Project:
Contact:
Object:
Type:
school building
Location:
Lünen [satellite]
State:
Germany
Architect:
Harald Deilmann 🔗, Münster
Materials:
Benthaus Architekten 🔗, Lünen (refurbishment)
Published:
Landschaft Westfalen Nr. 4/2022
Pages:
12-13
Content:
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Architektonisches Lebenswerk von Harald Deilmann

Ist das (Bau-)Kunst – oder kann das weg?

Der in Münster beheimatete Architekt Harald Deilmann (1920-2008) prägte mit über 1.700 Projekten wie kaum ein anderer den bundesdeutschen Wiederaufbau. Insbesondere in Westfalen realisierte er zahlreiche öffentliche Bauten und Schulen, viele davon sind stark sanierungsbedürftig. Manch einer hinterfragt deren Erhalt.
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Auch wenn sein Name bei weitem nicht so hell strahlen mag, wie etwa der des bislang einzigen deutschen Pritzker- Preis- Trägers Gottfried Böhm, so ist die bundesdeutsche Nachkriegsarchitektur ohne das Werk eines Harald Deilmann in hohem Maße unvollständig. Tatsächlich werden fast alle Leser irgendwann einmal eines seiner Bauwerke, wenn nicht betreten, dann aber zumindest bewusst zur Kenntnis genommen haben – freilich in Unkenntnis seines Schöpfers. Das Werk, das für einen Westfalen sicherlich meisten aus seinem Schaffen herausragt, ist das Schauspielhaus in Münster, gefolgt von dem dortigen, ehemaligen Kreishaus (heute Rathaus 2) sowie den Verwaltungsbauten der WestLB und der von Nordwestlotto. Aber Deilmann entwarf genauso den ikonografischen Düsseldorfer Fernsehturm am Rhein und führte die Planungen zu den drei landeseigenen Spielbanken in Aachen, Bad Oeynhausen und Hohensyburg aus.
Deilmann war ein reger Architekt, der an mehr als 600 Wettbewerben teilnahm und etliche davon gewann, darunter viele Bildungs- und Schulbauten. Bildungsbauten hatten Zeit seines Lebens eine besondere Stellung in seinem Schaffen, hatte er doch zu diesem Thema zwischen 1951-53 an der TH Stuttgart promoviert. Thema seiner Doktorarbeit war die "Raumtypenbildung im Schulhausbau" und seine Forschungserkenntnisse mündeten sowohl in zahlreichen, durchaus innovativ zu nennenden Schulbauten, wie auch in einigen wegweisenden Büchern zu diesem Thema.
Essenz seiner Schulbauten
Deilmann entwickelte eine Übersicht von häufigen Raumtypen an Schulen, welche als allgemeine Entwurfsgrundlage dienen sollte. Seine Erkenntnisse betrachtete er mehr als Vorschlag, denn als Vorschrift. Es sollte eine Arbeitserleichterung sein, um dem Planer mehr Zeit zu geben für eine intensive Auseinandersetzung mit projektspezifischen Fragen. So war er überzeugt, dass eine örtliche Situation, eine Konstruktions- oder eine Baumaterialwahl jeweils nur für ein Objekt festzulegen seien. Strikt verwahrte er sich deshalb gegen eine Standardisierung von Schulbauten. In einem offenen Brief wandte er sich 1972 gegen das Land Nordrhein- Westfalen, das dazu aufgefordert hatte, eine gemeinsame Typenplanung zum Bau von gleich fünf Gesamthochschulen zu entwickeln. Er verweigerte seine Wettbewerbsteilnahme mit der Begründung: "Der Bau neuer Universitäten dürfe sich nicht mit der Erstellung wetterfester Nutzflächen erschöpfen." Vielmehr forderte er als Hochschullehrer, der an der Universität Dortmund eine Professur inne hatte, mehr schöpferischen Spielraum für die Planer.
Deilmann hatte da bereits für Schulgebäude das Prinzip der gestaffelten Stammklassen entwickelt, bei dem jedes Klassenzimmer mit zwei Fensterbändern ausgestattet war: Eines diente der eigentlichen Blickbeziehung nach außen, das andere belichtete indirekt die Decken und reduzierte damit den Kunstlichtbedarf im Unterricht. Die von ihm ab Mitte der 1960er realisierten Schulbauten sind durchweg von diesen Unterrichtsräumen gekennzeichnet und waren für Deilmann in dieser Hinsicht stilbildend.
