Project:
Contact:
Object:
BFS - Biomedic Research-Center Seltersberg
Type:
laboratory building
Location:
Giessen [satellite]
State:
Germany
Architect:
Behles & Jochimsen 🔗, Berlin
Materials:
Published:
Beton Bauteile 2019
Pages:
52 - 57
Content:
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Biologisches Forschungszentrum Seltersberg, Gießen

Gestaffelte Diarahmen

Das Biologische Forschungszentrum Seltersberg (BFS) ist der Blickfang am Gießener Aulweg. Die artifiziell schimmernde, amöbenhaft geschwungene Fassade ist nicht zu übersehen. Anders als der Anschein vermuten lässt, besteht die tragende Fassadenkonstruktion jedoch aus Betonfertigteilen.
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Im Gegensatz zu anderen expressiven Gebäudehüllen erdachten die Berliner Architekten Behles und Jochimsen nicht zuerst das Volumen, dass sie in der Folge "irgendwie" mit den geforderten Grundrissen bespielten. Das Biologische Forschungszentrum Seltersberg (BFS) ist die gebaute Reaktion auf innere und äußere Vorgaben:
Der Gießener Aulweg ist im Bereich des Forschungszentrums sehr heterogen und im Umbruch begriffen; es gibt vereinzelte Einfamilienhäuser, wenige Industriehallen und ein früheres Luftwaffenlazarett. Viele Flächen gehören zur Justus- Liebig- Universität, die an diesem Standort die Fakultät für Biologie konzentrieren will. Das BFS, in dem fünf Institute untergebracht sind, soll einmal deren Zentrum bilden. Hinter dem Bau schließt sich eine beachtliche Rasenfläche in einem ansteigenden Gelände an. Es ist keine Brache, sondern der Teil des GaLa- Bau- Konzeptes "Campushügel", das von den Berliner Landschaftsarchitekten Topotek 1 entwickelt wurde. Steht man auf der Spitze dieser neuen, grünen Mitte, beherrscht das BFS das Panorama.
Form und Farbe
Das geforderte Raumprogramm war beachtlich, gleichzeitig sollten fünf Institute untergebracht werden, ein kleines Hörsaalzentrum angelegt und eine neue Mitte dieses Forschungsstandortes mit einer Cafeteria geschaffen werden. Die Architekten entwickelten das Konzept einer offenen Hand mit fünf Fingern, die radial zusammenlaufen und deren innere Stirnseiten in ein öffentliches Forum münden, welches seine Außeneingänge in den Übergängen zwischen diesen radialen Flügeln hat Armin Behles betrachtet die Maßstäblichkeit im Kontext zum baulichen Umfeld als eine der großen Herausforderungen, da die Ausbildung eines Großkörpers unvermeidlich war. Er und Jasper Jochimsen wollten jedoch keine Fassade schaffen, die sich über 500 m entlang des Aulwegs ausdehnt. Das Büro suchte nach einer Ausdifferenzierung, der nichts Monumentales innewohnt, nach Maßstäben, die auch eine kleinteilige Nachbarbebauung zulassen. So entstand die amöbenhafte Rundform - die Hand - die eine große Geste nach innen macht, ohne sich introvertiert von ihrem Umfeld abzuwenden.
Auch die Materialität ist von der baulichen Umgebung inspiriert. Der Sockel besteht aus Sichtbeton, die aufgehenden Fassaden sind mit eloxiertem Aluminium verkleidet. Um die ungeliebte Großform zu vermeiden, wurde mit dem gesamten Farbspektrum gearbeitet. Fünf Kernfarben wurden festgelegt und jeweils einem Finger zugewiesen. Verschiedene Töne dieser Farbgruppe definieren die Außenhaut des Fingers, in seinem Inneren sind die Flure in einer Pastellvariante dieser Basisfarbe angelegt. In den Innenkurven der Fassaden, also dort wo ein Finger in den anschließenden übergeht und wo die Außeneingänge des zentralen Foyers angeordnet sind, finden sich Mischfarben aus den jeweiligen "Fingerfarben".
