Projektart:
Anfrage:
Objekt:
TGV-Fernbahnhof Liège-Guillemins
Typ:
Bahnhof
Ort:
Lüttich [Karte]
Staat:
Belgien
Architekt:
Santiago Calatrava 🔗, Zürich
Materialien:
Stahl, Glas, Beton, Betonfertigteile
Publiziert:
build 2/2007
Seiten:
9
Inhalt:
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Stadtumstrukturierung in Lüttich

Welle des Wachstums

 
In Lüttich entsteht gerade der neue TGV- Fernbahnhof unmittelbar neben dem alten Haltepunkt Liège- Guillemins. Im Zuge seiner Fertigstellung wird nicht nur die alte Station abgerissen, sondern auch das gesamte Quartier mehr oder weniger radikal umstrukturiert werden.
Was derzeit in Berlin auf der grünen Wiese rund um den neuen Hauptbahnhof passiert, die Schaffung eines neuen repräsentativen Bahnhofsviertels, geht in Lüttich nicht zuletzt aufgrund des teilweise stark heruntergekommen Bestandes mit einer regen Abrisstätigkeit einher. Tatsächlich soll schon in den nächsten beiden Jahren eine neue boulevardartige Straßenachse von dem neuen von Santiago Calatrava entworfenen Fernabahnhof in Richtung Maas angelegt werden. In seiner Vehemenz mag dieses Unterfangen an die Taten Haussmanns erinnern, der einst im 19. Jahrhundert brachial seine neuen Hauptachsen durch das mittelalterlich kleinteilige Paris bahnte.
Sicherlich ist davon auszugehen, dass mit der Schaffung dieser neuen urbanen Ausgangsbasis hier zahlreiche Investoren angelockt werden, die sich mit ambitionierter Architektur in ähnlicher Weise positionieren wollen, wie dieses in den vergangenen Jahren zum Beispiel am Düsseldorfer Medienhafen geschehen ist. Man mag auch an La Defénse denken, wo mit dem Mitterand- Triumphbogen ebenfalls eine Landmarke vorab geschaffen wurde, welche als Zugpferd zahlreiche Planer von internationalem Rang motivierte, sich in seinem Schatten gleichsam baulich zu verewigen.
Unübersehbares Wahrzeichen dieses Quartiers wird dabei der neue TGV- Bahnhof sein. Der Neubau beeindruckt mit einer filigranen Stahl- Glaskonstruktion, welche fließend die Überdachung der einzelnen Bahnsteige in das Dach der großen Haupthalle übergehen lässt. So steigen auf der Ostseite des Bahnhofes diese Einzeldächer nur leicht an, bis sie die Durchfahrtshöhe und die Führung der Oberleitung geringfügig überragen. In diesem Punkt verschmelzen sie zu einer einzigen gläsernen Matrix, die sich in Form eines gigantischen Wellenkamms knapp 50 m über das Terrain aufschwingt, dem Scheitel der Halle. Von hier fällt die transparente Dachfläche gleichmäßig auf das anfängliche Niveau wieder ab und läuft auf der westlichen Seite in kurzen Stummeldächern aus. Der Architekt fühlte sich durch die Anmutung einer Welle am Strand inspiriert.
Auch das Tragwerk besticht durch seine Schlichtheit. Haupt- und Nebenträger sucht man vergebens. Die Kräfte werden von einer parallelen Schar extrem dünner Stahlbögen aufgenommen, die jeweils die gesamte Halle überspannen. Ihre dichte Stellung und hohe Anzahl erlauben es, die Dachkonstruktion ähnlich einer Schale zu berechnen. Die Schlankheit der Elemente resultiert aus dem Umstand, dass nirgendwo punktuelle Kräfte in das Tragsystem eingeführt werden und die Last gleichmäßig auf den Trägern verteilt ist.
Der Bahnhof liegt am Fuße eines Berges, der den urbanen Kontext der Industriemetropole an der Maas deutlich überragt. An seinem Westhang hat sich eine Wohngebiet mit gepflegten, freistehenden Hängen etabliert. Von Bahnhof zur Maas hin ist die Topografie dagegen eben und die Stadtstruktur im Augenblick noch auffallend heterogen. Wenig gepflegte Gründerzeitblöcke, dubiose Brachen und Verwaltungshochhäuser aus den 70er- Jahren prägen derzeit das Bild von Guillemins.
Der Masterplan sieht neben der Aufwertung des gesamten Stadtviertels zudem vor, mit dem Bahnhof und der Achse eine neuerliche Verknüpfung der beiden unterschiedlichen Stadtteile zu schaffen, die im 19. Jahrhundert durch den Bau der Eisenbahn getrennt worden waren.
Man möchte Lüttich wünschen, dass diese von Calatrava ersonnene Welle eine weitere des allgemeinen Aufschwungs nach sich ziehen wird.
Robert Mehl, Aachen