Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Aachener Dom
Typ:
Kathedrale
Ort:
Aachen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Materialien:
Altbausanierung
Publiziert:
bhw 11/2015
Seiten:
28 - 31
Inhalt:
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Steinreinigung am Aachener Dom

Kärcher „kärchert“ nicht am Welterbe!

Derzeit wird die Natursteinfassade einer gotischen Seitenkapelle des Aachener Domes aufwändig von Belägen gereinigt. Dies erfolgt zunächst mit Hochdruckstrahlern und im Weiteren dann mit Partikelstrahlern. Dabei wird die ganze Maßnahme wissenschaftlich überwacht und begleitet.
Im vergangenen Jahr trat das Hochdruckstrahlerherstellers Kärcher an die deutsche UNESCO- Kommission in Bonn heran mit dem Anliegen, eine nationale Weltkulturerbestätte zu benennen, die aus deren Sichteiner Reinigung bedarf. Dabei sollte der Aufwand eine überschaubare Größe besitzen, so dass die Maßnahme in wenigen Monaten durchgeführt werden könnte. Die Kommission lobte daraufhin einen Wettbewerb unter allen 39 eingetragenen deutschen „Weltkulturerben“ (vulgo) aus, in welchem diese sich um eine kostenlose Reinigungsmaßnahme bewerben konnten. Diesen gewann der Aachener Dom, auch weil der eingereichte Vorschlag für eine denkmalgerechte Reinigung baulich am besten geeignet war. In der seit 1986 sukzessiv betriebenen Säuberung des Aachener Domes war bislang die zwischen 1455 und 1474 errichtete, gotische Nordkapelle bewusst ausgelassen worden. Denn die stark mit zahlreichen Friesen, Figuren und Fialen geprägte Außenfassade galt dem früheren Dombaumeister Hans- Karl Siebigs als „noch“ zu komplex für eine denkmalgerechte Reinigung.
„Kärcher“-Schonreinigung
Die Spezialisten der Firma Kärcher haben nun die aktuelle Steinreinigung in zwei unterschiedlichen Verfahren nacheinander durchführt, um einen nachhaltigen und lang anhaltenden Effekt zu erzielen. Zunächst werden sie mit speziellen Hochdruckdampfstrahlern die biogene Verschmutzung entfernen. Gemeint sind Moose, Flechten, aber auch Taubenkot, mit dem letztlich viele Samen und auch Nährstoffe zum Pflanzenwachstum eingetragen werden. Nick Heyden, verantwortlich für die restauratorische Reinigung, erläutert, dass man den Druck bei diesen Geräten individuell und sehr fein regeln kann, von echtem Hochdruck bis quasi nur noch Dampf austritt. Damit hat der Rastaurator eine so dynamische, wie sensible und damit sehr materialschonende Stellschraube zur Hand. Auch weist er auf die Tatsache hin, dass ein Dampfstrahl, der mit 100 bar aus der Düse austritt, in einem Abstand von 30 cm einen Aufpralldruck von weniger als 1 bar besitzt.
Für die Reinigungsmaßnahme wurden die wertvollen Kapellenfenster nicht ausgebaut, aber mit Folien sauber abgeklebt. Das aufgebrachte Wasser wird nicht gesondert aufgefangen, sondern läuft letztlich wie normaler Schlagregen an der Fassade ab, weshalb verständlicherweise von oben nach unten gearbeitet wird. Tatsächlich ist die eingesetzte Wassermenge durchaus vergleichbar mit der normalen Schlagregenlast eines stärkeren Gewitters, also bei weitem nicht so umfangreich, wie man annimmt. Im Nachgang ist es jedoch zwingend erforderlich, etwa mit einem Sauger, oder sogar von Hand das abgewaschene und nun lose auf Vorsprüngen aufliegende „biogene Gut“ einzusammeln. Den Unterschied zum so genannten „Kärchern“, also einer rabiaten Reinigung durch Hochdruckstrahler sieht Frank Schad vor allem in der Ausbildung und dem Materialgefühl seiner Mitarbeiter. So dürfe man eben nicht bei einer hartnäckigeren Schmutzstelle, nur „näher ran gehen“, sondern müsse einfach etwas mehr Geduld aufbringen. Schad leitet bei der Alfred Kärcher GmbH & Co. KG das weltweite Kultursponsoring.
Partikelstrahlenstatt Sandstrahlen
Nach dem Dampfstrahlen lassen die Restauratoren das Mauerwerk einige Tage trocknen, bevor sie in einer der zweiten Phase mit dem Partikelstrahlen beginnen. Frank Schad betont, dass sie auch hier mit keiner neuen Technik arbeiten, sondern die Verfahren allgemein bekannt und anerkannt sind. So hat etwa die Bauhandwerk in ihrer Ausgabe 11/2013 vom Partikelstrahlen im Kreuzgang vom Kloster Maulbronn berichtet.
