Project:
Contact:
Object:
Cadogan Song School
Type:
choir school
Location:
State:
Australia
Architect:
Palassis Architects 🔗, Perth
Materials:
precast concrete elements
Published:
Beton Bauteile 2020
Pages:
26 - 31
Content:
[article]      
 

Cadogan Song School, Perth

Gotik in Beton

Im australischen Perth wurde an den anglikanischen Dom eine Chorsingschule angefügt. Der Neubau besteht aus Betonfertigteilen, sein baldachinartiges Dach - eine Schalenkonstruktion - besitzt einen gotischen Charakter, der sich harmonisch in das denkmalgeschützte Ensemble integriert.
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Auf den ersten Blick scheint der Neubau eine Kapelle zu sein, die vor die südöstliche Chorfassade des anglikanischen Doms im westaustralischen Perth gesetzt wurde. Doch es handelt sich um die neue Chorsingschule, die nach ihrem Spender, dem englischen Aristokraten und Immobilien- Tycoon Charles Cadogan benannt ist. Während das Gotteshaus ein klassizistischer Ziegelbau des späten 19. Jhd. ist, lässt sich die aktuelle Ergänzung mit ihren weißen Flächen und ihren geometrisch reduzierten Formen unzweifelhaft in die heutige Zeit verorten, spielt aber formal bewusst mit gotischen Einflüssen:
Insgesamt 14, jeweils paarweise angeordnete Kreuzgratgewölbe überdachen baldachinartig ein knapp 100 m² großes Areal, unter dessen westliche Hälfte ein eingeschossiger Chorprobenraum geschoben ist. In der Osthälfte findet sich eine Wendeltreppe, die sich um eine angedeutete Vierungsachse hinauf windet. Diese obere Ebene - letztlich das Probenraumdach - liegt auf demselben Niveau wie die Kathedrale, die auf einer natürlichen Terrasse im Relief der Stadt errichtet ist. Der Chorprobenraum liegt effektiv im Untergeschoss derselben, seine Nebenräume sind von hier aus ebenerdig in den Untergrund eingegraben und reichen bis an die Kirchenfundamente heran.
Entworfen wurde der Neubau von dem in Perth ansässigen Büro Palassis Architects, das bereits zahlreiche Projekte für die Diözese realisiert hat. Die Tragwerksplanung stammt vom ebenfalls in Perth beheimateten Ingenieurbüro Pact Construction.
Gewölbe als Fertigteilschale
Alle sichtbaren Elemente der Singschule bestehen aus Weißbetonfertigteilen mit einer leicht strukturierten Oberfläche. Dies schließt nicht nur die drei gitterförmigen Wandelemente, die gewölbten Deckenträger des Probenraums und die kreuzförmigen Dachstützen ein. Es beinhaltet auch die Kreuzgratgewölbe der Dachjoche sowie die beiden Spitzen des über dem Wendeltreppenauge angeordneten Vierungsturms.
Jedes dieser Dachjoche besteht aus vier Fertigteilelementen, die jeweils in den Gewölbescheiteln aneinanderstoßen. Deren Höhe umfasst das komplett offene Obergeschoss. Hier entsteht ein ungeahnt monolithischer Eindruck, da der Betrachter besagte Scheitelfugen erst auf den zweiten Blick entdeckt. Die überwiegende Anzahl dieser konchenartigen Elemente sitzt ohne Sockel unmittelbar auf dem dunkelgrauen Natursteinbelag des Obergeschossfußbodens, wodurch wiederum eine bodennahe Horizontalfuge vermieden wurde. Unvermeidlich blieb jedoch eine Trennfuge in der Außenansicht, wo die Gewölbeschalen unmittelbar auf den Kreuzstützen des Erdgeschosses aufsitzen und mit diesen eine Vertikallinie bilden.
Für die Perfektionierung des monolithischen Erscheinungsbildes gaben die Architekten vor, alle Fertigteil-aufhängungen und -anschlüsse verdeckt auszuführen. Hier arbeitete man mit einbetonierten Stahlbolzen, die – aus den Unterkanten der Betonschalen ragend – in die Kreuzstützen beziehungsweise in die Wandelemente des Erdgeschosses eingeschoben wurden. Für diese kleinteilige Detailplanung war eine intensive Abstimmung zwischen den Tragwerksplanern und dem Fertigteilhersteller SA Precast erforderlich.
Kein wüster Wüstentransport
Die größte Herausforderung für den im südaustralischen Adelaide beheimateten Fertigteilhersteller bestand in der beschädigungsfreien Fertigteilanlieferung durch die Nullarbor Plains, eine Wüste mit einer schlaglochreichen Staubpiste, nach Perth. Dafür erhöhte man die Wandungsstärke aller Betonfertigteile von den erforderlichen 70 mm auf 135 mm und brachte zusätzlich eine 10 mm starke Randbewehrung ein. Um die beiden fast 10 m hohen und sehr schlanken Turmspitzen vor Bruch während des Transports und darüber hinaus zu schützen, beließ man diese bis zu ihrer endgültigen Platzierung in ihren am Computer generierten und mit CNC- Fräsen erstellten Sonderschalungen.
An der Baustelle angekommen, nutzte man diese passgenauen Transportbehälter zudem für deren präzises Auf- und Ausrichten. Ihr Vorteil war der kraftschlüssige Verbund mit dem Fertigteil, was bedingt durch den hohen Reibungswiderstand einen Verzicht auf Transportanker im Element gestattete. So waren auch keine unschönen Gewindeansätze erforderlich. Für beide Spitzen, die zusammen an eine Stimmgabel erinnern, hatten die Ingenieure spezielle Hubrahmen entwickelt, an denen man die Schalungen und damit die Betonbauteile befestigte. Sie waren so ausgelegt, dass die Turmspitzen, am Kranhaken hängend, eine lotrechte Position einnahmen. Die gewissenhafte logistische Vorbereitung war erforderlich, da die Singschule auf einem nicht befahrbaren Kathedralenvorhof entstand. Deshalb mussten alle Elemente mittels Autokran über eine Distanz von rd. 60 m präzise eingehoben werden.
Klein, aber oho
Wie eingangs erwähnt, ist die gut 2,5 Mio. Euro teure Domsingschule eine Spende von Charles Cadogan, der ein persönlicher Freund des anglikanischen Dekans von Perth, John Shephard ist. Sowohl für Cadogan wie für Shephard war es von zentraler Bedeutung, dass der neue Chorprobenraum über eine identische Akustik wie der benachbarte Dom verfügt. Deshalb kamen im eigentlichen Probenraum nur Oberflächenmaterialien zum Einsatz, die akustisch denen des Kirchenraums entsprechen oder – wie im Fall des Eichenfußbodens – sogar identisch sind. Mit seiner expressiven Formensprache erhielt der Neubau den „National Australien Architectural Award 2018“ in der Kategorie „Heritage“
Robert Mehl, Aachen