Projektart:
Anfrage:
Objekt:
ROLEX Learning Center
Typ:
Universitätsbibliothek
Ort:
Lausanne [Karte]
Staat:
Schweiz
Architekt:
SANAA 🔗, Tokio
Materialien:
Beton, Glas, Stahl
Publiziert:
DBZ-1 07/2010
Seiten:
16 - 17
Inhalt:
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Rolex Learning Center, Lausanne / CH

Eine Welle zum Surfen

Im Zentrum der technischen Hochschule von Lausanne ist ein zentraler Ort zum Lernen für alle Studenten entstanden. Das damit verbundene pädagogische Lehrkonzept ist neuartig. Die Architektur von SANAA auch.
Im Kulturteil der Neuen Züricher Zeitung wurde das neue Gebäude der Ecole Polytechnique Fedérale de Lausanne (EPFL) mit zwei dünnen Scheiben eines großlöchrigen Schweizer Emmentaler verglichen. Tatsächlich hat diese Metapher nur eines gemeinsam mit dem neuen Lernzentrum der Hochschule: beide sind sehr flach. Ursache dieser Sotisse mag auch die latent vorhandene Rivalität zwischen den beiden kulturellen Oberzentren der Schweiz sein: Zürich und Genf. Die eine Stadt dominiert den deutschen Sprachraum, die andere den französischsprachigen. Die Hauptstadt Bern liegt genau auf der Kulturgrenze und ist wie die gesamte Schweiz nach außen: neutral. Lausanne liegt im französischen Landesteil, direkt am Genfer See. Entsprechend empfindet die ETH Zürich die Konkurrenz durch die verhältnismäßig junge, aber sehr erfolgreiche EPFL in Lausanne bedeutsamer, als die aller deutschen Exzellenz- Universitäten zusammen.
So geht letztendlich das neuartige Lehr- und Lernkonzept, das mit diesem Gebäude erstmalig baulich umgesetzt wurde, auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse der eigenen pädagogischen Forschungseinrichtung CRAFT (Centre de Recherche et d’Appui pour la Formation et ses Technologies) zurück. Zu seinem markenbewussten Namen fand das Lernzentrum wohl ähnlich wie die Fußballstadien heutzutage. Rolex ist neben Nestlé, Novartis, Logitech und Crédit Suisse ein finanzkräftiger Sponsor des Hauses. Die Präsenz des Uhrenherstellers vor Ort manifestiert sich allein an den zahlreich vorhandenen Wand- und Standuhren.
Erschließung
Der 166 x 122 Meter große, eingeschossige Flachbau besitzt keine Frontseite. Er ist gleichermaßen nach allen vier Seiten gerichtet. Der Gedanke ist stimmig, denn der Bau steht inmitten des Campus der EPFL und soll fortan dessen Zentrum sein. Entsprechend ist der Bau auch gleichberechtigt von jeder Seite her zugänglich. Statt an jeder Front nun einen Eingang vorzusehen, entschieden sich Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa von SANAA für einen Zugang im Schwerpunkt des Gebäudes.
Von einem elliptischen Innenhof gelangt man nach innen. Um nun den Innenhof zugänglich zu machen und nicht noch eine zusätzliche Erschließungsebene zu schaffen, war es notwendig dem Flachbau Falten zu geben, wie bei einem verrutschten Teppich. So erhebt sich das eingeschossige Volumen in sieben Bögen – jeweils zwischen 55 und 90 Meter lang – über die stark verzweigte horizontale Zuwegung. Denn neben dem Innenhof am Haupteingang gehören noch 13 weitere Patios, teilweise mit Nebeneingängen zu diesem beeindruckenden Erschließungsnetz. Die Bögen mit einem Stich von bis zu sieben Metern bestehen aus einem glänzenden und mitunter sogar lackiert erscheinenden Sichtbeton. Der Boden der Innenhöfe besteht aus einem ockerfarbenen Gussasphalt, der mit einem splitterartigen Zuschlag versehen ist und optisch an die Kunststoffbeläge von Kinderspielplätzen erinnert. Die fußläufige Erschließung des Learning Centers wird ergänzt durch ein die gesamte Grundfläche einnehmendes Parkhaus, das die Studenten kostenfrei nutzen können. Der Studienbereich ist mit dem Parkhaus neben den obligaten Treppen auch über zahlreiche, gläserne Aufzüge mit dessen höher gelegenen Punkten verbunden.
Hügel anstelle von Wänden
Das Gebäude ist als eine offene und überall frei zugängliche Studienlandschaft angelegt. In hügeliger Topografie auf einer lichtdurchfluteten Teppichbodenlandschaft verteilen sich die Studenten auf farbigen Sitzkissen im Raum. Meist lässig liegen sie auf diesen und haben einen Laptop oder einen Tablet- PC auf den ausgestreckten Beinen. So surfen sie per W- Lan- Netz im Internet, essen Kleinigkeiten oder geben sich alleine oder mit Kommilitonen dem gepflegten Nichtstun hin. Dabei ist das Gebäude nicht zu klein und nicht zu groß. Es kommt weder eine bedrängte, noch eine einsame Atmosphäre auf. Dieses subjektive Gefühl beruht sicher auch in der dreidimensionalen Ausformung der Raumlandschaft, die trotz ihrer teilweise recht steilen Anstiege durchgehend behindertengerecht ist. Schienenartig anmutende, durch den Raum mäandernde Markierungen kennzeichnen die horizontalen Passagen für Rollstuhlfahrer durch das Gebäude. Dazu gibt es zu allen Hochpunkten zügig fahrende Schrägaufzüge sowie Serpentinenstrecken mit zulässiger Steigung. Auch der Teppichboden ist mitnichten billige Auslegware. Es handelt sich um flusenarmes Kugelgarn, dessen Farbton exakt durch die Architekten festgelegt wurde und der so diffusionsoffen ist, dass in Teilbereichen eine Frischluftzufuhr durch ihn hindurch vom Boden aus sichergestellt werden konnte.
