Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Hyparschale
Typ:
Veranstaltungsbau
Ort:
Magdeburg [Satellit]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Materialien:
gmp architekteni 🔗 (Sanierung)
Publiziert:
structure 07.01.2020
Seiten:
online
Inhalt:
[Artikel]      
 

Sanierung Hyparschale Magdeburg

Himmel und Hölle wird saniert

Die Magdeburger Hyparschale, 1969 von Ulrich Müther geschaffen, wird nach 20-jährigem Leerstand nunmehr durch das Architekturbüro gmp saniert. Dabei wird das doppelt gekrümmte Schalendach mit Carbonbeton unter Beteiligung der Dresdener CarboCon GmbH ertüchtigt.
Das große von Vorbild Ulrich Müther, dem großen Konstrukteur der DDR, war der spanisch-mexikanische Architekt Félix Candela. Insgesamt schuf Müther 74 Schalenbauwerke, einige davon auf Rügen, wie etwa seine ikonografische Rettungsstation von Binz.
Die 1969 realisierte Magdeburger Hyparschale (ein Begriff, den Müther anstatt dem sprerrigeren "Hyperbolischen Paraboloid" prägte) ist der ältere Bau eines frappierend ähnlichen Zwillingspärchens. Der andere, drei Jahre jüngere, jedoch merklich größere, ist das Dresdener Ruderzentrum Blasewitz. Beide Bauten bestehen aus jeweils vier hyperbolischen Paraboloiden, die zu einem Quadrat angeordnet und durch zwei, sich mittig kreuzende Oberlichtbänder gegliedert sind. Im Grunde erinnert die Konstruktion an eine stark aufgespreizte Version des Kinderfaltspiel "Himmel und Hölle". Auch bei dem Pappbastelwerk für Kinderhände findet sich ein quadratische Grundfläche mit außen liegenden Hochpunkten, wo man seine Finger hineinführt und zwei sich mittig kreuzende Falzkanten. Bei den Hyparbauten sind das die erwähnten Oberlichtbänder.
Bei beiden quadratischen Hallenkonstruktionen liegen die Firstpunkte nun ganz in den Gebäudeecken, die quadratischen, leicht gekrümmten Dachflächen fallen zur Mitte hin ab. Die Traufpunkte liegen immer in den Fassadenmittelachsen, Zuganker springen von hier diagonal vor und fixieren die Konstruktion im Untergrund. Die Oberlichtbänder verlaufen in den Mittelachsen nach innen, wo sie sich im Mittelpunkt kreuzen. Infolge der doppelten Dachkrümmung liegt dieses Zentrum jedoch erheblich höher als die äußeren Traufpunkte, wodurch eine vierungsartige Dachöffnung entsteht. Mühter wollte mit der Konstruktion vor allem über die vollverglasten Fassadenecken einen maximalen Tageslichteintrag ins Gebäude erzielen.
Die vollkommen stützenfreie Halle misst 48 x 48 m war seit 1997 ungenutzt und tendierte zum Verfall. Sie wird nunmehr nach einem Sanierungskonzept von gmp Architekten aus Hamburg instand gesetzt, wobei dem Erhalt des Innenraums eine Schlüsselbedeutung zukommt. Die vier, durch zahlreiche Risse geschädigten Hyparschalen der Dachteilfläche werden jetzt derzeit von der Dresdener CarboCon GmbH saniert. Dabei wird das von Prof. Manfred Curbach von der TU Dresden mitbegründete und auf Carbonbeton spezialisierte Unternehmen auf deren Unter- und Oberseiten jeweils eine 10 mm dünne Betonschicht aufbringen, die eine sehr leichte Bewehrung aus Carbonfasermatten erhalten wird. Mit einer erheblich geringeren Mehrlast als eine klassische Stahlbetonkonstruktion wird damit Tragfähigkeit des Daches nicht nur wiederhergestellt, sondern sogar erhöht, dabei die Gebäudeproportion praktisch unverändert bleibt.
Die Architekten planen eine künftige Nutzung des Mühterbaus als Mehrzweckhalle und wollen dafür zusätzlich Galerieebenen und begehbare Brücken im Innenraum schaffen.
Robert Mehl, Aachen
https://www.structure-magazin.de/artikel/himmel-und-hoelle-sanierung-der-hyparschale-magdeburg-35106