Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Bienale Beitrag 2012
Typ:
Wohnhaussanierung
Ort:
Aachen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
amunt 🔗; Aachen, Stuttgart
Materialien:
Ziegel, Leichtbetonsteine
Publiziert:
Beton Bauteile 2013
Seiten:
52 - 59
Inhalt:
[Artikel]  [2]  [3]      [Bildstrecke]      
 

Umbau eines Siedlerhauses in Aachen

Betonfertigteile besser selbst gemacht

In einem Vorort von Aachen ist ein Siedlerhaus aus den 1920er Jahren behutsam erweitert worden. Dabei wurden die neuen Obergeschossfensterbänke als Betonfertigteilelemente ausgeführt, welche der Architekt aufgrund ihrer komplexen Entwässerungsgeometrie selbst erstellte.
Westlich vom Aachener Stadtzentrum, nahe der holländischen Grenze, liegt der ländliche Stadtteil Richterich. Hier gibt es eine kleine Kolonie von bescheidenen Siedlerhäusern, die allesamt nicht unter Denkmalschutz stehend in den letzten Jahrzehnten teilweise massiv überformt worden sind. Die Planer des überregionalen Architekturbüros amunt gingen in Übereinkunft mit den Bauherren bei ihrem Entwurf von zwei Prämissen aus: Zum einen wollten sie die lange schon verloren gegangene kubische Erscheinung des Doppelhauses wieder herstellen, zum anderen sollte das Projekt so bescheiden und nachhaltig wie möglich umgesetzt werden. Das so entwickelte Konzept benannten sie „Geschichte weiterschreiben“. Dabei ging es ihnen auch darum, architektonisch authentisch zu bleiben. Björn Martenson, einer der drei Architekten von amunt, begründet die Ausführung mit funktionalen, aber einfachen und damit auch günstiger Detaillösungen damit, dass schon zum Zeitpunkt ihrer Erbauung vor 90 Jahren diese Häuser für den schmalen Geldbeutel konzipiert waren. Aufwändige und damit teure moderne Details passen daher nicht zu diesem „Genius Loci“.
Wiederherstellung des Gebäudeblocks
Die nördliche Hälfte des Doppelhauses war in den 1980er Jahren um einen üppigen Wintergarten nach Osten zum großen Garten hin erweitert worden. Dadurch erschien das traufständige Haus, das primär als ein Querriegel zu der ruhigen Wohnstraße angelegt ist, im urbanen Kontext unverhältnismäßig ausgefranst. Tatsächlich wirkte das Ensemble wie ein flaches Quadrat, dem eine Ecke fehlte. An dieser Stelle befand sich jedoch eine Nutzterrasse, welche die Architekten von amunt schon bei der allerersten Begehung vorschlugen zu überbauen. Leider erwies sich ihr Abriss als zu kostspielig, insbesondere weil die Terrasse bei ihrer Erbauung aufwändig bewehrt worden war. Die Planer entschlossen sich deshalb, das Betonständerwerk als konstruktiven Tisch auszuführen und den sich so ergebenden Zwischenraum einfach als offene Staufläche zu nutzen. So mussten nur wenige Punktfundamente für den Anbau ausgeschachtet werden. Dabei gestaltete man die Fundamentgrube auf der Ecke etwas größer, denn hier sollte zusätzlich ein Regenwassersammelbecken und eine dazugehörige kiesbefüllte Überlaufsickergrube entstehen. Der ohnehin geringe Erdaushub wurde jedoch nicht abgefahren, sondern im Garten zu einem kleinen Hügel angeschüttet. Er vermittelt zwischen dem Niveau des Gartens und dem etwa 1,50 m höher gelegenen Erdgeschoss.
Kostenoptimierte Bauweise
Martenson und seine beiden Kollegen Sonja Nagel und Jan Theissen orientierten sich bei ihrer Planung an einer Bauweise, wie sie rund um das Mittelmeer gebräuchlich ist: Sie legten das als Hochparterre angelegte Erdgeschoss der Erweiterung in Betonständerbauweise an. Während im Mittelmeerraum nun die Zwischenräume zwischen den Pfosten und Riegeln üblicherweise zugemauert werden, wurde hier eine großformatige Festverglasung eingesetzt. Aus thermischen Gründen wurde diese nicht zwischen die Betonbauteile montiert, sondern dahinter und mit einer entsprechenden Dämmung dazwischen versehen. Die Betonkonstruktion ist zwar sichtbar, allerdings wurde bei ihrer Ausführung auf jedwede Oberflächenanforderung verzichtet: Alles sollte so sein, wie es die Handwerker geschaffen haben. So sind etwa auch die Eigentumskennzeichen, mit denen Kleinbaubetriebe gerne ihr Schalungsmaterial kennzeichnen, weiterhin als Gussabdruck auf dem Sichtbeton deutlich zu erkennen.
Leichtbetonsteine zeitgemäß
