Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Bienale Beitrag 2012
Typ:
Wohnhaussanierung
Ort:
Aachen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
amunt 🔗; Aachen, Stuttgart
Materialien:
Ziegel, Leichtbetonsteine
Publiziert:
bhw 10/2012
Seiten:
8 - 12
Inhalt:
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Erweiterung eines Siedlerhauses in Aachen

Soll das so bleiben?

In einem Vorort von Aachen wurde ein Siedlerhaus erweitert. Das Ergebnis erscheint auf den ersten Blick wie eine unprofessionelle Bastelei. Doch dahinter steckt Prinzip. Tatsächlich wird der Bau derzeit im deutschen Pavillon auf der laufenden Architektur- Biennale in Venedig gezeigt.
Im Aachener Stadtteil Richterich, nahe der Grenze zu den Niederlanden, gibt es eine kleine Ansammlung von so genannten Siedlerhäusern, welche aus den 1920er Jahren stammen. Ausgeführt als Doppelhäuser, wurden an fast allen der tiefroten Ziegelbauten in den Jahrzehnten seit ihrer Erbauung Baumaßnahmen durchgeführt. Schließlich galt es, die im Ankauf eher günstigen Objekte immer wieder an die steigenden Ansprüche der Bewohner anzupassen, denn sie sind auch nie unter Denkmalschutz gestellt worden. Nichtsdestotrotz wollten die mit dem Umbau einer Doppelhaushälfte beauftragten Architekten zeigen, dass die von ihnen durchgeführte Erweiterung aus einer anderen Epoche, nämlich aus der Gegenwart stammt. Ihren Entwurf sieht Björn Martenson vom Architekturbüro amunt als Versuch, den Bestand in Hinblick auf die damals üblichen Bautechniken mit zeitgemäßeren, aber vergleichbaren Techniken und Materialien fortzuschreiben. Teure, historisierende Details, etwa eine Verwendung im alten Stil gefertigter Ziegel, passen für ihn genauso wenig zu diesem Anliegen, wie das Schaffen eines konstruktiv aufwändigen, architektonischen Kontrapunktes.
Entwurfskonzept
Umgebaut wurde der südliche Teil eines Doppelhauses. In Höhe der mittleren Brandwand ragten einmal zwei eingeschossige Lagerschuppen rechtwinklig in die beiden jeweils über 600 qm großen Nutzgärten. Diese waren ebenfalls in Ziegel errichtet, besaßen Pultdächer, die mit ihren Firstkanten an die trennende Wand stießen. In den 1980er Jahren ersetzten die Nachbarn ihren Schuppen durch einen großen Wintergarten, welchen sie bis zur Vorderkante eben jener Trennmauer führten. Der Architekt Martenson war schon früh in das Projekt als Berater eingebunden. Als es noch um die Frage des Ankaufes ging, hatte er schon die Idee, die durch diesen Wintergarten entstellte kompakte Gesamtfigur wiederherzustellen. Diese erkannte Möglichkeit einer Erweiterung war letztlich auch entscheidend für den Kauf, da der Bestand lediglich eine Grundfläche von rund 70 qm aufwies und darin zukünftig eine fünfköpfige Familie wohnen wollte.
Betonkonstruktion
Als aktuelle Entsprechung des damaligen, an Praktikabilität und Kostenersparanis orientierten Entwurfes erschien den Architekten von amunt eine in Südeuropa häufig anzutreffende Bauweise: Sie planten das Erdgeschoss des Anbaus in Betonständerbauweise. Während im Mittelmeerraum nun die Zwischenräume zwischen den Pfosten und Riegeln generell mit Mauerwerk geschlossen werden, kam hier eine großformatige Festverglasung zum Einsatz. Aus thermischen Gründen wurde diese nicht zwischen die Betonbauteile gesetzt, sondern dahinter – mit einer entsprechenden Dämmung versehen. Die Betonkonstruktion ist zwar sichtbar, allerdings wurde bei ihrer Ausführung auf besondere Oberflächenanforderungen verzichtet: Alles sollte so sein, wie es die Handwerker geschaffen haben. So sind etwa auch die bei Kleinbetrieben üblichen, geschnitzten Eigentumskennzeichen der Schalungselemente als Gussabdruck weiterhin sichtbar. Ein markantes Kennzeichen des Bestandes und durchaus ein weiteres Kaufargument war das unübliche Hochparterre mit einem Niveau von etwa 1,50 m über der Straße. An der Stelle der heutigen Erweiterung befand sich eine Nutzterrasse, welche nur über Keller- und Haustür erreichbar war. Ein Abriss dieser stark bewehrten Betonplatte war zu aufwändig, weshalb darüber einfach ein konstruktiver Tisch auf Erdgeschossbodenhöhe gespannt wurde. Der sich so ergebende Zwischenraum wird als Staufläche genutzt. Für den Gartenzugang wurde ein kleiner Hügel angeschüttet. Er besteht aus dem wenigen Aushub, welcher bei den Erdarbeiten anfiel. Gegraben wurde nur bei der Schaffung der Punktfundamente und für eine Sickergrube. Diese wurde mit grobem Kies verfüllt und wirkt als Überlauf für ein Regenwassersammelbecken: ein oben offener Betonwürfel an der Südostecke des Hauses. Gefüllt wird dieser über einen Wasserspeier in Traufhöhe mit Regen, der auf der neu angelegten, östlichen Dachhälfte anfällt. So konnten sowohl die Kosten für die Abfuhr des Erdreiches vermieden, das Regenwasser zur Gartenbewässerung genutzt und auch die Kanalgebühren für das Abführen der Dachentwässerung gesenkt werden.
