Project:
Contact:
Object:
corset-house
Type:
private housing
Location:
State:
Česká republika
Architect:
Šépka architekti 🔗, Prag
Materials:
old building refurbishment, concrete, steel
Published:
structure 20.02.2020
Pages:
online
Content:
[article]      
 

Wohnhaussanierung in Prag

Nicht beengendes Korsett

Nördlich vor Prag wurde ein baufälliges Siedlerhaus aus den 1930er Jahren mit einem inszenierten, äußeren Stahlkorsett durch den tschechischen Architekt Jan Šépka ertüchtigt und erweitert.
[no english version available]
Der Prager Stadtteil Suchdol liegt etwa 5km nördlich und moldauabwärts von dessen berühmten Burgberg dem Hradschin. Das Zentrum des osteuropäischen Großstadtvorortes ist geprägt vom mehrgeschossigen Wohnungsbau des Sozialismus, der allerdings zu seinen Rändern hin ausfranst und Platz macht für zahlreiche freistehende Siedlungshäuser, meist aus den 1920er - 1930er Jahren. Diese sind hier in der Regel zweigeschossig angelegt und weisen Walmdächer auf. Ein baufälliges Exemplar davon wurde in den vergangenen neun Jahren von dem Büro des tschechischen Architekten Jan Šépka umfassend saniert. Anlass für die langwierigen Arbeiten war, dass dessen Dachstuhl einerseits nicht zu halten, andererseits das Bestandsmauerwerk durch frühere Umbauten so geschwächt war, das eine Aufstockung um ein weiteres Geschoss eine planerische Herausforderung darstellte.
Zunächst wurde der Altbau bis auf das Erdgeschossvolumen zurückgebaut. Um das Bestandmauerwerk möglichst wenig zu belasten, arbeitete man auf der neuen Etage überwiegend mit Leichtbetonsteinen des Formates 2DF. Die Wände hier mauerte man in einer Art märkischen Verband als Sichtmauerwerk auf und schuf so eine Beton-brut- Optik. Die Betonplatte des Daches, deren Untersicht ebenfalls in Sichtbeton angelegt ist, hier jedoch mit sägerauen Schalungsbretter erstellt wurde, liegt darauf auf. Das gesamte Mobiliar, auch die so genannten "Schlafzellen" der beiden Kinderzimmer, die inneren Fensterrahmen, sowie die interne Treppe wurden hingegen in Birkensperrholz geschreinert.
Fassade als Hüllkörper
Der aufgestockte, in seiner Grundfläche etwa 11,50 m auf 13 m messende Bestand ist vollkommen umschlossen von einer feuerverzinkten, korsettartigen Stahlhaut, deren geschosshohen Gefache ein Modul von 1280 mm aufweisen. Dabei abstrahieren zwei Scharen gegenüberliegender und miteinander verschweißter L- Profile ein imaginäres Wandvolumen in einer Stärke von rd. 30 cm. Ausgesteift sind die so generierten Gefache jeweils durch eine Diagonalstrebe.<br< Während an der Nordwest- und der Südostseite dieser gerüstartige Mantel mit nur einem geringen Abstand vor dem Mauerwerk aufgeht, wurde an den beiden anderen Seiten die Metallkonstruktion mit einer Modulbreite Abstand vor den Bestand errichtet. Dabei behält die nordöstliche Hausfront durchaus ihren vorgestellten Charakter, bei der gegenüberliegenden, der südwestlichen Gebäudeseite greifen hingegen die Innenräume in diesen Vorbereich aus Metall ein. In diese sind nunmehr die Fenster eingesetzt, welche die thermische Trennschicht bilden.
So ergab sich die Möglichkeit, in die südliche Gebäudeecke den Eingang zu legen. Dieser führt in einen, dem Bestand vorgelagerter Wintergarten, der sich über die ganze Hausbreite erstreckt. Über dem Hauseingang wurde ein schmaler Balkon platziert, der im weiteren Verlauf in einen Obergeschosswintergarten übergeht. Von diesem Freisitz aus führt eine Stahltreppe hinauf zu einer, teilweise extensiv begrünten Dachterrasse. Eine gegenüberliegende, zweite Stahltreppe führt von der 160 m² großen Dachfreifläche wieder hinab in den Garten. Dieser einläufige Abgang nimmt die volle Modulbreite ein, die hier das äußere Stahlkorsett als Abstand zum Mauerwerk nimmt. Defacto ist die umlaufende, äußere Metallhaut ein subtiler Kunstgriff, die Wohn- und Nutzfläche nicht unerheblich aber formal sehr stimmig zu erweitern.
Robert Mehl, Aachen
https://www.structure-magazin.de/artikel/grosszuegiges-stahlkorsett-wohnhaussanierung-in-prag-35233