Signifikant ist die Erweiterung vor allem am südlichen Hausgiebel, wo die neuen Leichtbetonsteine an den Bestand anschließen. Der optische Bruch ist hier Teil des Konzeptes. „So praktisch damals der berühmte Einhandziegel war, so antiquiert ist das Material heute“, sagt Martenson. Tatsächlich sieht er insbesondere in dem jetzt verwendeten Steinformat 3DF (113X175x24cm) eine zeitgemäße Entsprechung davon. Er begründet dies mit der zunehmenden Automatisierung und Mechanisierung; sowohl bei der Herstellung, wie auch auf der Baustelle. Das Obergeschoss des Anbaus ist wie auch der Bestand als zweischaliges Gebäude ausgeführt. Nur sitzt hier hinter den rötlichen Bisothermsteinen eine 20 cm starke Holzständerkonstruktion. Sie ist die den Dachstuhl tragende und auch thermisch relevante Rohbauwand. Nach außen hin wurde sie mit einer Zementfaserplatte und nach innen hin zunächst mit OSB- Material beplankt. Letzteres erhielt eine zusätzliche Blendschicht aus Gipskarton. Auch das darauf montierte Dach kann in seiner Ausführung als klassisch bezeichnet werden: Ein hölzerner Stuhl trägt eine Dachhaut aus Betondachsteinen der Marke Braas, Modell „Taunus“.
Fensterbänke als Betonfertigteile
Trotz der durchgehenden Verwendung von Standardprodukten hat der Architekt Martenson an einer Stelle bewusst eine, wenn auch durchaus sehr günstige, Sonderlösung gewählt: bei den Fensterbänken. Hier sah er sich mit dem Standardproblem - deren Entwässerung - konfrontiert. Führt man diese Brüstungselemente einfach quaderförmig aus, entsteht insbesondere auf der Wetterseite schnell Staunässe, die langfristig zu Frostschäden führt. Führt man sie hingegen an der Oberseite nach außen hin geneigt aus, so muss man sie ein Stück weit hervorkragen lassen, damit keine unschönen Tropfnasen entstehen. Martenson wollte aber bündig mit der Wand abschließende, nach außen hin quaderförmig erscheinende Brüstungselemente, die trotzdem vernünftig entwässert sind.
So ersann er ein Brüstungsdetail, dessen Oberseite ein flaches, zur Mitte hin jedoch immer tiefer werdendes Wasserbecken formt und das an diesem tiefsten Punkt einen Abfluss aufweist. Dieser führt zu einem kleinen Kupferrohr, einem regelrechten Wasserspeier, der vielleicht 5 cm vor die Fassade ragt. Zweifellos ein einfaches, in seiner Ausführung durchaus aber auch sehr anspruchsvolles Detail. Da es sich zudem um eine sehr bescheidene Menge von drei Betonbauteilen handelte, hätte der Auftrag an ein entsprechend versiertes Fertigteilunternehmen den Kostenrahmen total gesprengt. So beschloss er kurzerhand, die drei Bauteile in seiner Garage einfach selbst zu gießen. So war für ihn auch ein funktionierender und dauerhaft wasserdichter Anschluss des Kupferrohres an der als Abfluss vorgesehen tiefsten Stelle des Brüstungsbeckens sichergestellt. Da er für die Herstellung einen Selbstverdichtenden Beton verwendete, war ein Rütteltisch, den man als Heimwerker ja eher selten vorhält, nicht notwendig. Anders als in einem großen Fertigteilwerk geschah hier die Produktion zudem mit einer gewissen Muße und auch ein tagelanges Aushärten, unter konstanter Temperatur streng nach DIN, stellte kein logistisches Hindernis dar. Schließlich geschah selbst der Transport der Elemente von ihrem Entstehungsort hin zur Baustelle ganz pragmatisch und schlicht in einem PKW. Tatsächlich sind die Bauteile nur 11,5 cm breit, etwa halb so hoch und rd. 1 m lang. Das durchaus bemerkenswerte Detail beißt sich im Übrigen in keiner Weise mit dem material-bescheidenen Ansatz des Hauptentwurfes. Man muss diese Brüstungsentwässerung in der Tradition früherer Kastenfensterentwässerungen sehen. Man erinnere sich an die kleinen Wasserrinnen von alten Holzfenstern, die immer zu einem kleinen Loch in der Mitte führen, das häufig verstopft ist.
Architektur Biennale 2012
Auch Muc Petzet, der diesjährige Generalkommissar des deutschen Pavillons auf der Architektur Biennale von Venedig war von dem architektonischen Ansatz des Projektes so angetan, dass er es als eines der Bauprojekte auswählte, welche dort die Nation mustergültig repräsentiert haben. Das Projekt trifft den thematischen Nerv seines Ausstellungskonzeptes, das er mit „reduce, reuse, recycle“ überschrieben hat. Dabei ist für Petzet ein unverkrampfter Umgang mit dem historischen Bestand genauso wichtig, wie ein umweltbewusstes Bauen und ein nachhaltiger Umgang mit den Baustoffen. Nur zu gerne mag man ihm recht geben und sich wünschen, dass es bald viel mehr davon gibt.
Robert Mehl, Aachen