Baulich abgetrennt sind die eingestellten Bubbles, kleine Raumzellen mit einem elliptischen Grundriss und einem flachen Abschluss nach oben. Es gibt die neutral weiße Trockenbauvariante für Verwaltung, Service- und Nebenräume sowie eine gläserne Version. Dieses sind temporär buchbare Lernzellen für Arbeitsgruppen. In einer Gebäudeecke findet sich ein regelgerechtes Amphitheater für 600 Besucher. Weiße Schalensitze bilden in Rängen einen Viertelkreis um eine bühnenartige Fläche in der Gebäudeecke. Mittels Trennwandelementen kann auf der umschließenden Kuppe der Bereich vollautomatisch separiert werden. Irritierend ist der dann fehlende interne Zugang. Das so genannte Rolex Forum ist nur von außen über einen Patio erreichbar.
Neue Form des Studierens
Das Learning Center steht für eine neue Form von Begegnung und Studium, die mit dem gewohnten Hochschulbetrieb nur noch wenig gemein hat. Dieser „grenzenlosen Welt“ zwischen Leben und Arbeiten sind auch andere Einrichtungen des Hauses gewidmet. Einen Großteil des Gebäudes nimmt die 500.000 Bände umfassende Hochschulbibliothek auf, die auch bedeutende Werke von Isaac Newton oder Galileo Galilei ihr Eigen nennt. Hier finden sich Tische und Stühle, und damit Einzelarbeitsplätze für insgesamt 860 Studenten. Auffallend hier sind die zusätzlich eingezogenen, horizontalen Ebenen. Offensichtlich sind diese für eine effektive Nutzung von richtigem Mobiliar dann doch notwendig.
Natürlich gibt es eine Mensa, eine Cafeteria, einen entsprechend sortierten Fachbuchladen, darin integriert, ein Schreibwarengeschäft sowie eine Bankfiliale. Wirklich bemerkenswert ist ein vornehmes Restaurant, welches wohl vornehmlich den repräsentativen Anlässen der Hochschule dient.
Energieeffizienz
Obwohl alle vertikalen Flächen des Learning Centers verglast sind, hat das Gebäude das in der Schweiz begehrte Minenergie Label erhalten. Da es größtenteils von Tageslicht erhellt wird, ist der Kunstlichtbedarf vergleichsweise gering. Die Belüftung erfolgt weitgehend auf natürliche Art und Weise. Dazu wurden in zahlreichen Computersimulationen die entstehenden Luftströmungen untersucht und die genauen Positionen für raumhohe Lüftungsfenster festgelegt. Über eine zentrale Computersteuerung können sie bis zu 60° geöffnet werden. Ein grobes Gitter verhindert Personenunfälle, da diese Öffnungen zumeist nahe den Hochpunkten des Gebäudes angeordnet sind. Ebenfalls rechnergestützt werden die Außenjalousien betrieben. Entsprechend der Sonneneinstrahlung und ihrer Richtung werden die entsprechenden Einheiten aktiviert. Bemerkenswert dabei ist, dass auch die Neigung der Lamellen hinsichtlich maximaler Transparenz justiert wird.
Raumkontinuum, Licht und Schatten
Die Architekten betonen, dass sie – inspiriert insbesondere durch die hügelige Topografie von Lausanne – mit dem Bau eine Landschaft schaffen wollten, die mit dem Relief des Campus und der Stadt ein Kontinuum eingeht. Tatsächlich ist die Raumlandschaft ein beeindruckendes, aber eine eigenständige grau-weiße Welt, die aber durch ihre durchgehende Glasfassade atemberaubende Blickbeziehungen zur Außenwelt gestattet. Bedingt durch die erhöhte Lage des gesamten Campus auf dem Plateau de Dorigny, sieht man nicht nur auf andere Hochschulgebäude, sondern auch auf den nahen Genfer See, die gebirgige Altstadt von Lausanne und natürlich die Alpen.
So licht und inspirierend diese neue grenzenlose Welt des Lernens auch sein mag, so besitzt sie auch ihre Schattenseiten. Würden die Hochschulbediensteten nicht mit Hilfe von typischen Warteschlangenbändern und mobilen Pflanzentrögen den Zugang zur Hochschulbibliothek vorbei an Ihrem Arbeitsplatz kanalisieren, sie könnten sie nicht kontrollieren, wer kommt und geht. Auch ist der Vorlesungsbereich grundsätzlich durch die mobilen Trennwände geschlossen. Vorlesungen benötigen eben einen intimen und meist abgedunkelten Raum.
Nichtsdestotrotz: Die architektonische Qualität, die hier zum Verweilen und Lernen geschaffen wurde, ist neu und traumhaft. Manche Studententräume werden tatsächlich wahr!
Robert Mehl, Aachen