Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Philosophikum II
Typ:
Seminargebäude
Ort:
Gießen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Materialien:
Publiziert:
Beton Bauteile 2018-2
Seiten:
24 - 25
Inhalt:
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Ein Gespräch mit Martina Fuchs von pbr Architekten, Ingenieure AG, NL Frankfurt/Main

»Die großen Formate sind von Vorteil!«

 
Frau Fuchs, warum hat die pbr AG sich für Architekturbeton entschieden?
In der Ausschreibung wurde ein mineralisches Fassadenmaterial gefordert, also Holz explizit ausgeschlossen. Und WDVS kam schon aus Gründen der Vandalensicherheit hier nicht infrage. Die quasi unmittelbare Konkurrenz der Gießener Universität befindet sich in Frankfurt, welche von Naturstein geprägt ist. Davon wollten wir uns abheben.
Wir von der pbr AG haben in den vergangenen Jahren wenig mit Betonfertigteilen gearbeitet. Allerdings hat uns die Bauweise zunehmend interessiert: Wir wollten etwas für uns Neues machen!
Und wie sind Ihre Erfahrungen?
Zunächst waren wir erstaunt über die enorm positive Resonanz, die wir auf das Projekt erhalten haben. Es interessieren sich außerordentlich viele Leute für das Projekt, eben weil es aus Architekturbeton besteht.
Der große Vorteil des Baustoffs ist, dass man große Formate wählen kann - anders als beim Naturstein. Allerdings mussten wir feststellen, dass eine hochwertige Architekturbetonfassade von den Kosten her vergleichbar ist mit einer Fassade aus Naturstein entsprechender Qualität.
Von was für Beträgen sprechen wir da?
Rund 45,- €/m² sollte man ansetzen.
Wie sind Sie bei der Bemusterung vorgegangen?
Wir sind nach Stockstadt zur Firma Dressler Bau gefahren, die uns umfassend und sehr engagiert beraten hat. Schon für den ausführlichen, einführenden Vortrag hätte es Fortbildungspunkte bei der Architektenkammer geben müssen! (lacht)
Interessant ist, dass wir uns bei der anschließenden Werksführung im Labor rasch auf ein Handmuster festlegten, uns dann aber im Freilager, wo wir die Betonbauteile groß und bei Tageslicht sahen, wieder umentschieden. Im Kleinen sieht alles doch ganz anders aus als im Großen!
Bei so einer exzellenten Beratung sollte man annehmen, dass das Unternehmen dann auch von Ihnen beauftragt wurde?
Der Hersteller hat sich leider nicht auf die Ausschreibung beworben, weil er derzeit das Humboldt- Forum in Berlin baut und damit vollkommen ausgelastet ist.
Erstellt hat das Projekt dann das Betonwerk Fuchs aus Gladbeck, das aber auch eine hervorragende Arbeit leistete. Das gilt insbesondere für die Eckelemente der Fassade, die mit einer Gehrung gegossen und exakt aneinandergesetzt wurden.
Sie sprechen von Architekturbeton, einem relativ neuen Begriff, den man früher an den Hochschulen nicht kannte. Was verstehen Sie als Architektin darunter?
Für mich liegt der Unterschied zwischen „Architekturbeton“ heutiger Qualität und den einstigen „Betonfertigteilen in Sichtbetonqualität“ in dem Einsatz zahlreicher Zuschläge und Pigmente, die es früher einfach nicht gegeben hat. Zudem existieren heute ganz andere Möglichkeiten der Oberflächenveredelung. Einige dieser Verarbeitungsmethoden sind so im Ortbetonbau nicht zu realisieren, weshalb für mich „Architektur-beton“ immer ein Fertigteil ist.
Was kennzeichnet die Fassade des Seminargebäudes in Gießen als Architekturbeton?
Wir haben die Oberflächen gesäuert und im Bereich des Erdgeschosses zusätzlich mit einem Graffitischutz versehen - dieses bei Elementgrößen von bis zu 6,41 m x 3,18 m. Zunächst wollten wir die Fensterlaibungen der Lochfassade an der Nordwestseite mit Schalungsmatrizen besonders rau und strukturiert ausführen, doch wir entschieden uns um und führten sie besonders glatt aus. Ein sehr subtiler Kontrast zu den gesäuerten Fassadenhauptflächen, wie wir finden.
Frau Fuchs wir danken für das Gespräch!
Robert Mehl, Aachen