Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Centrum Kulturalno-Kongresowe (CKK) Jordanki
Typ:
Kultur- und Kongresszentrum
Ort:
Toruń [Karte]
Staat:
Polen
Architekt:
Fernando Menis 🔗, Teneriffa
Materialien:
Picado, Beton
Publiziert:
SBD 06/2018
Seiten:
54 - 61
Inhalt:
[Artikel]      
 

Kultur- und Kongresszentrum "Jordanki" in Toruń, Polen

Die Konzerthöhle

Das CKK Jordanki im polnischen Toruń ist ein multifunktionales Konzerthaus mit einer flexiblen Raumakustik. Diese ermöglicht es, sowohl anspruchsvolle symphonische wie auch lautstarke Popkonzerte darin durchzuführen. Möglich wird dies unter anderem durch ein neuartiges, mineralisches Wandmaterial mit hohen Schalldämmwerten.
Wenn man es hört, ist erst einmal Skepsis angesagt: Ein Saal, der beides „kann" - laute basslastige Musik und leise, hochpräzise symphonische Konzerte. Zweifellos muss man den Raum "hören" und seine artifiziellen Wandflächen im wahrsten Sinne "begreifen", um dies zu glauben, aber die Reise lohnt sich in mehrfacher Hinsicht.
Das an der Weichsel gelegene Toruń, etwa auf halbem Weg zwischen Warschau und Danzig, wurde im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört und weist eine von der Backsteingotik geprägte Altstadt auf, die 1997 zum UNESCO- Weltkulturerbe erklärt wurde. Das Kultur- und Kongresszentrum (CKK ist die polnische Abkürzung) Jordanki liegt an dessen begrüntem innerem Stadtring.
Wie Felsen in der Landschaft
Stadträumlich wirkt der Bau wie ein Felsensemble, das halb bedeckt ist von einer grasbestandenen Hügellandschaft mit parkähnlichem Charakter. Tatsächlich ist in diese künstliche Topographie auch eine Tiefgarage diskret integriert.
Die senkrechten, nicht von Vegetation kaschierten Fassadenbereiche bestehen aus diagonal montierten Sichtbetonelementen. Eigentlich hatte der spanische Architekt Fernando Menis sich für diese gedämmten Sandwichbauteile Weißbeton gewünscht, das Material war jedoch zu teuer und so behalf man sich mit ausgesucht hellen Gesteinszuschlägen.
Der Gebäudekomplex besteht aus drei schmalen Bauteilscheiben, die nur durch Brandwände voneinander getrennt sind. Es beginnt mit einem schmalen Nebenflügel an der Nordseite, hierin ein kleiner Kammermusiksaal, Büroeinheiten, das Fluchttreppenhaus und die Seitenränge des großes Saales. Daran schließt sich das große, langgestreckte Volumen des Hauptsaales mit Schnürboden an, gefolgt von einem etwas kleineren Volumen, dem zweiten großen Saal. Im Süden wird das Ensemble von einem Pendant des schmalen Nordflügels abgeschlossen.
Hochflexibles Nutzungskonzept
Der Bau weist eine Bruttogeschossfläche von 46.971 m² auf und hat rd. 51 Mio. Euro gekostet. Das Geheimnis seiner verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten liegt in einem Schnürboden. Anders als in einem klassischen Theater erstreckt dieser sich nicht allein über die Bühne, sondern über den gesamten Saal. Hier hängen an zusätzlich noch verfahrbaren Seilzügen tonnenschwere Akustikelemente zur individuellen Regulierung der Nachhallzeiten des Saals. 1,85 sec Nachhall verwendet man für symphonische Konzerte, 1,6 sec für Opern und 1,2 sec für Sprechtheater und für Kongresse.
Die Akustikwandflächen sind zwischen 80 und 140 m² groß und zwischen 11 und 20 t schwer, das durch sie zu dämpfende Raumvolumen umfasst 8.200 m³. Mittels hydraulisch synchronisierter Doppelmotoren können sie zwischen 3 und 5 m vertikal und horizontal verschoben werden.
Ton dämpft Ton
Diese akustisch wirksamen Bauteile bestehen, wie auch der überwiegende Teil der Innenwandflächen, aus Picado, einem vom Architekten Menis entwickelten und patentierten Recyclingbaustoff. Seine ziegelrote, felsartige Oberfläche ist das raumprägende Element des Saales.
Der Name Picado leitet sich ab vom spanischen Verb "picar", das man im weitesten Sinne mit "picken" übersetzen kann, das hier aber eher "zerkleinern" bedeutet. Tatsächlich besteht das Material aus minderwertigen Ziegelsteinen, die im Rahmen eines Direktrecyclings mit Presslufthämmern in grobe Stücke zerschlagen wurden. Diese roten Ziegelbrocken werden dann in einem lockeren Abstand von vielleicht 3 cm in einer horizontalen Stahlform verteilt, eine dünne Stahlbewehrung wird eingelegt und schließlich wird alles mit dünnflüssigem Beton vergossen, so dass eine 10 cm starke Tafel entsteht. Produziert wurden die teilweise dreidimensional angelegten Picado- Elemente in einer kleinen Feldfabrik direkt auf dem Bauplatz.
Die Betonpaneele in Picado- Bauart haben einen hervorragenden schalldämpfenden Effekt: Ursache ist die Offenporigkeit des Ziegelgranulates. Schallwellen dringen in die Oberflächen ein, werden in den großen Poren merklich gedämpft und dann nach allen Seiten vollkommen ungerichtet wieder abgestrahlt (Schalldiffusion).
Höhle statt Weinberg
Anders als bei anderen Konzerthäusern, wie etwa der Elbphilharmonie oder der einst Maßstab setzenden Berliner Philharmonie von Hans Scharoun, ist die Aufteilung der Zuhörerränge nicht nach dem Weinbergprinzip erfolgt. Denn die Zuhörerbereiche beim CKK sind variabel, was bei einer steilen und terrassierten Anordnung nicht möglich wäre. Darüber hinaus ist der große Saal teilbar und zwei akustisch unabhängige Events sind möglich. Es wundert nicht, dass das so sinnfällige wie überzeugende Innenraumdesign zusammen mit einem erfahrenen Raumakustiker entwickelt wurde, dem Spanier Pedro Cerdá.
Robert Mehl, Aachen