Projektart:
Anfrage:
Objekt:
ROLEX Learning Center
Typ:
Universitätsbibliothek
Ort:
Lausanne [Karte]
Staat:
Schweiz
Architekt:
SANAA 🔗, Tokio
Materialien:
Beton, Glas, Stahl
Publiziert:
DBZ-2 07/2010
Seiten:
20 - 21
Inhalt:
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Die Konstruktion

Die Wellenfront

Bemerkenswert flache Schalen bestimmen den Bau.
Der 166 m x 122 m große, eingeschossige Flachbau wurde auf einem herkömmlichen, wenngleich im Innern auch in Sichtbeton ausgeführten Untergeschoss errichtet, das fast vollständig eine ebenfalls eingeschossige Tiefgarage mit bemerkenswerter Kapazität aufnimmt. Auf dieser so generierten ebenen Grundplatte wurde ein wellenförmiger Boden ebenfalls aus Sichtbeton vor Ort gegossen. Kennzeichnend für diese Konstruktion sind die flachen Wellenbewegungen, zu der sie sich vermeintlich aufschwingt. Erzeugt wird dieser Eindruck durch sieben Bögen, die Spannweiten zwischen 55 m und 90 m aufweisen und dabei nur einen maximalen Stich von 7 m besitzen. Für die stützenfreie Realisierung der Spannweiten entschied man sich, jeden Bogen einzeln mit Stahlkabeln zu unterspannen. Sie sind nicht sichtbar in die Grundplatte integriert, die quasi einen doppelten Boden hat. Konstruktiv ist die homogen erscheinende Betonwelle in zwei „Schalen“ eingebettet, die nacheinander erstellt worden sind. Dabei umschließt die eine den Hörsaalbereich, die andere liegt diagonal gegenüber. Ihr Zentrum ist der größte Patio. Die Hochpunkte an den Flanken beinhalten das Restaurant „La Table de Vallotton“ sowie die Ausleihe und einen Großteil der Sitzplätze der Hochschulbibliothek.
Das Dach
Exakt 3,30 m über der wellenförmigen Bodenplatte liegt die Dachkonstruktion. Sie nimmt die identischen Schwünge des Bodens auf und ist eine 40 cm starke Mischkonstruktion aus Stahl- und Holzträgern. Getragen wird dieses Dach durch ein Raster von diskret weiß gestrichenen Stahlstützen, die einen Durchmesser von lediglich 13 cm besitzen und die jeweils einen Achsabstand von 9 m zueinander haben. Die Dachkonstruktion musste so ausgeführt sein, dass weder die typischen für so eine Mischkonstruktion immanenten Kriech- und Schwindrisse auftreten, noch Schäden durch eventuelle Setzungen des Bodens zu erwarten waren. Erschwerend kam hinzu, dass die Architekten Diagonalen oder gar durchgehende Wandscheiben für eine Aussteifung der Dachkonstruktion grundsätzlich nicht akzeptieren wollten. Beides hätte in nicht akzeptabeler Weise das offene, fließende Raumkontinuum gestört. Ursprünglich sollte die Steifheit des Gebäudes nur über eine statisch wirksame Fassade sichergestellt werden. Dies konnte aber, wie weiter unten zu lesen, nicht verwirklicht werden. Ferner war es geplant das Dach begehbar zu machen, um so ein zweites Raumkontinuum zu schaffen, dass die Natur und die umgebende Landschaft unmittelbar integriert. Beides erwies sich aber, wie im folgenden Abschnitt zu lesen, als nicht realisierbar. Ausgeführt wurde nun ein unzugängliches Flachdach. Dadurch konnten die anfallenden Stützlasten deutlich gesenkt werden. Zudem kam die schon erwähnte Leichtbaukonstruktion aus Stahl und Holz zum Einsatz. So konnten die anfallenden Lasten dahingehend reduziert werden, dass für eine Gewährleistung der Steifigkeit für die meisten Bereiche des Gebäudes nur noch eine relativ hohe, vertikale Stützendichte benötigt wurde. Die wenigen dann doch zur Aussteifung erforderlichen Diagonalen wurden sehr diskret platziert: Sie finden sich nahe den stark gekrümmten Glasfronten zu den kleineren Patios.
Der thermisch wirksame Dachaufbau besteht aus einer 20 cm starken Wärmedämmung, auf die als wasserführende Schicht eine Sika- Sarnafil- Kunsstoffbahn aufgebracht wurde. Die silbrig-graue Oberfläche ist UV stabil und soll 20 Jahre halten.
Die Glasfassaden
Ursprünglich sollten die Glasfassaden auch eine tragende oder zu mindestens statisch wirksame Funktion erhalten. Diese Idee erledigte sich letztendlich durch den Umstand, dass sich in der während der Ausschreibung partout kein Anbieter finden ließ, der eine solche Konstruktion konzipieren und bauen wollte. Ausgeführt wurde der Großauftrag durch die Firma Roschmann Konstruktionen in Gersthofen. Bei den insgesamt 722 Glasscheiben fielen nur wenige Dubletten an; insgesamt 600 Einzelzuschnitte waren erforderlich. Dabei mussten die verwendeten Doppelglasscheiben allesamt einzeln spannungsfrei eingepasst werden. Zudem müssen alle separat schwingen können, weshalb für jede Scheibe eine individuelle Rahmenkonstruktion nötig war. Überdies sind die Fenster in den Rundungen der kleinen Patios gewölbt, was deren Ausführung noch einmal erschwerte.
Brandabschnitte
Beim Erkunden des durchgängigen Innenraumes fällt das vollständige Fehlen von Brandabschnitten auf. Auch eine sonst ersatzweise vorhandene Sprinkleranlage existiert nicht. Hintergrund dafür ist, dass die Feuerwehr der Argumentation der für die Haustechnik verantwortlichen Firma Sorane SA gefolgt ist. Diese vertrat den Standpunkt, dass es sich bei dem Learning Center prinzipiell um einen Flachbau handelt, wenn er zahlreiche Wellen aufweist. Da das Gebäude tatsächlich an mehr oder weniger jedem Tiefpunkt einen Notausgang besitzt, kann er nach allen Seiten schnell verlassen werden.
Dazu wirken sich die Hügel günstig auf den Brandschutz aus. Rauschwaden steigen nach oben und füllen zunächst die „Kuppen“, während die Fluchtwege in den „Tälern“ passierbar bleiben.
Robert Mehl, Aachen