Projektart:
Anfrage:
Objekt:
VerSeidAG Speditionshaus
Typ:
Pavillon der frühen Moderne
Ort:
Krefeld [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Erich Holthoff (1935), Georg von Houwald 🔗 (2016)
Materialien:
Mies van der Rohe 🔗 (Berater)
Publiziert:
metallbau 06/2017
Seiten:
22 - 25
Inhalt:
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Mies-van-der- Rohe Business Park, Krefeld

Historische Architektur saniert

In Krefeld befindet sich der einzige Industriekomplex von Mies van der Rohe. Diese "Zweckbauten" der 1930er Jahre standen jahrzehntelang im Schatten seiner weltberühmten Werke und verfielen zuletzt. Derzeit erfolgt ihre aufwändige Sanierung, zu der auch die Instandsetzung der historischen Fensterprofile zählt.
Gegen Ende der 1920er Jahre war Ludwig Mies van der Rohe ein angesagter Architekt. So hatte er 1927 den Masterplan der Stuttgarter Weißenhofsiedlung konzipiert und die darauf entstandenen Gebäude kuratiert. 1929 schuf er für die Weltausstellung in Barcelona den weltberühmten Deutschen Pavillon und wurde schließlich 1930 zum Direktor des Dessauer Bauhauses berufen; eine Position, die er mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlor. Seine Architektur galt fortan als entartet und bis zu seiner Immigration 1938 in die USA erhielt er nur noch wenige Aufträge. In dieser Phase beauftragten ihn zwei Krefelder Seidenfabrikanten Hermann Lange und Josef Esters mit der Konzeption ihrer neuen VerSeidAG- Textilfabrik. So entstand, aus der Not heraus, der einzige Industriekomplex im umfangreichen Schaffen von Mies van der Rohe. Realisiert wurden seine Entwürfe vielfach von Erich Holthoff, einem ehemaligen Bauhaus- Schüler. Die Mies'sche Teilhabe ist bei einigen herausragenden Bauten dokumentiert, andere - wie das hier vorgestellte Speditionshaus - werden auch planerisch Holthoff zugewiesen, tragen jedoch die deutliche Handschrift des Stararchitekten.
Der heutige Inhaber Wolf- Reinhard Leendertz wandelt derzeit das gesamte Areal in einen Business- Park um. Nacheinander saniert er die Einzelbauten in enger Absprache mit den Denkmalbehörden und unter wissenschaftlicher Begleitung der RWTH Aachen und der THM Gießen. Letzten November ist das frühere Speditionshaus wieder in Nutzung gegangen.
Fenster zur Zufahrt
Das ehemalige Speditions- oder Pförtnerhaus ist ein eingeschossiger, vollständig unterkellerter Pavillon mit großen Glasflächen direkt an der Zufahrt. Bis zum aktuellen Umbau waren die beiden Eben intern nicht miteinander verbunden, lediglich eine Außentreppe erschloss das als Lager genutzte Untergeschoss. Im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, wurde das Gebäude in den Folgejahren pragmatisch wiederaufgebaut und unterhalten.
Entsprechend den Idealen der Moderne weist der Bau keine tragenden Wände auf, sondern nur zwei nah beieinander verlaufende Stützenreihen, an die im Keller schwere Unterzüge anschließen. Dazwischen lag in beiden Geschossen ein Flur, welcher die Büros erschloss, die mit nichttragenden Wänden voneinander getrennt waren. Diese wurden nunmehr alle entfernt, womit allein im Erdgeschoss eine 300 m² große Bürolandschaft entstand.
Die historischen, weitgehend intakten Fenster verblieben hingegen, denn für die Denkmalpflege war es inakzeptabel, die Stahlrahmen allein wegen ihres schlechten Dämmwertes zu ersetzen. Eine Berechnung bezifferte den Wärmeverlust bei alleinigem Einbau einer Wärmeschutzverglasung und unter Beibehaltung der originalen Stahlrahmen auf vertretbare 8 %.
