Projektart:
Anfrage:
Objekt:
RWTH Campus
Typ:
Hochschulerweiterung
Ort:
Aachen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
RKW 🔗, Düsseldorf; Reicher-Haase 🔗, Ac
Materialien:
Städtebaulicher Entwurf
Publiziert:
polis 01/2010
Seiten:
8 - 12
Inhalt:
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Zu Campuserweiterung der Rheinisch- Westfälisch Technischen Hochschule

Aachen: Silicon Valley war gestern

 
In Deutschland gibt es neun Hochschulen, die zwischenzeitlich den begehrten „Exzellenz“-Status zuerkannt bekommen haben. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands in NRW, ist die RWTH Aachen die einzige davon. Und nur sie, die FU Berlin sowie die Georg- August- Universität in Göttingen liegen nicht in Bayern oder Baden Württemberg. Zu Recht kann man hier von einer asymmetrischen Verteilung exzellenter Studiengänge zugunsten Süddeutschlands sprechen. Tatsächlich war aber die RWTH Aachen schon lange vor diesem elitären Ritterschlag der größte Wirtschaftsfaktor in der Region. So sind im unmittelbaren Umfeld der Technischen Hochschule in den letzten 20 Jahren 30.000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Zudem hat jedes fünfte Vorstandsmitglied eines deutschen Konzerns in Aachen studiert. Sehr gerne weist die RWTH darauf hin, dass sie auch ohne das explizite Label exzellent ist. Jedoch hat aber gerade dieses Signet den wohl an jeder Universität vorhandenen Zukunftsvisionen einen nicht zu unterschätzenden Impuls in Richtung Realisierung gegeben.
Vage Ansätze der heutigen Planung fristeten wohl schon seit den 1970er Jahren ihr Dasein in den dunklen Schubladen der Aachener Hochschulverwaltung. Das nun spruchreife Großprojekt teilt sich in zwei Entwicklungsgebiete auf, die jeweils die Dimension eines ganzen Stadtviertels haben: Zunächst soll eine massive Verdichtung des schon bestehenden Außenbereiches der RWTH entlang des westlichen Schnellstraßenringes erfolgen. Das dortige Gelände, das schon seit über 30 Jahren in Hochschulbesitz ist, wird „Melaten“ genannt. Zu einem ein bis zwei Jahre späteren Zeitpunkt soll außerdem eine weitgehende Überbauung der heutigen Rangiergleise am Westbahnhof erfolgen. Diese erst durch den Ankauf der Gleisflächen möglich gewordene Erweiterung wird „Campus West“ genannt. Da beide Bereiche jedoch aneinander grenzen, ist es jeweilige Auslegungssache, was man mit dem letzteren Begriff genau anspricht. Manche meinen damit nur das ehemalige Bahnhofsareal, manche die stadträumliche Gesamtentwicklung der Rheinisch Westfälischen Technischen Hochschule im Aachener Westen. Etwa in zehn Jahren wird die Universität mit beiden Bereichen zusammen einen Großteil der Aachener Innenstadt mit einer städtebaulichen Klammer umschließen.
Immerhin sollen auf über 800.000m² Büro- und Hallenflächen sowie Laboreinrichtungen für bis zu 19 Forschungscluster entstehen. Unter einem Cluster versteht man dabei einen Verbund eng miteinander kooperierender Institute. Diese sind ansatzweise mit den Fakultäten einer Hochschule vergleichbar, in denen Lehrstühle zu einer bestimmten Studienrichtung zusammengefasst worden sind. Ein Cluster ist natürlich hochspezialisiert und seine administrative Organisation ist vergleichsweise klein und kompakt.
Auf dem insgesamt etwa 2,5 km² großen Areal werden rund 5.000 Arbeitsplätze neu entstehen. Über 250 nationale und internationale Technologieunternehmen sollen als Forschungspartner gewonnen werden und die Möglichkeit erhalten, sich mit eigenen Forschungs- und Entwicklungskapazitäten auf dem Campus anzusiedeln. Das Gesamtinvestitionsvolumen soll 2 Mrd. Euro betragen. Zuständig für die Realisation ist der Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) NRW. Diese Behörde ist grundsätzlich für alle Hochbauvorhaben auf Landesebene zuständig.

