Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Maria-Lenssen Kolleg
Typ:
Berufsschule
Ort:
Mönchengladbach-Rheydt [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Mascke (1913); Umbau: Jensen & Görgl 🔗, M'gladbach
Materialien:
Altbausanierung
Publiziert:
DBZ 01/2012
Seiten:
46 - 51
Inhalt:
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Maria- Lenssen- Berufskolleg, Mönchengladbach- Rheydt

Maßgeschneiderte Sanierung

Bei Arbeiten an denkmalgeschützen Bauten besteht die Kunst des Architekten darin, die erforderlichen Ergänzungen so unauffällig und so selbstverständlich wie möglich erscheinen zu lassen. Das Maria- Lenssen- Berufskolleg scheint nahezu unverändert, obwohl es vom Brandschutz, wie auch vom energetischen Konzept her auf den neusten Stand gebracht wurde.
Das Maria- Lenssen- Berufskolleg in Mönchengladbach- Rheydt ist eine Fachschule mit drei Ausbildungsrichtungen: Mode, Sozial- und Gesundheitswesen. Die Namenspatronin Maria Lenssen gründete im Jahr 1870 die Schule mit dem Ziel einer „Förderung der weiblichen Jugend in den Nadelarbeiten“, 1902 wurde die Schule verstaatlicht. Nunmehr hieß sie „Königliche Handels- und Gewerbeschule für Mädchen in Rheydt“ und erhielt 1913 ihr heutiges Hauptgebäude. Der Bau ist eine bemerkenswerte Mischung aus Gründerzeit, Jugendstil und aufkommender Neuer Sachlichkeit. Die Errichtung erfolgte nach den Plänen eines Stadtoberinspektors Mascke vom kommunalen Hochbauamt und einem Architekten namens Fischer. Das Hauptgebäude knüpft über eine geschlossene Brücke an zwei bereits existierende Bestandsbauten auf der gegenüberliegenden Seite der Walter- Gilles- Straße an. Bei diesen Bauten handelt es sich um eine erste Erweiterung aus dem Jahre 1898 sowie um die eigentliche Keimzelle der Schule: das daran sich anschließende Eckhaus zur Brucknerallee. Westlich dieses historischen Neubaus befindet sich ein eher unauffälliges, ehemaliges Wohnheim für Lehrerinnen, das wohl zeitgleich entstanden ist. Tatsächlich durften diese zu Kaisers Zeiten nicht heiraten, sie wollten jedoch angemessen untergebracht werden. An der Ostseite des Hauptgebäudes befindet sich ein weiteres Gebäude des Schulensembles. Es ist ein relativer Neubau aus den 1980er Jahren, der vor einiger Zeit saniert wurde. Zusammen mit dem Hauptgebäude und dem ehemaligen Wohnheim umschreiben die drei Bauten einen halböffentlichen Park in L- Form. Die von der Architektin Ulrike Görgl und dem Bauingenieur Reiner Jenssen durchgeführte Sanierung betraf nur das Hauptgebäude. Schwerpunkte ihrer Arbeit sollten die Optimierung der Wärmedämmung, eine Instandsetzung der Fassade und des Daches sowie eine Neuinstallation der gesamten Haustechnik sein. Ferner galt es, die vorgefundene Ausstattung so gut wie möglich instand bzw. in den ursprünglichen Zustand zurück zu versetzen.
Fassade & Dach
Sowohl die Außenfronten wie auch das Dach waren über die fast 100jährige Standzeit stark angegriffen. Zunächst wurde die straßenseitige Stuckfassade von einem starken Efeubewuchs befreit und die vorgefundenen Schäden kartiert. Anschließend wurde die Fassade behutsam saniert. Dabei wurden nicht mehr zu rettende Stuckelemente in alter Manier nachgebildet und erneuert. Der Putz der schmucklosen Rückfront wurde hingegen in weiten Teilen ersetzt. Die im Rohbau aus Beton bestehenden Teilflächen, insbesondere im Bereich des Haupttreppenhauses, erhielten einen mineralischen, 4 - 5 cm starken Wärmedämmputz, der mit Styroporkugeln versetzt worden war. Die alte Dachhaut hingegen war so baufällig, dass sie komplett erneuert und die Ziegel ersetzt werden mussten. Verbaut wurde hier ein Hohlfalz- Verschiebeziegel, konkret das Modell Limburg der Firma Röben. Der Dachstuhl wurde dagegen weitgehend erhalten und nur punktuell ausgebessert bzw. verstärkt. Ersetzt wurden, bis auf zwei In-situ- Belege im ungeheizten Fluchttreppenhaus, auch alle Fenster, wobei die ursprüngliche Größe, Einteilung und Sprossung beibehalten wurden. Die neuen Fenster wurden auf Basis der heute üblichen Rahmenprofilierung in Holz erstellt und mit einer Wärmeschutzverglasung versehen.
