Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Estádio Governador Magalhães Pinto
Typ:
Fußballstadion
Ort:
Belo Horizonte [Karte]
Staat:
Brasilien
Architekt:
Materialien:
Stahlbeton
Publiziert:
Beton Bauteile 2015-2
Seiten:
10 - 17
Inhalt:
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Estádio Governador Magalhães Pinto, Belo Horizonte

Fertigteile unterschieben

Das Stadion von Belo Horizonte zählt zu den Fußballstadien der vergangenen Fußball- Weltmeisterschaft, die nicht neu errichtet, sondern aufwändig ertüchtigt und saniert worden sind. Dabei wurde sein Unterrang gegen einen neuen aus Betonfertigteilen ersetzt.
Das Estádio Governador Magalhães Pinto liegt am Südufer des künstlich angelegten Pampulha- Sees in der vom Bergbau geprägten Industriestadt Belo Horizonte. Der zwischen 1963 und 1965 entstandene Bau folgt im Stil den Bauten des architektonischen Übervaters von Brasilien, Oscar Niemeyer. Auch ist die Sportstätte von zahlreichen Frühwerken des 2012 verstorbenen Pritzker- Preisträgers umgeben. Denn die Stadt war seine erste Wirkungsstätte, hier lernte er auch den späteren Präsidenten Juscelino Kubitschek kennen, der ihn schließlich mit der Ausführung seiner berühmten Bauten in der Planstadt und neuen Kapitalen Brasilia beauftragte. Natürlich steht das Stadion heute unter Denkmalschutz.
Konstruktives Konzept Für die Architekten der Sanierung, das Büro gmp, war es daher eine besondere Herausforderung und Ehre, diesen in die Jahre gekommenen Bau für die Weltmeisterschaft in diesem Frühsommer zu ertüchtigen, allerdings ohne ihn dabei seines besonderen Charakters zu berauben. Dazu ließen die Architekten seine äußere fußläufige Erscheinung formal unangetastet. Diese wird geprägt von der Sichtbetonkonstruktion des Oberranges und der sich daran anschließenden Tribünenüberdachung. Diese ist eine ins Stadion kragende, speichenartige Anordnung von Betonsegmenten. Der Unterrang wie auch die zentrale Spielfläche wurden hingegen neu angelegt. Letztlicher Anlass für diesen doch sehr massiven Eingriff war der Rückbau der vormals vorhandenen Leichtathletikkampfbahn und eine Neuabstufung der Zuschauerränge auf Basis optimierter Sichtliniengeometrien. Denn jetzt wurden die Tribünen deutlich näher an das Spielfeld herangezogen, damit eine maximale Nähe zum Spielfeld erreicht – und trotzdem musste für alle Plätze ein guter Ausblick gesichert sein. Die Neuanlage des Unterranges erlaubte zudem die Schaffung neuer FIFA-konformer Funktionsbereiche sowie das Absenken seines Oberranganschlusses um 1,50 m. Mit diesem »Tieferlegen« entstand eine markante architektonische, horizontale Zäsur. Diese erlaubte es gestalterisch, zwischen den beiden Rängen nun zwei volle Logengeschosse statt bisher nur einem einzigen einzufügen. Schließlich wurde mit dem Umbau das eigentliche Kernziel erreicht und die Zuschauerzahl von 60.000 auf 70.000 erhöht.
Untergeschobene Betonfertigteile Die formale Aufgabe des neuen Unterranges ist es, zwischen dem Rechteck des eigentlichen Spielfeldes – an das die Zuschauertribünen nun ganz eng herangezogen wurden – und dem bestehenden ovalen Stadionbestand zu vermitteln. So liegen die Übergänge zwischen Ober- und Unterrang an den Torseiten recht weit auseinander, die Steigung des Unterranges ist an dieser Stelle eher flach. In den Bereichen auf Höhe der Mittellinie nähern sich die Neigungen auf beiden Stadionseiten von Ober- und von Unterrang an, man hat hier ansatzweise eine durchgehende Steigung. Spannend wird die Tribünengeometrie dann im Bereich der vier Eckfahnen. Von der Mittellinie her kommend schieben sich die neuen Ränge weit unter den Altbestand, bis sie auf Höhe der entsprechenden Eckwinkelhalbierenden wieder rasch hervortreten. Tatsächlich wurden die Tribünenstufen des Unterranges, auch die, welche teilweise unter die bestehende Tribünenebene geschoben wurden, aus Betonfertigteilen hergestellt und im wahrsten Sinne des Wortes mit schwerem mechanischen Gerät dem Bestand untergeschoben. Auch hierzu empfahl sich die Vorfabrikation, konnte man doch so die erforderliche Präzision aller Bauteile sicherstellen und so eine zügige Montage gewährleisten.
Kleinere Dachöffnung Mit dem neu angelegten Unterrang, der deutlich näher an das Spielfeld heranreicht, war auch eine Vergrößerung des Daches zur Stadionmitte hin erforderlich. Aus Respekt vor dem historischen Bestand, aber auch aus statischen Erwägungen heraus wählten die Architekten ursprünglich eine ultraleichte Ringseilkonstruktion, die unterhalb der alten Teilüberdachung an diese ansetzen sollte. Ausgeführt wurde jedoch eine starre Version, bei der jede radiale Achse mit einem Stahlfachwerk verstärkt wurde. Dieses nimmt die neue Dachfläche auf, die aus transluzenten Kunstoffpaneelen besteht.
Fazit Die planerisch ausgesprochen ambitionierte Ringseilkonstruktion wurde nicht verwirklicht, weil sie dem ausführenden brasilianischen Generalunternehmer zu teuer und zu gewagt erschien. Sehr wohl realisiert wurde die Konstruktion des Unterranges in Betonfertigteilbauweise. Denn die wirtschaftlichen Vorteile der seriellen Produktion waren offenkundig. Und das, obwohl die neuen Bauteile sogar teilweise unter den Bestand geschoben werden mussten.
Robert Mehl, Aachen