade verbunden. Sie ist wie der gesamte Themenbereich natürlich belichtet und gestattet einen atemberaubenden Blick auf das Umland. Im Vergleich zu den sinnfälligen Rampen wirkt diese Stufenfolge seltsam zurückhaltend, wodurch der übliche Besucherweg in der Regel wohl der Dramaturgie der Mythosräume folgt, um von dort immer wieder stichartig in die Kollektionsräume zu gelangen, die mit großzügigen Passagen jeweils an den anderen Bereich angebunden sind.
Der spiralförmige Rampenbau wird von drei Versorgungskernen in die Höhe gehoben. Ausgeführt sind diese, wie auch die Ausstellungsebenen, in Sichtbeton. Dies machte es erforderlich, neben der Realisation der erforderlichen Statik in den komplexen Geometrien auch noch die komplette Haustechnik im Vorfeld der Planung mit zu berücksichtigen. Statisch betrachtet fungiert das umlaufende Rampensystem der Mythosebenen als ein Hohlkastenträger mit aufgehender Außenwand: ausgeführt in B 55 und einer Wandstärke von 50 cm. Die Rampenspirale ist zusätzlich zweifach geneigten Fassadenstützen aufgelagert, die auch von außen sichtbar sind. Auf deren präzise Ausführung und Scharfkantigkeit legten die Architekten großen Wert, weshalb diese als Betonfertigteile vorproduziert worden sind. Sie variieren in ihrer sechseckigen Querschnittsgeometrie und natürlich in ihrer Länge. Ein Stahlmantel kam als verlorene Schalung zum Einsatz. Vor Ort wurden die Elemente zunächst an der Bewehrung montiert und schließlich einbetoniert.
So strudelartig sich die Architektur präsentiert, so komplex und verwirrend ist auch das statische System, das die Anlage trägt. Tatsächlich ist die Art und Weise, wie das Gebäude entworfen und geplant wurde, sehr verwandt mit den Strategien, mit denen heutzutage Fahrzeuge entwickelt und zur Serienreife gebracht werden. So werden Motoren zunächst in virtuellen Modellen eingepasst und ihr Verhalten in komplexen Simulationen ausgiebig getestet.
Vielleicht war sogar das Erkennen der nahen Verwandtschaft zwischen dieser extrem rechnergestützten Baukunst und der eigenen Arbeitsweise das berühmte i- Tüpfelchen, das die Verantwortlichen in Untertürkheim dazu bewog, dieses Projekt in die Hände der niederländischen Architekten zu legen.
Robert Mehl, Aachen