Ein anderes Kennzeichen für die Unterrichtsgebäude von Deilmann ist eine sehr hohe Grundrissflexibilität. So bestanden die Bauten meist aus einem in Achsen gegliederten Rohbaugrundriss, basierend auf einem Betonstützensystem. Die Innenräume wurden hingegen mit leichten Trennwänden abgeteilt. Rückblickend erwies sich genau das als problematisch für den heutigen Brand- und Schallschutz. Die Bauten an den heutigen Stand der Technik anzupassen, stellt einen Großteil der aktuellen Sanierungsmaßnahmen an seinem Werk dar.
Deilmanns Werdegang
Harald Deilmann (1920 – 2008) entstammte einer Gladbecker Kaufmannsfamilie und wurde 1938 gleich nach seinem Abitur zur Wehrmacht eingezogen. 1943 kam er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und war in einem Lager im US- Bundesstaat Kansas interniert. Dort war man bemüht, die gefangenen Soldaten zur Demokratie umzuerziehen und bot ihnen zahlreiche Fortbildungsmöglichkeiten an. Hier entdeckte Deilmann die Architektur für sich und belegte alle entsprechenden Kurse. 1946 aus der Gefangenschaft zurück, schrieb er sich alsbald an der Universität Stuttgart für das Fach ein und wurde aufgrund seiner Vorkenntnisse in das vierte Semester eingestuft. Ein begabter, vorgebildeter und ideologisch unbedenklicher Student war hier hochwillkommen, wurde gefördert und nach einem schnellen Studium direkt als Assistent eingestellt.
Die junge, noch kriegszerstörte Bundesrepublik wollte wiederaufgebaut werden und Deilmann beteiligte sich früh an zahlreichen Wettbewerben. 1952 gewann er als Teil eines jungen Architektenteams, das neben ihm aus Max von Hausen, Ortwin Rave und Werner Ruhnau bestand, den offenen Wettbewerb zum Bau des neuen Schauspielhauses von Münster. Es sollte der erste Theaterneubau nach 1945 in der Bundesrepublik werden. Allerdings stieg Deilmann noch vor dessen Eröffnung aus der Planungsgemeinschaft aus und gründete sein 1955 eigenes Büro. Er begründete dies einmal knapp mit der Feststellung, dass man "Verantwortung nicht teilen kann". 1964 erhielt er seinen ersten Ruf als Professor für Gebäudelehre an die Universität Stuttgart.1971 wurde er Gründungsbeauftragter der Fakultät für Bauwesen der Universität Dortmund und im Folgenden deren Gründungsdekan. Schon 1962 hatte er als erster Vertreter seiner Generation den Großen Kunstpreis des Landes Nordrhein- Westfalen erhalten. Diese Anerkennung war zuvor Architektur- Koryphäen wie etwa Mies van der Rohe oder Walter Gropius vorbehalten gewesen. Bis ins hohe Alter arbeitete er unermüdlich in seinem Büro und beteiligt sich nach seiner Emeritierung 1985 zunehmend auch an internationalen Wettbewerben. 1987 gewann er das Verfahren zum Bau des Nationaltheaters in Tokio. Im Jahr 2000 gewann er seinen letzten Wettbewerb zur Erneuerung des Stadtquartiers San Lorenzo in Rom. Bis zu seinem Tod am Neujahrstag 2008 wurden durch sein Büro mehr als 1.700 Projekte bearbeitet.
Die acht Faktoren
In zahlreichen Schriften beschrieb Deilmann seine entwerferische Arbeitsweise. Er erkannte acht Faktoren, die dafür in Einklang zu bringen seien: Den Ort, die Topographie, den Innenraum, die Gebäudefunktion, die Konstruktion, das Baumaterial, die Lichtführung und schließlich die Einbindung von Kunst. Die Punkte bedeuteten in ihrer Reihenfolge keine Gewichtung, drückten vielmehr aus, dass sie allesamt gleichberechtigt waren. Kunst am Bau rangierte für ihn somit auf Augenhöhe mit der Konstruktion. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass Deilmann professoraler Begründer des Dortmunder Modells war. Bis heute werden dort Architekten und Bauingenieure zusammen an einer Fakultät ausgebildet und lernen bereits im Studium, im Team zu arbeiten. Deilmann war Zeit seines Lebens aufgeschlossen für neue Bauweisen und Materialien und setzte diese auch an seinen Bauten ein. Dass dies über die Jahre mitunter zu erheblichen Bauschäden führte, mag man aus heutiger Sicht zwar kritisieren, seinem damaligen Innovationsgeist gilt es jedoch großen Respekt zu zollen.
