Projektart:
Anfrage:
Objekt:
VerSeidAG Speditionshaus
Typ:
Pavillon der frühen Moderne
Ort:
Krefeld [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Erich Holthoff (1935), Georg von Houwald 🔗 (2016)
Materialien:
Mies van der Rohe 🔗 (Berater)
Publiziert:
VISO 05/2017
Seiten:
40 - 47
Inhalt:
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Hauptsitz der Interface Deutschland GmbH, Krefeld

Mikroimpulse setzen im modernen Baudenkmal

Auf dem früheren Krefelder VerSeidAG- Areal wurde ein Baudenkmal der Frühen Moderne zeitgemäß saniert. Mehr noch: Der neue Mieter gestaltete die neuen Büroflächen unter Anwendung eines »Active Office Konzeptes« und nach den Maßgaben eines »Biophilic Designs«.
Das Areal der Vereinigten Seidenwerke AG (Verseidag) in Krefeld ist der einzige von Mies van der Rohe je realisierte Industriekomplex. Direkt an der Zufahrt steht das Speditions- oder Pförtnerhaus aus dem Jahr 1935. Die Pläne dieses ebenfalls denkmalgeschützten 300 m² großen, eingeschossigen Bungalows stammen von Erich Holthoff, einem Mies- Schüler aus dessen Bauhaus- Zeit. Seine tatsächliche Beteiligung ist aktueller Gegenstand der Forschung. Die Sanierung wurde wissenschaftlich von der RWTH Aachen und der THM Gießen begleitet und durch die untere Denkmalbehörde überwacht.
Zuletzt wurde der Bau von einer Krankenkasse genutzt; er war in zahlreiche Zellenbüros unterteilt, die über einen zentralen Flur erschlossen wurden. Bei dem auf Flexibilität ausgelegten Gebäudekonzept wurde jedoch auf tragende Zwischenwände verzichtet und nur zwei mit leichtem Mauerwerk ausgefachte Stützenreihen begrenzten seitlich diesen Mittelgang. So konnten problemlos alle Wände entfernt und ein einziger, lichtdurchfluteter Raum geschaffen werden.
Hell, warm und möglichst original
Der eingeschossige Bau besitzt einen Keller, der jedoch nie über eine interne Treppe mit dem Erdgeschoss verbunden, sondern nur von außen über einen schmalen Abgang zu erreichen war und als Lager diente. Um diesen als Bürofläche zu nutzen, entfernte man die Bodenplatte des mittleren Flurfeldes mittels einer Betonsäge und zog eine einläufige Betonfertigteiltreppe ein. Zusätzlich wurde die südwestliche Schmalseite des rechteckigen Pförtnerhauses abgegraben und eine Abböschung mit Freisitz geschaffen. Die vier dort vorhandenen früheren Lichtschachtfenster fördern nun echtes Tageslicht in den Keller und erhöhen signifikant die Aufenthaltsqualität. Die mittige Wandöffnung durch die gläserne Außentür wie auch das historisch anmutende Türblatt sind jedoch komplett neu.
Die zeitgemäße Dämmung des Gebäudes unter Beachtung des Denkmalschutzes war von zentraler Bedeutung: Für den sehr auf Originalität bedachten Bauherrn Wolf- Reinhard Leendertz, dem Geschäftsführer der Mies-van-der- Rohe- Business Park GmbH, war es inakzeptabel, die weitgehend intakten, aber ungedämmten historischen Fensterstahlrahmen deshalb auszutauschen. Eine Wärmeberechnung bezifferte den Verlust auf vertretbare 8 %, wenn man lediglich eine Wärmeschutzverglasung in die Originalrahmen einsetzte, weshalb er sich hierzu entschloss.
Biophilic Design
Unter dem Begriff versteht der Mieter Interface ein auf biomorphen Formen beruhendes Design, das mit Oberflächen und Mustern Analogien zur Natur schafft, welches sich positiv auf das Wohlbefinden auswirkt. Geschickt nutzte die konzerneigene Planungsabteilung das vorhandene Gebäuderaster zur Anordnung der Arbeitsplätze, durchbrach aber bewusst diese Ordnung mit Sonderflächen, wie etwa der Kitchenette, der Bibliothek oder der Sitzlounge.
Geschaffen wurde auch ein Wasservorhang, der sich über ein engmaschiges Edelstahlgitter von der Erdgeschossdecke bis zum Kellerfußboden durch das Treppenauge ergießt. Flankiert wird dieser von Innenraumpflanzen und artifiziellen Wandbehängen. Neben dem subtilen Hintergrundrauschen des Wassers sorgt die Wasserwand für eine angenehme Befeuchtung der insgesamt knapp 600 ² großen Bürofläche.
Active Office
Über Mitarbeiterbefragungen ermittelte das Unternehmen deren Bedürfnisse im Hinblick auf das Raumkonzept. So können alle Arbeitsplätze mit elektrischen Hebevorrichtungen kurzfristig von Sitz- zu Steharbeitsplätzen umgewandelt werden. Auch gibt es gesonderte Arbeitszonen für konzentrierte Einzel- und für kommunikative Teamarbeit. Keiner der Mitarbeiter besitzt einen festen Arbeitsplatz, sondern nur einen Spind in der allgemeinen Umkleide im Keller. An den Arbeitsplatz nehmen die Mitarbeiter nur kleine, persönliche Container mit ihren täglichen Habseligkeiten mit. Dies soll eine flexible Grundeinstellung fördern. Um die Bewegung am Arbeitsplatz zu unterstützen, wurde die Cafeteria im Untergeschoss angeordnet (Treppensteigen für den Kaffee). Auch gibt es in dem gesamten Gebäude nur einen Druckerraum, in dem sich überdies auch der einzige Papierkorb befindet.
Neben diesen subtilen Gestaltungszwängen zur Bewegung wurden im Untergeschoss aktivitätsfördernde Elemente angeordnet. Hier finden sich Turnringe, Springmuster im Boden, gar eine Sprossenwand und Schlagpolster. Hierüber können Mikroimpulse am eigenen Körper gesetzt werden, die das Sitzen zur Nebensache machen und den Stresslevel nachweislich senken.
Robert Mehl, Aachen