Mauerwerk
Äußerlich wurde allein die dem Garten zugewandte, östliche Gebäudeseite verändert. Die Straßenseite blieb nahezu unverändert, lediglich die Fenstergläser wurden ausgetauscht. Die alten, metallfarbenen Aluminium- Fensterrahmen, montiert bei einem ersten Umbau in den 1980er Jahren, blieben nicht nur erhalten, sie sind auch die Vorbilder für eine entsprechende Rahmenwahl im Anbau. Bei den Wänden des Bestandes handelt es sich um zweischaliges Mauerwerk mit einem tragenden Kern aus Leichtbimsstein. Signifikant ist die Erweiterung vor allem am südlichen Hausgiebel, wo das neue Mauerwerk an das des Bestandes angeschlossen ist. Der optische Bruch ist hier Teil des Konzeptes. „So praktisch damals der berühmte Einhandziegel war, so antiquiert ist diese Bauweise heute“, sagen die Architekten. Tatsächlich sehen sie in dem verwendeten Steinformat 3DF (113X175x24cm) eine zeitgemäße Entsprechung und begründen dies mit der allgemein gestiegenen Automatisierung und Mechanisierung. Die auffällige Unschärfe im Übergang von altem hin zu neuem Mauerwerk war unvermeidlich. Sie erklärt sich aus dem Abbruch der Ortgangrollschicht und der damit verbundenen Beschädigung der regulären Steinlagen. Diese mussten instand gesetzt werden und natürlich musste auch der Übergang von einem Steinformat auf ein anderes vollzogen werden. Wenig geglückt erschien dem Architekt Martenson nur die hellere Färbung des neuen Mörtels. Der Farbkontrast zu dem Altbestand erschien ihm zu stark. So wurde versucht, diesen im Nachhinein abzutönen: mit Cola, einem alten Maurertrick.
Holzständerwerk
Bei den sichtbaren, rötlichen Leichtbetonsteinen handelt es sich um eine Vormauerschale, die vor einer 20 cm starken Holzständerkonstruktion sitzt. Als hinterlüftete Mauerschale wurden diese, trotz ihres dämmenden Effektes, nicht bei den thermischen Berechungen berücksichtigt. Sie gilt auch nicht als wasserführende Schicht und ist auch in keiner Form versiegelt. Das Eindringen von Feuchtigkeit wird verhindert durch wasserfeste Faserzementplatten, welche die äußere Beplankung des Ständerwerkes bilden. Dessen Innenseite ist mit OSB- Platten belegt, die mit ihrem hohen Leimanteil zudem auch die Anforderungen einer Dampfsperre erfüllen. Um auf eine zusätzliche Folie zu verzichten, wurden die Stöße wasserdicht abgeklebt. Innenseitig wurde schließlich das OSB- Material mit Gipskartonplatten verblendet. Die Ausführung der Rohbaukonstruktion in Holzständerbauweise war nach Auffassung der Architekten nicht nur schneller und günstiger als eine vergleichbare Variante in Stein, sie hatte zudem den Vorteil eines homogenen Anschlusses des geneigten Daches an die Wände. Die Dachsparren wurden einfach mit der Holzständerkonstruktion verschraubt. Das Dach erstellten die Zimmerleute ganz traditionell mit Sparren, einer Konterlattung und einer zwischengefügten Mineraldämmung. Die Eindeckung geschah mit handelsüblichen Betondachsteinen.
Innenausbau
Der Umbau der Doppelhaushälfte beschränkte sich natürlich nicht allein auf die Errichtung eines Anbaus, auch die Grundrisse veränderten sich stark. Die in früheren Jahren zur Straße hin orientierte Küche wurde nun in die östliche Erdgeschosserweiterung verlegt, welche ein wenig an einen Wintergarten erinnert. Zugänglich gemacht wurde sie über zwei ehemalige Fenster, deren Brüstungen die Rohbauer abbrachen. Völlig neu angelegt wurde das Obergeschoss. Der typische Dachboden im Giebelbereich wurde aufgegeben. Alle Wohnräume erstrecken sich nunmehr bis unter den First. Die enorme Raumhöhe nutzten die Architekten, um in zwei Räumen Emporen einzuziehen. Dabei beschränken sich diese nicht nur auf Teilflächen des jeweiligen Zimmergrundrisses, sondern erstrecken sich auch über daran anschließende, geschosshohe Raumbereiche hinweg, wie das Badezimmer oder den Treppenaufgang. Dort hinauf gelangt man über stabile Anstellleitern.
Fazit
Die Erweiterung dieses Siedlerhauses ist ein beeindruckendes Beispiel für einen unverkrampften Umgang mit gebautem Bestand. Genau dies ist für Muck Petzet, den diesjährigen Generalkommissar des deutschen Pavillons auf der Architektur- Biennale in Venedig ein zentraler Aspekt seines Ausstellungskonzeptes, das er mit „reduce, reuse, recycle“ überschrieben hat. „reduce“ wäre bei diesem Projekt das Reduzieren des Bauaufwandes und das Arbeiten mit „einfachen“ Materialien, „reuse“ wäre das grundsätzliche Erhalten des Hauses und „recycle“ wäre etwa die Speisung des Brauchwasserbeckens mit Regenwasser oder das Aufschütten des Gartenhügels mit dem Bodenaushub. Tatsächlich ist der Bau in seiner Gesamtheit mehr als ein gelungenes Beispiel für dieses auf Nachhaltigkeit basierenden Beitrages für die Bau- Schau von Venedig: er ist vorbildlich!
Robert Mehl, Aachen
http://www.bauhandwerk.de