Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Typ:
Hochschulbibliothek
Ort:
Marburg [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
sinning architekten 🔗, Darmstadt
Materialien:
Publiziert:
Beton Bauteile 2019
Seiten:
88 - 93
Inhalt:
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Neue Zentralbibliothek der Philipps- Universität, Marburg

Lebendige Faserzementfassade

Am Fuße des Marburger Altstadtberges hat die Philipps- Universität ihre zahlreichen Bibliotheken an einem Standort konzentriert. Wichtig war bei diesem Standort, den Neubau in den baulichen Kontext zu integrieren und eine öffentliche Durchwegung zu schaffen.
Zuvor stand an diesem zur Straße „Pilgrimstein“ stark ansteigenden Gelände eine Frauenklinik der Universität sowie 16 weitere Bauten, die der neuen Bibliothek weichen mussten, erwähnt die Abteilungsleiterin Dr. Ilona Rohde. In dem Neubau wurden 13 Teilbibliotheken aus dem gesamten Stadtgebiet zusammengefasst.
Wenige Gehminuten entfernt liegt nördlich die gotische Elisabethkirche, der bedeutendste Sakralbau der Stadt. Im Süden schließt sich der alte botanische Garten an. Zu diesem hin vorgelagert ist das sogenannte Schäferhaus, ein denkmalgeschützter roter Sandsteinbau des Klassizismus. Die städtebaulichen Vorgaben forderten, den Neubau in das Umfeld zu integrieren und eine fußläufige Verbindung zwischen Kirche und Park zu schaffen.
Vor dem Hintergrund eines beachtlichen Raumprogramms nimmt es nicht wunder, dass Großformen den vorausgegangenen Architektenwettbewerb prägten, wie sich Karin Tzschoppe, Projektleiterin des erstplazierten Darmstädter Büros Sinning Architekten erinnert. Angetan von deren Arbeit war die Jury insbesondere, weil dieser, mehrfach abgeknickt sich wie selbstverständlich in die städtebauliche Struktur einpasst sie und das Bauvloumen gliedert. Gegliedert wird der Neubau durch ein verglastes Atrium, dass eine Wegeverbindung zwischen Elisabethkirche und altem botanischen Garten ermöglicht. Der Riegel folgt dem Geländeanstieg, weshalb man das zusäzliche Geschoss im, zum Pilgrimstein hin gelgegenen Westflügel in der Gebäudekubatur kaum wahrnimmt. Kaschiert wird es zudem durch ein gekrümmtes Glasdach der sogenannten „Atrium“-Passage, mit der ein nördlicher und ein südlicher Bibliothekszugang geschaffen wurde.
Offenes Arbeiten
Aus funktionalen Gründen war es unerlässlich, den Ost- und Westflügel der Bibliothek über einen gemeinsamen Eingang zu organisieren. Dieser geht von der Passage zum östlichen Gebäudeteil ab. Die Westseite ist daran über drei Brückenbauwerke angeschlossen, die in den Obergeschossen die Passage kreuzen. Im teilweise eingegrabenen Erdgeschoss des Westbaus befindet sich eine Cafeteria; daran schließen haustechnische Bereiche an. Der eigentliche Bibliothekseingang ist geprägt durch eine langgezogene Empfangs- und Informationstheke. Taschen müssen draußen bleiben, genauso wie Speisen – es gibt zahllose Schließfächer, um diese wegzuschließen. Mitgenommen werden dürfen Schreibutensilien, elektronische Geräte sowie Getränke in verschließbaren Behältern.
Es ist eine Präsenzbibliothek, bei der alle Bücher in Regalen offen zugägnlich sind. Lediglich wertvolle alte Bände sind separat in einem Sonderbereich im 1.OG des Westflügels untergebracht. Bücher leiht man an der erwähnten Theke aus und gibt sie über einen Rückgabeautomaten zurück, der entfernt an einen Supermarkt- Pfandflaschensammler erinnert. Er gehört zu einer weitgehend automatischen Förderanlage, deren logistisches Herz im Keller steht. Kodierte Kisten werden dort automatisch nach Sektionen sortiert und laufen über Bänder hinweg in ihre Abteilungen zurück, wo Bibliothekare sie wieder einordnen.
Der Neubau weist mehrere Hundert Arbeitsplätze für Studierende auf. Es gibt einen stark nachgefragten PC- Pool mit über 140 fest installierten Computern sowie stille Arbeitsplätze. Diese sind in offenen Terrassen über alle Geschosse hinweg um zwei interne Lufträume angeordnet und ermöglichen ein unmittelbares Buchstudium oder das Arbeiten am eigenen Laptop. Die beiden Lufträume sparen große Fensterfronten aus, die von den Arbeitsplätzen Ausblicke nach draußen ermöglichen. Ein innen liegender, halbtransparenter Sonnenschutz kann herabgefahren werden, was jedoch meist unterbleibt, weil vor dem Glasscreen einige hochgewachsene Bäume stehen.
