Project:
Contact:
Object:
farm "Hag"
Type:
private house
Location:
lower Bavaria
State:
Germany
Architect:
Ulmer & Ilg Architekten 🔗, München
Materials:
old building reconstruction
Published:
bhw 09/2012
Pages:
10 - 14
Content:
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Scheunensanierung in Niederbayern

Wohnen in der Betonskulptur

In Niederbayern wurde eine Scheune mit integriertem Kuhstall zu einem privaten Wohnhaus umgebaut. Erhalten blieben dabei das alte Dach und Sprengwerk. Der Neubau aus Ortbeton wurde quasi formschlüssig darunter eingepasst.
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Der ehemalige 4-seiten Hof aus dem 16. Jhd. liegt etwa auf halber Strecke, fernab jeder Autobahn, zwischen Landshut und Passau. Der nächste Ort ist etwa 2 km entfernt. Das Anwesen steht auf dem leicht ansteigenden Nordhang eines sanften, für Niederbayern typischen Tales. Heute besteht die Anlage noch aus drei Gebäuden, dem alten bäuerlichen Wohnhaus im Westen, der sanierten Scheune im Süden sowie einem weiteren, stallartigen Gebäude im Osten. Der Nordflügel ist über die Jahrhunderte verloren gegangen – eine Baum bestandene Böschung und eine darin integrierte Quellfassung begrenzen stattdessen in dieser Richtung den Hof. Die zentrale Planungsidee war es, die äußere Erscheinungsform des Gehöftes grundsätzlich zu erhalten. Dennoch sollte die Sanierung aber bei genauerem Hinsehen an der Scheune ablesbar sein. Die Architekten Ilg und Ulmer ersannen ein Konzept, um das vorhandene, lichte Raumvolumen des Scheunendaches mit einer amorph geformten Betonskulptur zu verdichten. Dazu maßen Sie die bestehende Konstruktion exakt auf, zerlegten das Dach vollständig und errichteten an dieser Stelle zunächst einen kompletten Neubau in Ortbeton. Dabei wurde jedoch das aufgehende Mauerwerk des Bestandes, welches den eigentlichen Stallbereich definierte, nicht abgerissen, sondern auch in die Baumaßnahme integriert.
Raumaufteilung
Die zusätzlichen, neu in Beton gegossenen Räume, schließen nach Osten an den gemauerten Bestand der historischen Scheune an bzw. liegen darauf auf und formen so das neue Obergeschoss. Dieser neue Ostflügel füllt die ehemalige Tenne, d.h. die ehemalige Stellfläche des Heuwagens auf. Er beinhaltet das über alle Geschossebenen sich erstreckende Foyer mit der zweiläufigen Treppe ins Obergeschoss sowie an der Stirnseite im Erdgeschoss, ein Büro, einen Hauswirtschaftsraum und darüber das Schlafzimmer der Eltern mit einem angeschlossenen Bad. Der ehemalige Stallbereich wurde als große, offene Wohnlandschaft konzipiert. Diese wird von zwei großen Räumen geprägt, die über Eck miteinander verbunden sind. Flankiert wird die großzügige Raumdiagonale im Südwesten von einem weiteren Arbeitzimmer sowie im Norden von einer geräumigen Küche. Letztere ist zum gekiesten Hof hin orientiert und recht mittig im Gebäude angeordnet. Mit Blick auf die funktionalen Abläufe im Haus, ist beides von großem Vorteil. Das ganz neu geschaffene Obergeschoss dient vornehmlich dem Schlafen. Es wurde um einen durchgehenden, ziemlich genau unter dem Dachfirst verlaufenden Flur angeordnet, der zu beiden Seiten erst an den Stirnwänden der Scheune endet. Diese sind hier jeweils mit einer Glastür durchbrochen und führen beide auf kleine, balkonartige Podeste. Die davon abgehenden Zimmer werden über Erker belichtet, die entweder knapp unter der Traufe des Scheunendaches hervorlugen, oder radikal die Dachfläche durchdringen. Die Planer sprechen diese Erker auch gerne als Lichtkanonen an.
Ausblicke
Blickbeziehungen nach außen waren den Architekten besonders wichtig. Dabei peilten sie aber jeweils nicht ein spezielles Ziel an, vielmehr ging es ihnen um eine an dieser Stelle eher unerwartete Perspektive. Einfluss darauf nahmen sie durch eine völlig freie Wahl der Brüstungs- bzw. Sturzhöhe. So ist bei manchen Öffnungen der Horizont etwa nur im Sitzen und im Stehen nur das unmittelbar umgebende Gelände zu sehen. Andere Öffnungen erlauben dagegen nur einen abstrakten, weil sehr fokussierten, Blick gen Himmel: Am Tage etwa auf Wolken, des Nachts auf Sterne.