Entlackung per Nadelentroster
Von den heute gängigen Wärmeschutzverordnungen konnte bei dieser Konstruktion keine eingehalten werden. "Wir waren quasi von Seiten des Denkmalamtes gehalten, auf die EnEV zu pfeifen!", erinnert sich Gerd Aretz, Geschäftsführer des mit der Fenstersanierung beauftragten Krefelder Unternehmens Metallbau Franz Krüppel GmbH & Co. KG.
Vor der eigentlichen Instandsetzung mussten die alten Lackschichten sowie der Rost entfernt werden. Diese Arbeiten führte der Baubetrieb des Mies-van-der- Rohe- Business- Parks aus. Die Fassadeneinheiten wurden nur ausgebaut, wenn sie komplett zu erneuern waren. Nach dem vollständigen Entglasen wurden die Rahmen mit Nadelentrostern gesäubert. Hierbei handelt es sich um Pressluft- Pistolen in deren Düsenköpfen ein Schlagwerk Nadeln antreibt. Diese erinnern an 3 mm starke, zunächst überlange Zimmermannsnägel, deren Köpfe am Pistolenkopf mit seiner Lochscheibe fixiert sind. Im Zuge der Reinigungsarbeiten verkürzten sich die Nadeln allerdings rapide und mussten nach rd. 30 Arbeitsstunden getauscht werden. Die so gereinigten Profile zeigten eine weitgehend blanke, metallische Oberfläche, verbleibende Roststellen wurden händisch mit 80er Schmirgelpapier entfernt.
Kein Standard
Es war die Aufgabe von Frank Konderla, Vorarbeiter bei Metallbau Krüppel, zusammen mit seinem fünfköpfigen Team die beschädigten Rahmenelemente zu richten, vollkommen beschädigte oder verrostete Abschnitte 1:1 zu rekonstruieren sowie die alten Mechaniken wieder gangbar zu machen. Er erinnert sich, dass oft keine marktübliche Entsprechung für ein defektes Bauteil lieferbar war, auch variierten die Profilgrößen stark: "Eigentlich gab es weder ein echtes Standardprofil noch ein Regeldetail!", resümiert er. Die erforderlichen Größen wurden teilweise aus größeren Profilen geschnitten und die Zylinder und Hülsen der Mechaniken eigens neu gedreht. Glücklicherweise verfügt der Betrieb über eigene Anlagen, wie etwa eine 3 m lange Kantbank, was die Maßanfertigungen unkompliziert machte.
So leicht die Wärmeschutzverordnung auszusetzen war, so bindend war der Brandschutz, der verlangt, dass an fünf Stellen die Erdgeschossfenster als Fluchtwege angelegt sein müssen. Die ursprünglich quadratischen Fensterflügel, mittig angeordnet im Sprossenraster der Fensterflächen, waren hierfür zu klein und ihre Brüstung zu hoch. Gerd Aretz und seine Mitarbeiter waren gefordert, die zwei bisherigen, übereinander angeordneten Fensterfelder mit einem dritten - dem darunterliegenden - zu einem neuen Großrahmen zu verbinden. Dies war nur als Neubau zu realisieren. Allein die horizontalen Mittelstreben wurden vom Bestand übernommen und auf ihrer ursprünglichen Höhe wieder eingesetzt.
Lackieren und Einglasen
Die Bautriebtechniker schliffen zunächst die fertig geschlosserten Fensterrahmen mit 80er Papier an und brachten einen Rostschutzanstrich auf, den sie dann schwarz grundierten. Mittels Pinseln lackierten sie dann diese mattschwarz in RAL 7016. Ein Spritzen der dünnen Profile wäre ineffektiv gewesen.
In die fertigen Rahmen setzte Metallbau Krüppel sodann die dünne Wärmeschutzverglasung ein, die sie in Ermangelung heute gebräuchlicher Klemmleisten mit herkömmlichem Fenstersilikon fixierten. Die heute absonderlich anmutende Ausführung war früher der Standard, nur nahm man statt des Silikons Fensterkitt, stellte Gerd Aretz augenzwinkernd fest. Wichtig ist nur, dass das Glas nirgendwo auf dem Stahlrahmen aufsitzt, sondern immer auf zwei kleinen Abstandhaltern. Ansonsten können Spannungen entstehen, die das Glas reißen lassen. Das 12 mm starke Isolierglas besteht aus zwei jeweils 4 mm dicken Scheiben und einem 4 mm weiten Luftraum, der Wärmedurchgangskoeffizient beträgt Uw = 2,1 W/(m²•K).
