Projektart:
Anfrage:
per mail ✉
Objekt:
Eurogare
Typ:
Bahnhof
Ort:
Mons [Satellit]
Staat:
Belgien
Architekt:
Santiago Calatrava 🔗, Zürich
Materialien:
Stahl, Beton, Glas
Publiziert:
baublatt 23/2025
Seiten:
28 - 32
Inhalt:
Gare de Mons, Belgien
Lichter Tempel des Transports
Nach gut 20 Jahren Planungs- und Bauzeit wurde im belgischen Mons der Ersatzneubau des Hauptbahnhofs seiner Bestimmung übergeben. Bei dem von Santiago Calatrava entworfenen Bauwerk überspannt die Bahnhofshalle kathedralenartig die Gleise.
20 Jahre nach Durchführung des Architekturwettbewerbs wurde im Dezember 2024 der neue Bahnhof von Mons seiner Funktion übergeben. Entworfen wurde der neue Bahnhof an der belgischen Grenze von dem spanisch-schweizerischen Architekten Santiago Calatrava. Dieser hatte auch den kaum weniger ikonografischen Bahnhof von Lüttich entworfen, der bereits 2009 eingeweiht wurde. Formal kann man beiden Bahnhöfen zusammen eine Torfunktion für das Hochgeschwindigkeitsnetz der Belgischen Eisenbahn zusprechen, da Lüttich der Grenzbahnhof nach Deutschland und Mons derjenige nach Frankreich ist.
Doch kein Drache
Calatravas allererster Bahnhofsentwurf für Mons sah zunächst neben der ausgeführten Halle, die von Anfang an als Einkaufszentrum genutzt werden sollte, einen hohen Pylon vor. Dieser sollte an dem der Altstadt zugewandten Kopfende stehen und eine Drachenassoziation schaffen, die an das in Mons populäre Fabeltier "Doudou" erinnert. In dessen Zeichen findet alljährlich ein Volksfest statt, das zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco zählt. Der Pylon fiel allerdings Sparzwängen zum Opfer und der Stararchitekt konzentrierte sich fortan auf die verbindende Funktion der Bahnhofshalle zwischen zwei Stadtteilen.
Calatravas allererster Bahnhofsentwurf für Mons sah zunächst neben der ausgeführten Halle, die von Anfang an als Einkaufszentrum genutzt werden sollte, einen hohen Pylon vor. Dieser sollte an dem der Altstadt zugewandten Kopfende stehen und eine Drachenassoziation schaffen, die an das in Mons populäre Fabeltier "Doudou" erinnert. In dessen Zeichen findet alljährlich ein Volksfest statt, das zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco zählt. Der Pylon fiel allerdings Sparzwängen zum Opfer und der Stararchitekt konzentrierte sich fortan auf die verbindende Funktion der Bahnhofshalle zwischen zwei Stadtteilen.
Eine städtebauliche Geste
Tatsächlich betrachtet Calatrava den Bahnhof von Mons vor allem als Brückenbauwerk, das die nordwestlich gelegene Vorstadt mit dem historischen Zentrum im Südosten der Bahngleise fußläufig verbindet. Aus diesem Grund hat der Architekten auch beide Stirnseiten, inklusive die jeweils über 31 Meter weiten, schirmmützenartigen Vordächer nunmehr identisch ausgeführt. Ihm war das städtebauliche Signal wichtig, dass es keine Vorder- und keine Rückseite beim Bahnhof gibt.
De facto findet aber durchaus eine Priorisierung der Altstadtseite statt, da Calatrava hier den neuen Zentralen Omnibus- Bahnhof von Mons angelegt hat. Dieser besteht aus zwei Busspuren, die parallel zu den Gleisen verlaufen. Zwischen diesen Busspuren ist ein Wartesteig eingefügt, der in seiner Detaillierung den Bahnsteigen entspricht. Da überdies der neue Bahnhof städtebaulich an exakt derselben Position wie der abgerissene Vorgängerbau steht, ragt die südöstliche Bahnhofstirnseite mittig und formal stimmig in den bestehenden Place Léopold hinein, der als Teil der Altstadt die insgesamt über 20 Meter hohe Bahnhofshalle polygonal umschließt.