Beispiel Gymnasium Altlünen
Das Mitte der 1960er entstandene Gymnasium in Altlünen steht in einer Folge zahlreicher von Deilmann realisierter Schulbauten. Allen gemeinsam ist ein gestaffelter Aufbau der Gebäudeflügel mit Klassenzimmern. Dabei springt mit jedem Geschoss das Gebäudevolumen um eine Raumbreite zurück, jeder Unterrichtsraum besitzt damit ein eigenes Flachdach. Zur Entwässerung dieser Flachdächer ordnete der Architekt in die Ortbetontrennwände integrierte Fallrohre an. Diese bestanden – wie seinerzeit üblich – aus Gusseisen und waren irreversibel einbetoniert. Die Flachdächer waren bekiest, die Regeneinläufe besaßen noch keine Fanggitter. Niederschlag schwemmte Steine in die Fallrohre, welche sich zusetzten und irgendwann den Dienst versagten. Auch war es zu dieser Zeit nicht üblich, die Flachdächer mit einer zweiten Notentwässerung auszurüsten. Wasser stand in den Fallrohren, diese korrodierten und wurden undicht, auf den Dächern sammelte sich das Regenwasser und drückte zunehmend in das Betondach hinein. Ein ehemaliger Schüler erinnert sich, dass in zahlreichen Klassenzimmern das Wasser von der Decke tropfte.
Außensanierung
Seit über zehn Jahren betreut das in Lünen ansässige Architekturbüro von Alexander Benthaus dieses Projekt. Denn anders als bei großen Prestigeprojekten wie der Neuen Nationalgalerie in Berlin können Schulen nicht in einer konzertierten Aktion durchsaniert werden. Die Arbeiten erfolgen vielmehr in kleinen Schritten, immer dann, wenn im städtischen Haushalt sich etwas Geld dafür findet und meist, wenn Ferien sind.
Die beschriebenen Wasserschäden konnte man nur durch Anlage einer neuen Dachentwässerung mit außen liegenden Fallrohren abstellen sowie der zusätzlichen Einrichtung einer Notentwässerung in Form stählerner Wasserspeier. Dass die ursprünglichen Fenster kaum dämmten, mag nicht verwundern, sie wurden mit als erstes durch Neue ersetzt. Nichts desto trotz war sich Deilmann der Vorteile einer Wanddämmung bewusst und ließ die Fensterbrüstungen in Leichtbeton ausführen, wobei als Zuschlag ein Blähton verwendet wurde. Dämmbeton ist derzeit ein intensiv beforschtes Baumaterial, jedoch erwies sich der damalige Zuschlag als untauglich, da wasserdurchlässig. Eindringendes Wasser konnte so leicht bis zur Eisenarmierung vordringen und diese korrodieren. Insbesondere bei Frorst verursachte dies Abplatzungen des Deckbetons. Überdies entschied sich Deilmann aus formalen Gründen, auf Metallfensterbänke zu verzichten und deren Oberkanten in Sichtbeton auszuführen. Auch hierüber drang Wasser mit den erwähnten Folgen ein. Dem eindringenden Wasser und der Baustahlkorrosion wurde im Rahmen der Sanierung mit umfassenden Sandstrahlarbeiten, betonkosmetischen Fassadenversiegelungen und Metallfensterbänken begegnet. Derzeit finden diese Maßnahmen an einem zweiten großen Bauabschnitt der Schule statt.