Stahltreppe im historischen Stil
Im Zuge der aktuellen Sanierung wurde der bislang nur extern zugängliche Keller mit dem Erdgeschoss verbunden. Hierzu wurde mit einer Betonsäge ein Kellerdecken- Durchbruch in der Mittelachse des Gebäudes geschaffen, durch den eine einläufige Treppe geführt wurde, die zwei Stahlwangen aus mächtigen C- Profilen aufweist. Während die Stufen aus schwarz durchgefärbten Betonfertigteilen bestehen, sind die Handläufe und die Absturzsicherungen aus Stahl. Ihr Design orientiert sich an der Ästhetik der Frühen Moderne, die das für die Ausbauplanung verantwortliche Krefelder Architekturbüro Georg von Houwald von den Treppendetails des gegenüberliegenden HE- Gebäudes adaptierte. Dieser Bau für "Herrenfutterstoffe" entstand 1932 nach Mies'schen Plänen.
Alarmgesicherte Paniktür
Da der neue Mieter, der Teppichfliesenhersteller Interface, auch das Untergeschoss als Bürofläche nutzt, erfolgte in Abstimmung mit dem Denkmalamt an der südlichen Gebäudeschmalseite eine Abgrabung zur Kellerbelichtung. Der Logik des historischen Entwurfs folgend war es möglich, in der mittigen Erschließungsachse einen neuen Türdurchbruch zu schaffen. Konstruktiv hatte das Detail zwar den aktuellen Sicherheits- und Brandschutzanforderungen zu entsprechen, seine Konstruktion sollte aber dem historischen Vorbild folgen. Damit schieden marktübliche Fluchttüren grundsätzlich aus, weil eine thermische Trennung genauso unerwünscht war wie aktuelle Klemmführungen für Scheiben. Wieder erhielt die Metallbau Krüppel den Auftrag zum Bau einer klassischen Stahlvollkonstruktion in historischer Detaillierung mit allen thermischen Nachteilen; sie musste nur eine hochmoderne Schließanlage besitzen.
Die Tür ist eine von innen immer zu öffnende Paniktür, die mit der Alarmanlage verschaltet ist. Draußen führt sie auf einen kleinen Freibereich in der Abgrabung, weshalb sie zu Arbeitszeiten auch von außen zu betätigen sein muss. Nicht ohne Stolz stellt Stefan Grefraths, verantwortlicher Bauleiter des Mies-van-der- Rohe- Business- Parks, fest: "So eine Tür gibt es nicht noch einmal in Deutschland!"
Baukosten
Die Sanierung der Erdgeschossfenster belief sich auf rd. 20.000,- Euro. Auch im Keller finden sich vergleichbare Fenster, sie mündeten früher alle auf Lichtschächte. Während die Südseite nunmehr die Abgrabung erhielt und die entsprechende Kellerwand einen fassadenartigen Charakter besitzt, blieb auf der Nordseite die bisherige Belichtung erhalten. Da der Sanierungsbedarf hier ein ungleich höherer als im Erdgeschoss war (die Fenster waren teilweise komplett verrottet, verbogen oder wurden ganz neu angelegt), betrugen inklusive der Türsonderanfertigung die Kosten weitere rd. 15.000,- Euro.
„Der beste Weg, ein Gebäude zu erhalten, ist es zu beleben“,
erläuterte Daniel Lohmann anlässlich der Einweihung des Pförtnerhauses im letzten November. Zusammen mit Prof. Norbert Hannenberg von der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) in Gießen begleitet der Wissenschaftliche Mitarbeiter des Lehrgebietes Denkmalpflege der RWTH Aachen das Großprojekt VerSeidAG- Sanierung. Das Ergebnis gibt dem Wissenschaftler Recht. Wortwörtlich "begreift" man Mies' berühmten Ausspruch: "Weniger ist mehr!"
Robert Mehl, Aachen