Innenausstattung & Brandschutz
Die größte Herausforderung bestand in der Sicherung und Wiederherstellung der Innenausstattung unter Beachtung des Brandschutzes. Dabei erwies sich der intensive und lösungsorientierte Austausch zwischen Architekten, Denkmalamt und Brandschutzbehörde als Segen für das Projekt. So konnten die im ursprünglichen Zustand erhaltenen hölzernen Flurspinte bleiben, obwohl sie in einem Fluchtweg liegen. Die Auflage sieht vor, dass sie nicht zu öffnen sind und ihre gedrechselten Belüftungsschlitze von hinten mit einer hölzernen Blende verschlossen wurden. Etwas Ähnliches gilt für die zahlreichen Glasvitrinen entlang der holzvertäfelten Flure. Lediglich nicht brennbare Gegenstände dürfen in ihnen gezeigt werden. Auch Sitzgelegenheiten durften in den Fluren aufgestellt werden, sofern sie nicht brennen können. Entsprechend wurde eine bequeme Sitzgruppe beschafft, die einen schwer entflammbaren Stoffbezug und eine feuerhemmende Polsterung besitzt. Ausgesprochen diskret gelang auch das Einziehen neuer Brandabschnitte. Bemerkenswert ist eine doppelflügelige Brandschutztür, welche in jedem Geschoss die Treppenhausfoyers von den Erschließungsfluren der Klassenzimmer trennt. Das gläserne Portal wurde erst hinter und nicht wie sonst üblich direkt unter einem in jedem Stockwerk vorhandenen jugendstilartigen Sturz angeordnet. Ein Oberlicht aus Festverglasung inszeniert nun den Steinbogen wie in einem Schaufenster. Die Türblätter schlagen in Richtung der eingestellten Arkade auf und schließen bündig mit den Pfeilervorsprüngen ab.
Farbfassung
Über so genannte Befundtreppen konnte eine Abfolge der verschiedenen Farbfassungen belegt werden. Man stellte einen geschossweisen Wechsel fest und entschloss sich, die ursprüngliche Farbigkeit wiederherzustellen. Als Bodenbelag wählte man ein monochromes Linoleum in einer jeweils dazu korrespondierenden Farbe. Obwohl auch in den Klassenzimmern die ursprüngliche Ausgestaltung belegt werden konnte, entschloss man sich hier der schulischen Nutzung entsprechend für eine weiße Ausgestaltung. Lediglich ein kassettenartig umlaufender dunkler Begleitstrich verweist abstrakt auf das ursprüngliche Dekor. In den Klassen und an stark beanspruchten Wänden wurden Latexfarben verarbeitet. Die Decken, wie auch die farbigen Flächen oberhalb der Holzvertäfelungen in den Fluren wurden mit offenporiger Silikatfarbe gestrichen.
Aula
Die repräsentative Aula im Dachgeschoss wird von einem kassettierten Tonnengewölbe überdeckt. Dieses besteht aus einer abgehängten stuckverblendeteten Rabitzkonstruktion, die mit unzähligen Stahldrähten an den unmittelbar darüber verlaufenden Dachpfetten und -sparren montiert ist. Im Zuge der Instandsetzung wurden alle Stahlverbindungen ersetzt. Da das Dach ungedämmt ist, war es erforderlich, das Tonnengewölbe an der Außenseite zu dämmen. Aufgrund der erwähnten Spanndrähte konnte dieses aber nicht mit herkömmlichen Matten aus Glas- oder Steinwolle erfolgen. Die Planer entschlossen sich für ein Beflocken des Gewölbes mit granulierter Mineralwolle. Dabei wurde Rockwool RG WLZ 0,40 eingeblasen. Die entstandene Oberfläche wurde anschließend in Sprühklebetechnik leicht fixiert.
Haustechnik
Von Anbeginn an verfügte die Schule über eine mit Kohle betriebene Zentralheizung mit Warmwasser, wie auch über sanitäre Anlagen. Natürlich mussten alle Leitungen erneuert sowie die Heizkörper neu berechnet und ausgetauscht bzw. neu platziert werden. Die Flure erhielten metallfarben lackierte, überkopfhohe Rippenheizkörper, die Klassenräume hingegen Flachheizkörper in den Fensternischen. Um dort einen bündigen Abschluss mit der Innenwand zu erhalten, wurden diese allesamt maßangefertigt. Die neuen Leitungen für Strom und EDV werden durch zwei aufgesetzte Bodenkanäle geführt, welche entlang der Außenwand verlaufen. Sie werden über zwei unterschiedliche Schächte gespeist: Der Strom läuft über einen vorhandenen Versorgungsschacht, während die Datenautobahn ihren vertikalen Weg durch einen ehemaligen Speisenaufzug nimmt.
Fazit
Auch wenn Ulrike Görgl und Reiner Jenssen mit ihrer Umsetzung eigentlich nur den ursprünglichen Entwurf zu neuem Glanz verhelfen und selber mit ihrem Werk im Hintergrund bleiben, ist es doch gerade ihre detailverliebte Planung und Umsetzung, die ihre eigene Arbeit so vorbildlich und überzeugend macht.
Robert Mehl, Aachen