Der Dipl.-Restaurator Georg Schmid von der AeDis AG aus Hochdorf, der die Restaurationsarbeiten aus technisch-wissenschaftlicher Sicht begleitet, weist vorab darauf hin, dass das Sandstrahlen heutzutage praktisch verboten, weil gesundheitsschädlich ist. Stattdessen wird heutzutage vornehmlich Hochofenschlacke in den unterschiedlichsten Kornstrukturen zum so genannten Partikelstrahlen eingesetzt – wie nun auch am Aachener Dom. Dabei kommt es – abgesehen natürlich von der Korngröße – vor allem auf die Kornform an. Es gibt scharfkantigere Körnungen, die sehr aggressiv wirken und rundere, die den unerwünschten Belag oft eher „andrücken“ als diesen entfernen. Tatsächlich empfiehlt sich ein Arbeiten mit scharfkantigerem Material bei niedrigerem Druck. Das Partikelstrahlen ist in dem hier eingesetzten Umfang so staubig, dass die Restauratoren eine Art Vollschutz tragen müssen.
Mehrere Reinigungsrunden
Restaurator Georg Schmid weist darauf hin, dass es oft unvermeidlich ist, zu bearbeitende Steine mehrfach abzufahren. Es hat sich als verträglicher für das Steinmaterial erwiesen, dieses in mehreren Schritten zu reinigen, da durch die „kurzen Regenerationsphasen“ der zu entfernende Schmutz spröder werde. Bei manchen Objekten waren bis zu fünf Durchgänge erforderlich. Frank Schad ergänzt, dass es von Kulturkreis zu Kulturkreis stark differiere, was als sauber und gereinigt wahrgenommen würde. Manche wollten es praktisch wie neu haben, andere – zu denen auch Deutschland zählt – wollen weiterhin eine Patina, die Alterungsspuren zeigt.
Grundsätzlich gilt, dass es nicht darauf ankäme, den Stein optisch sauber aussehen zu lassen, sondern die Beläge zu entfernen, die mit ihrer Tiefenwirkung den Stein langfristig schädigen. Leichte Schmutzformen – biogen, Staub, Wassereinträge oder selbst leichte Salzverkrustungen – sind hinnehmbar, solange sie keine langfristigen Schäden verursachenden. Allerdings müssen Salzverkrustungen, da diese gerne zu blumenkohlartigen Strukturen anwachsen, über kurz oder lang entfernt werden, da sie die dreidimensionale Oberfläche verändern. Schmutzbeläge verschließen in der Regel die Poren eines Steines und verhindern so, dass eingetragene Feuchtigkeit gleichmäßig wieder austreten kann. Eingedrungenes Wasser wiederum schädigt in vielfältiger Weise den Stein, die krasseste Form ist eine Frostabsprengung gelockerter Deckschichten im Winter. Mit der Steinreinigung soll vor allem das so genannte „Atmen“ des Steines wieder sichergestellt werden.
Kultursponsoring
Die Alfred Kärcher GmbH & Co. KG nennt ihr weltweites Engagement zum Erhalt von Kulturdenkmälern „Kultursponsoring“. Dabei operiert das Unternehmen nicht mit Geld, sondern spendet vielmehr Arbeit und Know-how. Tatsächlich sind diverse Projekte, wie etwa die Freiheitsstatue New York, von dem Unternehmen schon mehrfach gereinigt worden. Allerdings geht die Forschung weiter und die Initiative beschränkt sich nicht nur auf das Reinigen, sondern geht auch der Frage nach, wie man Bauten besser pflegen kann, etwa durch konstruktiven Bautenschutz, aber auch durch geeignete bauchemische Maßnahmen. Ein wenig steht dahinter die Idee, dass aus einer einmaligen Initiative eine langfristige Partnerschaft erwächst, die sich langfristig dem Erhalt dieses Objekts verpflichtet sieht.
Sekundiert wird dieser Gedanke von der Absicht, alle Tätigkeiten zu dokumentieren. Aber anders als den Wissenschaftlern geht es dem Unternehmen in erster Linie nicht um die Forschungstätigkeit und die anschließende exklusive Verbreitung der Erkenntnisse an geeigneter Stelle. Im Grunde will man nur Gutes tun und freut sich, wenn der Firmenname ab und an fällt.
Robert Mehl, Aachen
Die gotische Löwenfigur ist seitlich stark mit Flechten bewachsen
Die horizontalen Friese, wie hier kurz unter der Traufe sind zu oberst stark bemoost
Nick Heyden beim Reinigen eines horizontalen Frieses mit einem Hochdruckstrahlen
Das Quadrat in der Mitte ist soeben mittels Hochdruckstrahl gereinigt worden, daneben das noch unbehandelte Fries
Dombaumeister Maintz zeigt durch die Reinigung sichtbar gewordene offene Fugen
Mit einem Schlauch wird das körnige Strahlgut aus dem Eimer gesaugt und der Pistole zugeführt
Die nicht ausgebauten Glasfenster der Hubertus- und Karlskapelle wurden säuberlich mit Folie abgeklebt
Auch die Christus-Figur auf dem Corcovado, dem über hohen 740 m Hauptberg von Rio de Janeiro wurde durch das Unternehmen gesäubert