Konstruktion
Bedingt durch den skulpturalen Charakter des Betonkörpers, der das Dach formt, war es erforderlich, nicht nur eine Innen-, sondern auch eine Außenschalung zu erstellen. Der Architekt Klaus Ilg bezeichnete die geforderte Schalung als temporären Dachstuhl, denn sie sollte so erstellt sein, dass sie weitgehend zerstörungsfrei wieder demontiert werden kann, wenn es gilt, den ausgehärteten Beton auszuschalen. Die Planer hatten daher in der Ausschreibung die Rücknahme der Schalung zur Vergabebedingung gemacht. Diese Anforderung war einer der wesentlichen Gründe, warum die Ausführung des Gewerkes an die Schreinerei Bammersperger aus Arnstorf vergeben wurde. Deren Zimmerleute erstellten eine handwerklich anspruchsvolle Sonderkonstruktion, welche die Architekten gerne als temporären Dachstuhl bezeichnen. Das neue Dach weist eine im Schnitt 25 cm starke Betonwandung auf, die nach außen hin mit 14 cm Mineralwolle gedämmt ist. Eingebracht wurde die Faser in eine nicht hinterlüftete Holzunterkonstruktion, welche von einer 19 mm starken OSB- Verkleidung nach außen geschlossen wird. Diese Spanholzplatten wurden wiederum mit zwei Lagen grüner Bitumenschindeln belegt, welche die eigentlich wasserführende Schicht darstellen. Der Betonkörper ist an seiner Oberseite abgeflacht und weist keinen First auf. Der Bereich ist über eine Dachluke zugänglich. Es ist angedacht, ihn auch als Freisitz zu nutzen. Jedoch müssten zuvor noch Absicherungen, wie etwa Geländer, installiert werden. Obwohl frei von direkter Sonneneinstrahlung, überrascht dieser Dachraum mit einer ungeahnten Helligkeit. Zahlreiche Glasschindeln, die in die Dachfläche locker eingestreut sind, sorgen neben den offenen Ortgängen für ausreichend Licht.
Das alte Dach
Über den Neubau aus Beton wurde das alte Scheuendach quasi an alter Stelle wieder hergestellt. Dabei wurden jedoch daran keinerlei Anforderungen hinsichtlich Dichtigkeit oder Isolation gestellt. Es fungiert einfach als zusätzlicher Schirm bei schönem Wetter gegen die Sonne, bei schlechtem Wetter gegen Regen. Darüber hinaus wirkt das alte Scheunendach wie ein zusätzlicher Klimapuffer. Es minimiert im Sommer effektiv die direkte Sonneneinstrahlung und wirkt im Winter aufgrund eines latenten Windschutzes starken Frostangriffen auf die eigentliche Gebäudeisolation entgegen. Natürlich wurde im Zuge der Baumaßnahme das alte Dach an seinen schadhaften Bauteilen instand gesetzt. Beeindruckend ist insgesamt die schon eingangs erwähnte Passgenauigkeit des Betonkörpers. War man während der Bauzeit noch geneigt, die ein oder andere Ausformung der Exzentrik der Architekten zuzuschreiben, erkennt man nun, inwiefern die verschiedenen Auffaltungen allein dazu dienten, einem historischen Binder respektvoll Platz zu machen.
Fazit
Die wenigsten Eigentümer einer maroden, alten Scheune mit ehemals integriertem Kuhstall verfallen auf die Idee das Gebäude zu sanieren, um es in ein Wohnhaus umzunutzen. Um so mehr gilt es diejenigen zu würdigen, die zudem bestrebt sind, die historischen Bauteile zu erhalten, gar Instand zusetzen und schließlich die neuen Elemente so offensichtlich zu gestalten, dass auf diese Weise ein formaler Kontrast zum Altbestand geschaffen wird. Das alles mit einem bemerkenswert hohen handwerklichen Anspruch. Respekt!
Ausführung der Lichterker
Markant für das gesamte Projekt sind die nach außen gestülpten Erker. Die Architekten Michael Ulmer und Klaus Ilg bezeichnen diese gerne als Lichtkanonen. Passender in Bezug auf ihre wahre und durchaus beeindruckende Funktion ist jedoch der Begriff „Sammeltrichter“: Denn sie sammeln sowohl dass Außenlicht, wie auch ausgewählte Eindrücke der Außenwelt ein. Die Erker wurden wie der übrige Neubau ebenfalls in Ortbeton und in identischer Bauweise erstellt. Zunächst wurde das Volumen des Kernbaus errichtet und dabei Anschlussbewehrungen für die Erker vorgesehen. Daran stellten die Zimmerleute der Schreinerei Bammersperger eine sägeraue Brettschalung an, um die gewünschte gröbere Sichtbetonopitk für die Innenwandflächen zu erhalten. Auch der Außenwandabschluss erforderte eine präzise Schalung, um die gewünschte Maßhaltigkeit bei diesen plastischen Raumgebilden sicherzustellen. Klaus Ilg vergleicht das Vorgehen mit dem Bauen einer schiefen Wand. Ein besonderes Ziel war zudem, die zwangsläufig entstehende Anschlussfuge hin zum Gebäudekern so präzise und damit so unscheinbar wie möglich auszuführen. Der gesamte Sichtbetonkörper sollte insbesondere in seinem innern als eine monolithische Einheit erscheinen. Die Wärmedämmung der Erker erfolgte in identischer Weise, wie bei den übrigen Dachflächen des eingeschobenen Neubaus: Zunächst doppelten die Handwerker eine 14 cm starke, nicht hinterlüftete Holzunterkonstruktion auf, legten in diese eine Mineralwolledämmung ein, um schließlich den Aufbau mit einer 19 mm starken OSB- Platte zu schließen. Wie anderen geneigten Betonbereiche unterhalb des historischen Daches wurden auch die Erker mit einer doppelten Lage grüner Bitumenschindeln als wasserführende und äußerste Schicht belegt. Jene Lichtrichter aber, die das abschließende Satteldach durchdringen und dadurch die Sichtbeziehungen zum Himmel gewähren, wurden mit einer die Dachfenster umgebenden Metallblechkonstruktion an die sanierte Dachziegeloberfläche angeschlossen. Der größte vertikale Lichterker umfasst eine Bauhöhe von rund 3 m. Obwohl die Schalungsarbeiten zu allen 15 Erkern handwerklich sehr aufwändig war, konnte der Rohbau dieser Appendixe in nur drei Wochen fertig gestellt werden.
Robert Mehl, Aachen
http://www.bauhandwerk.de