Innensanierung
Für Deilmann's Architektur spricht, dass seinen Entwürfen nie Kostenerwägungen zugrunde lagen. Vielmehr stand seine Architektur dem seinerzeit angesagten Stil des Brutalismus nah. Viele Details seiner Bauten erinnern subtil an das Werk des großen Le Corbusier. Für das Gymnasium in Altlünen gilt dies insbesondere für die beeindruckende Schulaula, die gleichzeitig als mehrgeschossiges Foyer fungiert. Bei der ersten Sanierungsmaßnahme vor rund 11 Jahren stand die Innenraumsanierung als vordringliche Maßnahme auf der Agenda. Das offene Raumkonzept mit den fließenden, multifunktionalen Flurgrundrissen musste mit Brandschutztüren feuersicher gemacht werden. Tatsächlich erlaubt das heutige Brandschutzkonzept einen Verzicht von Sprinkleranlagen – auch in der besagten Aula. Problematisch waren die hölzernen Trennwände zwischen den Fluren und den Klassenzimmern, die als beidseitige Wandschränke ausgeführt waren. Für den Brandschutz mussten diese demontiert und durch eine feuerhemmende Trockenbaukonstruktionen ersetzt werden. Ein im ganzen Gebäude verlegter grüner Teppichboden musste aus demselben Grund weichen. Zudem war der Schulbau mit einer seinerzeit innovativen, elektrischen Fußbodenheizung ausgestattet, die aus heutiger Sicht ein unglaublicher Energiefresser und obendrein vom eindringenden Wasser in Teilen beschädigt war. Im Zuge der Sanierung wurden alle Fußböden mitsamt der elektrischen Heizung entfernt und durch eine Fernwärmeeinspeisung ersetzt. Die Böden erhielten einen neuen mineralischen und pflegeleichten Belag. Zur Vermeidung eines übermäßigen Halleffektes in den Fluren, der sich automatisch mit dem Wegfall der raumakustisch wirksamen Teppichböden ergeben hätte, wurden nunmehr schalldämpfende Deckensegel unter die Ortbetondecken montiert. Um die sichtbaren Sanierungsmaßnahmen mit dem Altbau in Einklang zu bringen, entwickelte das Architekturbüro Benthaus ein Innenraumkonzept, das man mit "hart gegen weich" umschreiben könnte. So wurden zunächst alle teilweise übermalten Sichtbetonflächen wiederhergestellt. Der harten Formsprache des Altbaus setze man abgerundete Formen der akustischen Deckensegel und eine in Kurven geführte Farbzonierung der Fußböden entgegen. Inspiration zu diesem "hart gegen weich"-Prinzip fand Benthaus vor allem bei der japanischen Architektur, insbesondere den kargen Zen- Gärten. Auch hier treffen oft harte Geometrien auf organisch belassene, häufig krumm gewachsene Hölzer, was eine Interaktion von Yin und Yang verdeutlichen soll. Beim Gymnasium in Altlünen lässt dieser Kontrast den "Bèton brut"-Charakter des Altbaus in besonderer Weise zur Geltung kommen und die sanierten Innenräume besonders wertig erscheinen.
Deilmanns Erbe
Auch wenn Deilmanns Bauten, nicht zuletzt wegen seiner Aufgeschlossenheit für innovative Bauweisen und -stoffe, in hohem Maße sanierungsbedürftig sind, kann deren augenfällige architektonische Qualität nicht verleugnet werden. Es sind eben keine seriell geplanten "Betonkästen", sondern durchweg individuelle Kompositionen, die eine Liebe zum Detail zeigen. So prägen das Altlüner Gymnasium äußerlich, neben den markant verspringenden Staffelgeschossen, expressive Abschlüsse der horizontalen Fensterbänder. Den formalen Höhepunkt findet der Schulbau jedoch in einem schachtartigen Oberlicht in seiner Aula. Darin ist eine Lichtskulptur aus zahllosen Kugeln installiert, die an einen Wasserschwall erinnert, der soeben vergossen wird. Diese Synthese aus Bauwerk und zeitgenössischer Kunst meint Deilmann in dem achten Punkt seiner Gestaltungsfaktoren. Allein dieser Brunnen wäre es wert, dass das ganze Bauwerk unter Denkmalschutz gestellt wird!
Robert Mehl, Aachen
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Der Düsseldorfer Rheinturm ist Deilmann's wichtigstes Werk
Das Theater Münster war sein erster bedeutender der Bau
In den Neubau wurden die Weltkriegsruinen des Romberger Hofes integriert
Das Gymnasium Altlünen ist von Deilmann's typischer Gebäudestufung gepägt
Die Klassenzimmer weisen doppelte Fensterbänder auf
Die Schulaula wird von einem schachtartigen Oberlicht dominiert