Von den erwähnten drei, die Passage kreuzenden Brücken sind die oberen beiden seitlich verglast, die unters-te blieb hingegen offen, um eine zu starke Zäsur der Passage zu vermeiden. Dieser Übergang ist ausschließlich den Mitarbeitern vorbehalten. Die Passage zählt nicht als Innenraum: Sie wird nur natürlich temperiert und belüftet. Lüftungschlitze im Sockelbereich und deren Dach erzeugen im Sommer einen Kamineffekt und schaffen so einen kühlenden Luftwechsel, im Winter sind sie geschlossen und der Bereich hat den Charakter eines Wintergartens.
Marburger Bezüge
Sinning Architekten konnten die Jury nicht nur mit einer städtebaulich zurückhaltenden Formensprache überzeugen, sondern auch mit zahlreichen Bezügen zur Marburger Altstadt. Augenfällig sind die vorspringenden Geschossebenen innerhalb der Passage. Damit bezieht man sich auf die engen Gassen der Oberstadt mit ihren zahlreichen Fachwerkhäusern in vergleichbarer Bauweise – einst eine probate Möglichkeit, die Bruttogeschossfläche subtil zu erhöhen. Die Darmstädter Architekten haben zudem mit zahlreichen großformatigen Fensteröffnungen den Blick auf alle sichtbaren Landmarken der Stadt ermöglicht.
Auch in der Gestaltung der geschlossenen Wandflächen bezieht man sich auf die unmittelbare Umgebung. Mit den in einem hellen Gelb gehaltenen Außenwänden wird ein Bezug zu den gründerzeitlichen und barocken Putzbauten hergestellt. Die Passage, angelegt in rostigen Rottönen, sucht eine formale Nähe zu den beiden benachbarten Baudenkmälern aus rotem Sandstein, dem südlich der Bibliothek gelegenen Schäferbau und der im Norden nicht weit entfernten Elisabethkirche. Mit der neuen Passage wird eine Sichtachse zwischen diesen beiden Bauten geschaffen.
Zeitgemäße Natursteinadaption
Der Rohbau der Bibliothek ist eine Ortbetonkonstruktion, deren geschlossene Flächen mit Faserzementplatten verkleidet wurden. Dazu wurden die Rohbauwände mit einer Minaralwolldämmung belegt, vor der die 12 mm starke Faserzementplatten mit einer Agraffenkonstruktion in hinterlüfteter Weise aufgebracht wurden.
Sowohl die hellen Flächen der Außenwände, wie auch die roten Wände der Passage bestehen aus durchgefärbten Faserzementtafeln in jeweils drei leicht unterschiedlichen Tönungen. Jeweils ein Ton war eine Farbe des Standardsortiments, die jeweils beiden anderen Töne wurden als Sonderanfertigung nach Bemusterung erstellt. Auf diese Weise erreichten die Architekten eine merkliche Vitalisierung der Flächen, auch konnten sie so leichter einen subtilen Übergang zu den schwarzen Profilen und den meist dunkel erscheinenden großen Glasflächen schaffen. Die verschiedenfarbigen Faserzementtafeln wurden in wechselnder Abfolge angeordnet. Zusammen mit den in gleichen Rastern strukturierten Fassadenöffnungen lässt dies die Gebäudeaußenhaut weniger wie eine Lochfassade erscheinen, sondern als eine lebendige Struktur. Auch die Untersichten der vorkragenden Geschossebenen in der Passage bestehen aus Faserzementtafeln, die jedoch gelocht sind. Darüber sind raumakustische Absorber angebracht, um den Schall im Atrium effektiv zu dämpfen.
Da es sich bei dieser Glaspassage formal jedoch um einen Außenraum handelt und gemäß der EnEV die Trennung zwischen Innen und Außen irgendwo vollzogen werden muss, sind die daran zur Bibliothek vermittelnden Wand- und Deckenflächen gedämmt, analog den Außenwände.
Stille in der Herzkammer
Die neue Bibliothek ging Anfang Juni 2018 offiziell in Nutzung und soll einmal das Zentrum des aktuell noch im Aufbau befindlichen neuen Campus Firmanei der Marburger Philipps- Universität bilden. Der Bau ist sieben Tage in der Woche von 8:00 bis 24:00 Uhr geöffnet und nur an offiziellen Feiertagen geschlossen. Beeindruckend schnell wurde er durch die Studierenden angenommen: Gegen 11:00 morgens sind meist alle Arbeitsplätze besetzt und leeren sich erst gegen Abend wieder. Anfänglich hatte die Bibliotheksleitung Bedenken, ob ein ruhiges Arbeiten in den offenen Innenraumterrassen möglich sei. Immerhin erstrecken sich diese über vier Arbeitsebenen. Tatsächlich arbeiten die Studierenden aber auffallend diszipliniert. Ein klingelndes Handy ist nur selten zu hören, Gespräche finden – wenn überhaupt – dort nur im Flüsterton statt.
Robert Mehl, Aachen