Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Typ:
Hochschulbibliothek
Ort:
Marburg [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
sinning architekten 🔗, Darmstadt
Materialien:
Publiziert:
structure 04.10.2018
Seiten:
online
Inhalt:
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Universitätsbibliothek Marburg

Parallelverschieben einer Welle

Die neue Zentralbibliothek der Philipps- Universität liegt am Fuße des Marburger Altstadtberges. Der lang gestreckte Gebäuderiegel wird von einer öffentlichen Passage durchschnitten, deren gläsernes Dach zudem zwischen zwei Geschossen vermittelt. Um gekrümmte Gläser zu vermeiden, wurde es nach dem Translationsprinzip entwickelt.
Derzeit organisiert sich die Marburger Philipps- Universität neu: Die Geisteswissenschaften werden im Bereich der Innenstadt konzentriert, die Medizin an die Außenbereiche auf die Lahnberge verlagert. Damit einher ging die Schaffung einer Zentralbibliothek, die zugleich auch als Arbeits- und Lernort den Studierenden dient. Als neuer Standort wurde das zentral gelegene Grundstück einer früheren Hautklinik am Fuße des Altstadtberges ausgewählt. Gelegen zwischen der nahen, wichtigen Elisabethkirche und dem botanischen Garten, war hier städtebaulich eine öffentliche Durchwegung gefordert. Das Gelände steigt zudem in Richtung Altstadt steil an, weshalb nicht zuletzt auch wegen dem enormen Raumprogramm der westliche Bauteil ein Geschoss höher ist, als der östliche. Geometrisch ergab dies eine amorph-gekrümmte Freiform als Dach dieser Passage.
Das entwerfende Darmstädter Büro Sinning Architekten betraute mit der Konzeption und Anlage der Passagenüberdachung Leonhardt Andrä und Partner (LAP) aus Köln. Für die Ausführungsplanung war das Büro Heinle Wischer und Partner aus Berlin zuständig.
Vorgabe war, dass aus Kostengründen nicht mit gekrümmten Gläsern gearbeitet werden soll. LAP entwickelte daraufhin ein statisches Konzept auf Basis von Translationsflächen. Dazu legten sie hinreichend mittig eine die Passage durchlaufende Leitlinie fest. Es ist letztlich der mittlere ausgeführte Horizontalträger. Im 3D- Modell wurde dieser seitlich parallel verschoben, dupliziert und diese neuen Tragelemente dann in ihrer Höhenentwicklung entsprechend dem gewünschten Dachverlauf angepasst.
Da Parallelverschieben geometrisch eine vektorielle Funktion ist, die entlang einer Schar gleichgerichteter Linien verläuft, konnten in jedem Gitterfeld die flachen Glasscheiben entlang dieser Linien angeordnet werden; da diese Schar eine Fläche beschreibt.
Zwischen den einzelnen, nicht geraden Horizontalträgern entstand so ein Gitter, zwar mit unregelmäßig langen Kanten, die auch innerhalb eines einzigen Feldes nicht identisch waren und die zueinander unterschiedliche Winkel aufweisen. Die Glasflächen waren Einzelanfertigungen für jedes Feld, sie besitzen kaum Rechte Winkel und wurden nur selten zueinander parallel montiert.
Angelegt ist die Passage als untemperierter Raum. Lüftungsschlitze im Sockelbereich und im Dach erzeugen einen Kamineffekt mit natürlicher Konvektion, die selbst an heißen Sommertagen überraschend effektiv ist. Im Winter werden diese Klappen geschlossen. Die durch die Passage getrennten Bibliotheksflügel sind auf jeder Ebene durch Brücken miteinander verbunden. Die oberen beiden Übergänge sind allen Nutzern zugänglich, als Teil der intern offenen Bibliothek eingehaust und entsprechend klimatisiert.
Die unterste Brücke ist exklusiv Mitarbeitern vorbehalten. Sie öffnet sich zur Passage und ist mit Glastüren von der Präsenzbibliothek abgetrennt. Hier war der Architektenwunsch den Raumcharakter der Passage zu erhalten. Wäre auch die unterste Brücke geschlossen, hätte dies einen formalen Riegel geschaffen - eine optische Zäsur der Passage.
Robert Mehl, Aachen
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