Melaten
Das oft nur als „Außeninstitute“ genannte Areal gehört seit den 1970er Jahren der Hochschule. Seine Erschließung begann im Südwesten mit der Errichtung des mittlerweile denkmalgeschützten Klinikums. Infolge seiner äußerlich angebrachten und stark ästhetisierten Verrohrung der Haustechnik und der identischen Entstehungszeit wird es im gerne mit dem Centre Pompidou in Paris verglichen. Nach dem Bau entstanden in dem typischen Hochschulschulstil der beginnenden 1980er Jahre einige Sammelgebäude für kleinere Institute und Lehrstühle.
Grundlage des nun beschlossenen Erweiterungskonzepts von „Melaten“ ist der Siegerentwurf eines städtebaulichen Wettbewerbes, den das Architekturbüro Reicher Haase für sich entscheiden konnte. Der planerische Ansatz besitzt zwei Schwerpunkte: Zum einen wird der derzeitig sehr großzügige Parkplatzstreifen zwischen der Stadtringschnellstraße und den bestehenden Instituten mit einer Gebäudezeile verdichtet werden. Nach Westen soll in einem weitgreifenden Schwung das Gebiet bis zu dem bis dato naturbelassenen Rabental erweitert werden. Das künftige Halbrund wird dann parallele Gebäudezeilen erhalten.
Dabei werden die Institute anhand ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Forschungsclustern platziert. Es ist geplant, mit der Realisierung der ersten fünf Cluster in 2010 und 2011 zu beginnen. Neben den eigentlichen Forschungseinrichtungen sollen aber auch Einrichtungen des tertiären Sektors vorwiegend in den Erdgeschossen Berücksichtigung finden, beispielsweise Gastronomie, sonstige Dienstleister oder Kindertagestätten. Das städtebauliche Wachstum wird hier in drei Phasen aufgeteilt: Zuerst wird ein bogenförmiger Boulevard um die schon bestehenden Institute geführt. Die Außenkante dieser neuen Ringstraße wird dann mit einer flankierenden Randbebauung gefasst. Die dahinter gelegenen Restflächen werden schließlich mit den schon erwähnten Gebäudezeilen in Ost- West- Richtung gefüllt. Sehr umstritten in der Öffentlichkeit ist die Nähe zum Rabental. Naturschützer halten dieses für besonders schützenswert, da ein Verlust der vorhandenen Naturvielfalt befürchtet wird. Unerwähnt bleibt dabei aber für gewöhnlich, dass das Rabental vor dem Ankauf durch die RWTH Aachen reines Ackerland war, durch welches nur ein Bach floss. Erst durch die Protektion seitens der Universität erreichte das Gebiet eine natürliche und schützenswerte Qualität. Nicht unerheblich ist schließlich, dass der bisherige Wasserlauf und dessen unmittelbare Auenlandschaft die formale Grenze der Erweiterung bildet und weitgehend naturbelassen bleibt.

Campus West
Institute oder Forschungseinrichtungen, die außerhalb von Clustern mit der RWTH kooperieren wollen, sollen verstärkt am „Campus West“ dem zweiten Erweiterungsgebiet am Westbahnhof - angesiedelt werden. Dieses vollständig noch zu entwickelnde Areal besitzt mit seiner unmittelbaren Nähe zur Innenstadt und zu dem weiterhin existierenden Eisenbahnhaltepunkt einen bedeutenden Standortvorteil. Ausschlaggebend für den Ankauf des ehemaligen Rangierbahnhofes im Aachener Westen war eine Plausibilisierungsstudie des Düsseldorfer Architekturbüros Rhode Kellermann Wawrowsky (RKW), ob sich das Areal überhaupt für die Bedürfnisse der RWTH Aachen eignet. Dieses Gutachten fiel positiv aus und mündete zudem in einem städtebaulichen Entwurf, der direkt vom BLB übernommen worden ist. Dabei entschied man ferner hier die Projektentwicklungsstrategie aus „Melaten“ zu übernehmen: Zuerst werden also die erschließenden Boulevards entstehen, dann zügig deren Randbebauung, danach werden die hinteren Bereiche „aufgefüllt“. Signifikanter Unterschied ist der langgestreckte Charakter des Gebietes und eine in ihrem Schwung an die vormaligen Gleiskörper erinnernde Führung der Erschließungswege. Ferner sollen auf der ehemaligen Rangiergleisharfe ortsprägende Bauten entstehen: So war von vornherein in der Planung fest vorgesehen, den zwischenzeitlich auch denkmalgeschützten Ringlokschuppen samt der vorgelagerten Drehscheibe in die Campuserweiterung zu integrieren. Zusätzlich ist nahe dem Stadtzentrum und vis-á-vis des heutigen Audimax ein neues Hörsaalzentrum auf dem Gelände projektiert. Derzeit ist dort noch der Sitz der technischen Hochschulbetriebe. Bald werden sie aber Richtung Westen innerhalb der Campuserweiterung umgesiedelt.