Verkantete Fertigteile
Obschon das BFS organisch geschwungen ist, fußt seine Anlage auf einem Labormodulmaß von 3,45 m. Dieses Raster erlaubt es, den technischen Ausbau der Forschungsabteilungen auf diesem Maß aufzubauen und mit standardisierten Laboreinheiten zu arbeiten; es setzt sich selbst hier bis in den Fassadenaufbau fort. Armin Behles und Jasper Jochimsen zerlegten die Fassade geschossweise in einzelne Fensterachsen, die als ebene Flächen mit einer mittigen Fensteröffnung angelegt wurden. Die von Behles als Diarahmen bezeichneten Elemente ließ das Büro in Betonfertigteilbauweise ausführen.
Damit diese flachen Bauteile den geschwungenen Gebäudeumriss einnehmen, wurden sie mit Hilfe eines Autokrans wie Bierdeckel leicht verkantet gegeneinander aufgestellt. So entstand eine horizontale Schuppung der Betonteile sowie Überlappungsbereiche, letztlich Hohlräume, die als Stützenstandort genutzt und mit Ortbeton vergossen wurden, nachdem man dort eine Bewehrung eingebracht hatte. Dabei dienten die Betonrahmen als verlorene Schalung.
Das Gebäude wurde geschossweise errichtet, der Bau ist keine Pfosten-/Riegelkonstruktion, die Fassadenrahmen haben eine tragende Funktion. War für ein Geschoss die äußere Umfassung gestellt und alle Innenwände aufgemauert, wurde hierauf in klassischer Weise eine Ortbetondecke gegossen.
Die massive Rohbaufassade weist aus Kosten- und Gewichtsgründen einen Öffnungsanteil von 33 % auf. Selbst Flächen, die im Ausbau nicht als Glasfläche ausgeführt wurden und vollkommen mit einer Metallverkleidung geschlossen wurden, sind entsprechend angelegt. Halb im Scherz räumt Achim Behles ein, dass es mit Fertigstellung des Rohbaus zu einem fast einjährigen Baustopp kam. Dabei zeigte sich, dass die geschuppte Fertigteilarchitektur mit ihrem "Beton brut"-Charakter auch nicht ohne ästhetischen Reiz war.
Eloxierte Außenhaut
In der Folge der mit dem Baustopp einhergehenden Umplanungen entschied man sich für die Anlage einer Außenhaut aus eloxiertem Aluminium. Die Fenster sitzen nicht innerhalb der Betonfertigteile, sondern wurden noch vor diese montiert, um Rohbautoleranzen zu kompensieren. Bei den Innenkurven war aus Platzgründen die Schaffung der seitlichen Lüftungsflügel nicht möglich, weshalb hier elektrisch betriebene Fensterflügel eingebaut sind.
Die einzelnen Fassadenschuppen sind monochrom angelegt. Die Farbverläufe werden durch leichte Farbunterschiede zweier benachbarter Fassadenfelder erreicht. Durch eine schachbrettartige Anordnung (ein helleres Feld neben einem dunkleren, dann wieder ein helleres Feld, das jedoch dunkler als das erste helle Feld ist) wird mit einfachen Mitteln eine Lebendigkeit in der Fassade erreicht und trotzdem in sich stimmige Farbverläufe erzielt. Insgesamt wurde mit nur 32 verschiedenen Farben gearbeitet.
Betonsteinsockel
Der Aulweg steigt nach Osten hin an, weswegen das Erdgeschoss des östlichen Fingers halb eingraben ist und einen Souterraincharakter aufweist. Da halbeingegrabene Aluminiumpaneelen oder gar die Anlage eines Grabens formal nicht schlüssig waren, entschieden sich die Architekten hier für eine Verkleidung der Rohbaukonstruktion mit Betonwerkstein, der als Sichtmauerwerk aufgemauert wurde. Einige wenige Fenster finden sich darin. Die Öffnungen erhielten extra breite Rahmen aus Edelstahl, die diese erscheinen lassen wie Landschaftsgemälde, die im Freien hängen.
Robert Mehl, Aachen