Auf der gegenüberliegenden Vorstadtseite findet sich mit dem Place des Congrès ebenfalls ein Platz, der jedoch langgestreckt den Gleisen folgt. An diesen schließt sich unmittelbar die Stadtverwaltung, die Polizeidirektion und das Kongresszentrum an. Doch noch ist dieses Areal bei weitem nicht so belebt, wie der von zahlreichen Straßen- Cafés umstandene Altstadtplatz.
Tatsächlich betrachtet Calatrava den Bahnhof von Mons vor allem als Brückenbauwerk, das die nordwestlich gelegene Vorstadt mit dem historischen Zentrum im Südosten der Bahngleise fußläufig verbindet. Aus diesem Grund hat der Architekten auch beide Stirnseiten, inklusive die jeweils über 31 Meter weiten, schirmmützenartigen Vordächer nunmehr identisch ausgeführt. Ihm war das städtebauliche Signal wichtig, dass es keine Vorder- und keine Rückseite beim Bahnhof gibt.
De facto findet aber durchaus eine Priorisierung der Altstadtseite statt, da Calatrava hier den neuen Zentralen Omnibus- Bahnhof von Mons angelegt hat. Dieser besteht aus zwei Busspuren, die parallel zu den Gleisen verlaufen. Zwischen diesen Busspuren ist ein Wartesteig eingefügt, der in seiner Detaillierung den Bahnsteigen entspricht. Da überdies der neue Bahnhof städtebaulich an exakt derselben Position wie der abgerissene Vorgängerbau steht, ragt die südöstliche Bahnhofstirnseite mittig und formal stimmig in den bestehenden Place Léopold hinein, der als Teil der Altstadt die insgesamt über 20 Meter hohe Bahnhofshalle polygonal umschließt.
Auf der gegenüberliegenden Vorstadtseite findet sich mit dem Place des Congrès ebenfalls ein Platz, der jedoch langgestreckt den Gleisen folgt. An diesen schließt sich unmittelbar die Stadtverwaltung, die Polizeidirektion und das Kongresszentrum an. Doch noch ist dieses Areal bei weitem nicht so belebt, wie der von zahlreichen Straßen- Cafés umstandene Altstadtplatz.
Kathedale des Lichts
Die brückenartige165,5 Meter lange, 14,7 Meter breite und 15,8 Meter hohe Bahnhofshalle hat mit ihren seitlichen, jeweils 7,5 Meter breiten und 4,5 Meter hohen Jochen einen sehr sakralen Charakter. Verstärkt wird dies durch eine beidseitige Obergadenkonstruktion von noch einmal 8,0 Meter Höhe, die sich hin zur Hallenmitte neigt. Entlang des Schnittpunkts dieser beiden geneigten Flächen verläuft ein horizontales Oberlichtband, das tagsüber die Halle kathedralenartig belichtet. Dem Architekten Calatrava war es bei dem 4.740 Quadratmeter großen Hallenraum wichtig, diesen am Tage möglichst ohne Kunstlicht zu belichten. Zudem generiert der Lauf der Sonne einen sinnfälligen Schattenwurf auf die expressive Stahlkonstruktion, der sich stetig verändert und die Halle optisch belebt. Auf beiden Hallenseiten birgt jedes dritte Hallenjoch einen Bahnsteigzugang. Auf der Südostseite der Halle findet sich hier jeweils eine Treppe und ein runder Aufzug in einem gläsernen Zylinder, auf der gegenüberliegenden, nordwestlichen Seite sind immer zwei Rolltreppen angeordnet.
