Project:
Contact:
Object:
farm "Hag"
Type:
private house
Location:
lower Bavaria
State:
Germany
Architect:
Ulmer & Ilg Architekten 🔗, München
Materials:
old building reconstruction
Published:
dbm 07/2012
Pages:
52 - 57
Content:
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Sanierung einer historischen Scheune in Niederbayern

Abgehoben

In Bayern wurde die Scheune eines Vierseithofs zum Wohnhaus umgebaut. Dazu zerlegten die Handwerker den originalen Dachstuhl und betonierten ein neues Haus ins alte Haus.
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Haus im Haus
Die C-förmige, talabgewandte Hofanlage liegt am nördlichen Hang einer sanften Aulandschaft, vielleicht 2 km westlich von einem kleineren Marktflecken in Niederbayern. Im Prinzip ist es ein traditioneller Vierseitenhof. Die fehlende nordwestliche Seite wird jedoch durch eine Böschung ersetzt, die alsbald in die mit buschwerkbesetzte Hügelkuppe übergeht. Neben der Scheune besteht das Ensemble aus zwei kleineren Gebäuden, die seitlich dazu angeordnet sind. Der näher zur Straße gelegene südwestliche Teil ist das alte bäuerliche Wohnhaus. Schon von weitem zerfällt die ehemalige Scheune optisch in zwei Teile: in eine weiße Sockelzone sowie in einen darauf aufgesetzten, dunkelgrünen Baukörper, der aufgrund seiner zahlreichen Durchdringungen so ziseliert, wie auch amorph erscheint. Dieses aus Ortbeton geschaffene Volumen wirkt wie ein Ballon, der zwischen den Sockel und das rote Dach gequetscht wurde und scheint dieses durch seinen Überdruck vom ersteren emporzuheben. Der Schein trügt aber: Würde man die Lage des Daches vermessungstechnisch überprüfen, würde man feststellen, dass es gegenüber seiner ursprünglichen Position lediglich um die Stärke einer Betondecke höher liegt. Tatsächlich haben Ulmer und Ilg Architekten aus München mit dieser „Blobb“-artigen Ortbetonarchitektur nur gegebene Lufträume der historischen Scheune aufgefüllt.
Vom Kuhstall zur Wohnung
Der Zugang zu dem Bau erfolgt vom Hof aus über das alte Tennentor. Der alte Heuwagenparkplatz dahinter ist nunmehr ein zweigeschossiges Eingangsfoyer. Etwa im Verhältnis 1:3 wurde die alte Scheune aufgeteilt in zwei Flügel. In dem größeren, südwestlichen Teil, der einmal der Kuhstall war, findet sich eine komfortable zweigeschossige und weitgehend offene Wohnlandschaft mit Kinderzimmern, mehreren Arbeitsräumen und der Küche. Der kleinere, im Nordosten gelegene Bereich, in dem einst das Heu gedroschen wurde, ist geschlossen und nimmt das Elternschlafzimmer, ein Arbeitszimmer sowie den Hauswirtschaftsraum auf. Eine offene, zweiläufige Treppe führt in der ehemaligen Tenne nach oben und trifft dort auf eine brückenartige Verbindung. Diese kreuzt die Eingangshalle und ist Teil eines Flures in der Mittelachse des Obergeschosses. Belichtet wird die Etage über so genannte Lichtkanonen, welche im Bereich des Daches einen gaubenartigen Charakter haben. Sie vergrößern augenfällig den Innenraum, sind aber nicht nach außen ausgestellt und schließen damit bündig mit dem nach außen die Silhouette prägenden alten Scheunendach ab.
Betonkonstruktion
Infolge der großen Neigung derselben musste für den Betonkörper nicht nur eine Innenschalung, sondern auch eine Außenschalung gestellt werden. Beide fertigte ein Zimmermannsbetrieb in einer handwerklich anspruchsvollen Sonderkonstruktion, die als ein temporärer Dachstuhl interpretiert werden kann. Eine nachhaltige Besonderheit war es ferner, dass der Auftragnehmer verpflichtet wurde, diese Schalung hinterher wieder zurückzunehmen. Sprich: sie war auf eine weitgehende Zerstörungsfreiheit ihrer Einzelteile hin optimiert, so dass sie noch anderweitig verwendet werden konnte. Die als Lichtkanonen bezeichneten, daraus hervorragenden Erker wurden erst in einem zweiten Arbeitsschritt an das Volumen angeformt. Der dachartige Teil des Betonvolumens ist im Mittel 25 cm stark und besitzt eine außen liegende Dämmung, die aus 14 cm Mineralwolle besteht. Sie ist eingebracht in eine Holzunterkonstruktion ohne Hinterlüftung, die von einer 19 mm starken OSB- Plattenverkleidung nach oben geschlossen wird. Diese wiederum ist in zwei Lagen mit Bitumenschindeln beschiefert. Letzteres ist die eigentliche wasserführende Schicht. Das alte Dach, darauf in offener Bauweise neu errichtet, besitzt keine Anforderung an Dichtigkeit und Isolation. Die Betonblase weist keinen First auf, sondern ist oben abgeflacht und über ein horizontales Lichtgeschütz als Freisitz zugänglich. Obwohl dieser Ort, frei von direkter Sonne, direkt unter dem alten Dach gelegen ist, überrascht hier die Helligkeit: Zahlreiche, in die Dachfläche eingestreute Glasbausteinschindeln sorgen neben den offenen Ortgängen für angenehmes Licht.
Das alte Dach
Nach Vollendung des Betonbaus und seiner außen liegenden Dämmung wurde darauf das alte Scheunendach, natürlich in einer marginal instand gesetzten Form neu errichtet. Dabei ist die Passgenauigkeit beeindruckend. War man während der Bauphase geneigt, den ein oder anderen Auswuchs des Betonkörpers als willkürlichen Akt einer architektonischer Exzentrik zu interpretieren, so stellt man nun erstaunt fest, dass dieses allein das vakante Volumen war, das genutzt werden konnte. Das alte Dach hat die Funktion eines Sonnenschirmes: es soll im Sommer vor allem Schatten spenden. Hitze kann sich darunter kaum bilden, bedingt durch die offene Konstruktion, fließt die Stauwärme zu den Giebelseiten hin ab. Auch im Winter mildert der aufgesetzte Witterungsschutz die Temperaturextreme und senkt so den Energiebedarf.
Subtiler Eingriff
Die subtile, kaum merkliche Wirkung ihres Eingriffes war den Architekten überaus wichtig. Im idealen Fall soll man zehnmal an der Scheune vorbeifahren, bevor einem etwas an ihr auffällt. Wichtig war ihnen aber auch, dass unter dem Erhalt der alten Kubatur die angestrebte Wohnqualität nicht leidet. Aus diesem Grund wurde die Wohnskulptur ein wenig in das Erdreich versenkt, um zwei Vollgeschosse zu erhalten. Aber gerade dieses unterschwellige Unterstatement macht die hohe Qualität dieses Projektes aus. Das Zeigen und Bewahren des Alten, wie auch das moderate Inszenieren des Neuen macht diesen Bau gerade so vorbildlich.
Robert Mehl, Aachen
http://www.dachbaumagazin.de