Projektart:
Anfrage:
Objekt:
TGV-Fernbahnhof Liège-Guillemins
Typ:
Bahnhof
Ort:
Lüttich [Karte]
Staat:
Belgien
Architekt:
Santiago Calatrava 🔗, Zürich
Materialien:
Stahl, Glas, Beton, Betonfertigteile
Publiziert:
DBZ-3 11/2009
Seiten:
26 - 27
Inhalt:
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Gigantische ausgefeilte Schalenkonstruktion

Das Tragwerk

 
Die Bahnhofshalle mit ihren knapp 158 m Spannweite ist quer zu den Gleisen gespannt. Dabei hat die Halle eine Höhe in ihrem Scheitel von 35 m. Hat man bei der klassischen Bauweise vor allem die Stirnseiten der Hallen dazu genutzt, um die Portale und die Gleise in effektiver Weise stützenfrei zu halten, so wählte der Architekt und Bauingenieur Calatrava die Querrichtung aus formalen Erwägungen. Zusätzlich sollten mit dem breiten Gewölbe alle Gleise überspannt werden. Damit wurden nicht nur immense Spannweiten, sondern auch eine ausgefeilte Tragkonstruktion notwendig. Daher wurde das Büro Calatrava in der Planung von der renommierten Firma für Tragwerksplanung Greisch assistiert. Die Firma unterhält eine große Niederlassung unweit des Bahnhofes. Die Lösung fand sich in dem grundsätzlichen statischen Konzept der Halle. Nicht mehr ein Gewölbe sollte sie sein, sondern eine Schale. Die Konstruktion sollte sich wie ein Raumtragwerk verhalten, vergleichbar einer Eierschale. Damit ist eine erhebliche Dimensionsreduzierung der tragenden Elemente möglich, allerdings erfordert diese Bauart auch ein flächenmäßiges Aussteifen derselben untereinander. Da hierfür die Verglasung des Daches nicht hinzugezogen werden konnte, ergab sich die Notwendigkeit, alle Hallenträger in einer exorbitanten Weise einzuspannen. Insgesamt wurden schließlich 39 Stahlbögen nebeneinander, jeweils in einem Abstand von knapp zwei Metern voneinander errichtet. Während der Montage waren diese untereinander ausgesteift, da die Schalenwirkung zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht bestand. So mussten die horizontalen Kräfte mit großformatigen Zugbändern zwischen den Bogenfußpunkten gehalten werden. Die dafür notwendige Stärke der temporären Stahlseile, wird andernorts zum Bau von permanenten Hängebrücken eingesetzt. Die Bögen sind ausgeführt als Hohlprofile mit sich veränderndem Querschnitt, bei einer maximalen Konstruktionshöhe von 1,20 m. Geliefert wurden sie in etwa zwölf Meter langen Segmenten von der Stahlbaufirma Elaborados Metálicos aus dem spanischen La Coruña. Auf einem hochhaushohen Montagegerüst wurden sie dann zum finalen Bogen zusammengesetzt. Zwischen Mai 2005 und Juni 2006 wurden sie auf hydraulischem Wege in acht Etappen an ihren finalen Standort verschoben. Das konstruktiv notwendige, kraftschlüssige Einspannen derselben geschah durch Schweißen. Die Dimensionierung der Bögen resultiert nicht allein aus der zu erwartenden Belastung, sondern auch aus der Notwendigkeit, zu erwartende Verformungen auch durch Setzungen zu minimieren. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die Abschätzung der Windlast auf die über 30.000 qm große, voll verglaste Dachfläche. Verbaut wurde hier herkömmliches VSG- Glas in einer Stärke von 2 cm.
Die Sockelpunkte der Bögen wurden in großformatige Stahlträger am Rand der Passerellen in einer Höhe von 6 m eingespannt. Die gewaltigen Lasten werden jeweils in fünf baumstützenartige Stahlauflager abgeführt. Diese sind allseitig unverschiebbar, allerdings in der Bogenachse gelenkig und leiten die Kräfte in die Fundamente ab. Die Auflager stellen auch die Steifigkeit der Halle in Längsrichtung sicher. Die Stabilität in der Querrichtung wird über die gewaltigen Vordächer gewährleistet. Immerhin kragt das Vordach auf der Guillemines- Seite um mehr als 45 m aus, zum Berg Cointé hin sind es ein paar Meter weniger. Gestützt werden sie in den jeweiligen Endpunkten durch je einen expressiven Stahlknoten, welcher die Kräfte wiederum in ein großformatiges Fundament überführt. Die Konstruktion wirkt leicht, hat aber enormes Gewicht: etwa 10.350 t wiegt das Dach allein.

Die Ausstrebungen der Stahlbögen, welche die Vordächer statisch erst möglich machen, ist gleichzeitig so etwas wie corporate identity des Architekten und Ingenieurs. Betrachtet man alle seinen Projekte findet man diese Zitate auch unschwer wieder: Seine Gebäude beziehen sich immer bewusst auf das menschliche Auge. So gibt es in der Regel eine Gebäudeansicht mit einem halbkreisförmigen Gebäudescheitel, Synonym für den Augapfel. Strahlenartige Strukturen, bestehend oft aus oberlichtdurchbrochenen Vordächern gehen radial davon weg – ein Bezug auf die Wimpern. Schließlich gibt es eine Betonung der Mittelachse, ein Verweis auf die Iris. Bemerkenswerterweise steht der Architekt auch vollkommen zu dieser Symbolik. Besucht man dessen Website, läuft eine entsprechende Animation als Intro ab.
Robert Mehl, Aachen