Die beiden Joche dazwischen nehmen jeweils Ladenlokale auf. Vielfach hat ein Pächter gleich beide Bogenstellungen für sein Geschäft angemietet. Die Bahnsteige selbst, insbesondere die Überdachungen mit ihren weit auskragenden Stirnseiten, erinnern in ihrer Detaillierung an ihre baulichen Entsprechungen in Lüttich.
Die brückenartige165,5 Meter lange, 14,7 Meter breite und 15,8 Meter hohe Bahnhofshalle hat mit ihren seitlichen, jeweils 7,5 Meter breiten und 4,5 Meter hohen Jochen einen sehr sakralen Charakter. Verstärkt wird dies durch eine beidseitige Obergadenkonstruktion von noch einmal 8,0 Meter Höhe, die sich hin zur Hallenmitte neigt. Entlang des Schnittpunkts dieser beiden geneigten Flächen verläuft ein horizontales Oberlichtband, das tagsüber die Halle kathedralenartig belichtet. Dem Architekten Calatrava war es bei dem 4.740 Quadratmeter großen Hallenraum wichtig, diesen am Tage möglichst ohne Kunstlicht zu belichten. Zudem generiert der Lauf der Sonne einen sinnfälligen Schattenwurf auf die expressive Stahlkonstruktion, der sich stetig verändert und die Halle optisch belebt. Auf beiden Hallenseiten birgt jedes dritte Hallenjoch einen Bahnsteigzugang. Auf der Südostseite der Halle findet sich hier jeweils eine Treppe und ein runder Aufzug in einem gläsernen Zylinder, auf der gegenüberliegenden, nordwestlichen Seite sind immer zwei Rolltreppen angeordnet.
Die beiden Joche dazwischen nehmen jeweils Ladenlokale auf. Vielfach hat ein Pächter gleich beide Bogenstellungen für sein Geschäft angemietet. Die Bahnsteige selbst, insbesondere die Überdachungen mit ihren weit auskragenden Stirnseiten, erinnern in ihrer Detaillierung an ihre baulichen Entsprechungen in Lüttich.
Acht Jahre lang begleitet
Das baublatt hat den Bau des Bahnhof von Mons in den letzten acht Jahren verfolgt. Im Heft 42/2017 erschien ein ausführlicher Artikel über die stählerne Rohbaukonstruktion der künftigen Halle. Diese wurde damals ähnlich einer Stahlbrücke über ein tiefes Tal im Vorschubverfahren erstellt. Dabei wurde der Halllenrohbau auf der Freifläche nordwestlich der Gleise Joch für Joch zusammengeschweißt. Immer dann, wenn die äußere Grenze des Bauplatzes erreicht war, schob man die gesamte Konstruktion auf Gleitlagern jeweils um rund 16 Meter über die Gleise weiter. So wurde die beschränkte Arbeitsfläche wieder frei, um weitere Joche anzufügen. Dabei war die erste Einheit die mit Abstand größte, da sie fünf Joche und den südöstlichen, zur Altstadt hin gewandten Hallenabschluss umfasste. Noch nicht montiert wurden zu diesem Zeitpunkt allerdings die weit auskragenden Vordächer, dies geschah erst mit Erreichen der Hallenendposition. Insgesamt waren sieben Schübe erforderlich, um die Halle vollständig über den Gleisen zu platzieren. Für ihre Vorwärtsbewegung ruhte die gesamte Stahlkonstruktion auf temporären Teflongleitlagern, die etwas höher als die finalen Auflager im Bereich der Bahnsteige angelegt waren. So konnte der Hallenkörper weniger aufwändig in seine finale Position über den Gleisen positioniert werden. Mit Erreichen der Endposition wurde dann der langgestreckte Rohbaukörper auf seine finalen Betonstützen abgelassen.