Kernbereich der RWTH
Bei der Diskussion um die Campuserweiterung der RWTH wird häufig übersehen, dass dem Kernbereich im Stadtzentrum ebenfalls tiefgehende Struktur- und Umbaumaßnahmen bevorstehen, die teilweise schon im Gange sind. Augenfälligstes Symbol ist der Neubau des Studentensekretariates, Super C genannt, direkt neben dem Hauptgebäude. Ferner wurden drei Seminargebäude neu errichtet, auch ist ein neuer Hörsaal gerade in Bau. Wahrnehmen wird man aber die Erweiterung und den Umbau der Hochschule vor allem durch die umfangreiche Sanierung des zentralen Hörsaalzentrums, dem Karmán Forum. Damit verbunden ist auch dessen teilweiser Abriss. Denn die vorhandenen Lehrsäle gelten - wie auch die darin stattfindenden Vorlesungen - als nicht mehr als zeitgemäß. Sie sollen durch zahlreiche kleinere, seminarraumartige Varianten ersetzt werden. Dieser Eingriff wird allerdings erst vorgenommen, wenn das neue Hörsaalzentrum am Westbahnhof steht.

Stadtbildprägende Maßnahmen
Dort wo die Erweiterungsbereiche „Melaten“ und „Campus West“ an einander stoßen, verläuft auf einem hohen Damm die Eisenbahnstrecke nach Düsseldorf. Sie schafft eine sichtbare Zäsur. Ein etwa 70 m hohes Hochhaus soll diese Trennung optisch überbrücken, zudem wird dem Solitär eine landmarkenartige Sichtbarkeit von der Autobahn aus attestiert. Nicht mehr realisiert wird dagegen der ursprüngliche, spektakuläre Entwurf für das Gebäude des Institutes für Energieforschung. Dieser stammte von der Londoner Star Architektin Zaha M. Hadid. Vorgesehen in unmittelbarer Nachbarschaft vom Hochhaus, hätte es das städtebaulich sinnvolle Gelenk an dieser Stelle stimmig vervollständigt. Leider sprengten die zu erwartenden Kosten den finanzierbaren Rahmen.
Signifikante Hochbauten sind auch in Richtung Stadtzentrum angedacht. Hier soll neben dem Hörsaalzentrum ein weiteres für Kongresse zusammen mit einem Hotel entstehen.
Schließlich ist es beschlossene Sache für die Erschließung der gigantischen Campuserweiterung die in den 1960er Jahren stillgelegte Straßenbahn zu revitalisieren. Im Gespräch ist eine Trasse, die im Kernbereich beginnt, vorbei am Westbahnhof und entlang des „Campus West“ verläuft und schließlich hinaus zu den Forschungsclustern in „Melaten“ führt. Die Wiedereinführung der Straßenbahn trifft bei den Aachener Bürgern auf allgemeine Zustimmung. Viele wünschen sich allerdings eine stadtweite Wiedereinführung und nicht nur diese eine Linie.

Fazit
In Relation zur Aachener Innenstadt scheint die Flächenerweiterung der RWTH vermessen groß. Tatsächlich hat sich die Aachener Hochschule die kalifornische Stanford University zum Vorbild genommen. Diese begann nämlich in gleicher Weise 1951 ein ländliches Areal zu entwickeln. Ein Projekt, das man damals lapidar COOP- Initiative nannte. Jahre später wurde diese Campuserweiterung dann als Silikon Valley der Welt ein Begriff. Der Anspruch, den die RWTH Aachen mit diesem Hinweis in ihrer Pressebroschüre erhebt, ist offensichtlich: Vergleichbarkeit. Und vielleicht gelingt ihnen das ja tatsächlich irgendwann einmal. Und dann würde wohl aus dem Rabental – Anglizismen sein dank – das Raven Valley.
Robert Mehl, Aachen