Das baublatt hat den Bau des Bahnhof von Mons in den letzten acht Jahren verfolgt. Im Heft 42/2017 erschien ein ausführlicher Artikel über die stählerne Rohbaukonstruktion der künftigen Halle. Diese wurde damals ähnlich einer Stahlbrücke über ein tiefes Tal im Vorschubverfahren erstellt. Dabei wurde der Halllenrohbau auf der Freifläche nordwestlich der Gleise Joch für Joch zusammengeschweißt. Immer dann, wenn die äußere Grenze des Bauplatzes erreicht war, schob man die gesamte Konstruktion auf Gleitlagern jeweils um rund 16 Meter über die Gleise weiter. So wurde die beschränkte Arbeitsfläche wieder frei, um weitere Joche anzufügen. Dabei war die erste Einheit die mit Abstand größte, da sie fünf Joche und den südöstlichen, zur Altstadt hin gewandten Hallenabschluss umfasste. Noch nicht montiert wurden zu diesem Zeitpunkt allerdings die weit auskragenden Vordächer, dies geschah erst mit Erreichen der Hallenendposition. Insgesamt waren sieben Schübe erforderlich, um die Halle vollständig über den Gleisen zu platzieren. Für ihre Vorwärtsbewegung ruhte die gesamte Stahlkonstruktion auf temporären Teflongleitlagern, die etwas höher als die finalen Auflager im Bereich der Bahnsteige angelegt waren. So konnte der Hallenkörper weniger aufwändig in seine finale Position über den Gleisen positioniert werden. Mit Erreichen der Endposition wurde dann der langgestreckte Rohbaukörper auf seine finalen Betonstützen abgelassen.
Die "Fünfte Fassade"
Bemerkenswert an den Entwürfen von Santiago Calatrava ist, dass der ausgesprochen skulptural orientierte Architekt den Dachaufsichten seiner Bauten große Bedeutung zumisst. Gerne wird diese in der Architekturlehre auch als "Fünfte Fassade" angesprochen. In einer Zeit lange vor Google- Maps beachtete der Architekt schon bei seinen Bauten die architektonische Wirkung der Aufsicht. In diesem Zusammenhang hervorzuheben ist seine Oper auf Teneriffa, das Auditorio de Tenerife. In der Google- Maps- Ansicht stellt sich der Bau als dreieckiger Pfeil dar, der in Richtung des Inselflughafens weist. Tatsächlich liegt der Bau exakt in dessen Einflugschneise und jeder Passagier, der auf der rechten Flugzeugseite sitzt, sieht diesen Pfeil in Richtung Landebahn kaum eine Minute vor seiner Landung. Und auch in Mons ist die Figur der broschenartigen Klammer, die zwei Stadtteile miteinander verbindet, besonders eindringlich aus großer Höhe erfahrbar.
Robert Mehl, Aachen
https://www.baublatt.ch/baupraxis/gare-de-mons-von-santiago-calatrava-lichter-tempel-des-transports-38346
Bemerkenswert an den Entwürfen von Santiago Calatrava ist, dass der ausgesprochen skulptural orientierte Architekt den Dachaufsichten seiner Bauten große Bedeutung zumisst. Gerne wird diese in der Architekturlehre auch als "Fünfte Fassade" angesprochen. In einer Zeit lange vor Google- Maps beachtete der Architekt schon bei seinen Bauten die architektonische Wirkung der Aufsicht. In diesem Zusammenhang hervorzuheben ist seine Oper auf Teneriffa, das Auditorio de Tenerife. In der Google- Maps- Ansicht stellt sich der Bau als dreieckiger Pfeil dar, der in Richtung des Inselflughafens weist. Tatsächlich liegt der Bau exakt in dessen Einflugschneise und jeder Passagier, der auf der rechten Flugzeugseite sitzt, sieht diesen Pfeil in Richtung Landebahn kaum eine Minute vor seiner Landung. Und auch in Mons ist die Figur der broschenartigen Klammer, die zwei Stadtteile miteinander verbindet, besonders eindringlich aus großer Höhe erfahrbar.
Robert Mehl, Aachen
https://www.baublatt.ch/baupraxis/gare-de-mons-von-santiago-calatrava-lichter-tempel-des-transports-38346