Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Arena da Amazônia
Typ:
Fußballstadion
Ort:
Manaus [Karte]
Staat:
Brasilien
Architekt:
gmp Architekten 🔗, Hamburg
Materialien:
Stahl, PTFE-Folie, BFT
Publiziert:
DBZ-Stadionheft 2014
Seiten:
42 - 47
Inhalt:
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Arena da Amazônia in Manaus

Die Dschungelblüte

 
Wie viele andere Stadien der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft in Brasilien teilt sich das Stadion von Manaus auf in eine Bowl, also die eigentliche schüsselartige Arena, und in eine diese umgebende Fassade mit einem daran angeschlossenen Dach. Der Kernbau ist eine klassische Ortbetonkonstruktion, an diese wurden die zwei umlaufenden Zuschauerränge und die sie tragenden Zahnbalken als vorgefertigte Betonfertigteile montiert. Wie auch bei den meisten anderen WM- Stadien ist das Spielfeld um die Höhe des Unterranges gegenüber der Eingangsebene abgesenkt, hier sind dies knapp 11 m.
Raute in tragender Funktion
Die Fassade und das sich im wahrsten Sinne des Wortes nahtlos daran anschließende Dach bilden eine Stahlkonstruktion, deren große rautenförmige Felder aus einer einlagigen Membran aus Polytetrafluorethylen (PTFE) bestehen. PTFE ist die chemische Bezeichnung für Teflon®. Das besonders glatte Material ist ausgesprochen resistent gegenüber Verschmutzungen und Pilzbefall. Die Architekten des deutschen Büros gmp zogen die Membran herab bis zu den Fußpunkten, so dass man auch als Besucher die textile Struktur problemlos berühren kann: Sie fühlt sich an wie gummierter Zeltstoff. Konstruktiv handelt es sich bei dem Stahlbau der Fassade um eine Reihung von Rauten, deren obere Spitzen bis zur Stadiontraufe reichen. An den Knotenpunkten dieser stehenden Rechtecke sitzen weitere Rauten, die jedoch an ihrer breitesten Stelle um fast 90° nach innen abknicken und so die Tribünenüberdachung formen. Die tragende Stahlkonstruktion besteht aus schlanken, hochformatigen Vollprofilen, die sich zur Mitte hin verjüngen. Die wasserführende Membranhaut des Stadions ist in diese stehenden Rauten segmentiert, eine Einheit ist rund 120 m² groß. Befestigt werden die Textilien an der stählernen Rahmenkonstruktion anhand eines erhaben umlaufenden Randes. Um diesen wurde die Membranfolie herumgeführt und umseitig fixiert. So bleibt das stählerne Tragwerkgitter von außen unmittelbar ablesbar.
Formal inspirieren ließen sich die Architekten von dort heimischen, floralen Vorbildern wie etwa tropischen Blüten, Blättern und Früchten. So haben die Tribünensitze aus Kunststoff unterschiedliche rot-, gelb- und orangefarbene Töne erhalten, die je nach Farbe an Melonen, Orangen, Mangos oder noch weitere tropische Obstsorten erinnern sollen. In ihrer Anordnung beschreiben sie von unten nach oben einen Farbverlauf von dunkel nach hell. Aus der Luft betrachtet verstärkt dies einmal mehr das Bild einer Blüte, muten doch die Sitzreihen wie gelber Pollen auf einem Stempel an, der von einem weißen Blütenkelch, dem Dach, umgeben ist. Leider gibt es in Manaus keine bienenfleißigen, schwarz-gelb gewandeten Fußballspieler, sie würden das Bild vollends abrunden.
Strahlende Erscheinung
Da eine thermische Isolation bei der Fassade und dem Dach nicht erforderlich war, konnte es ausgesprochen dünn ausgeführt werden. Natürlich ist die textile Außenhaut – ebenfall durchaus vergleichbar mit einem Zelt – ausgesprochen lichtdurchlässig. Diesen Charakter machten sich die Planer von gmp zu eigen, um die Arena abends und bei Nacht, wenn sie hauptsächlich genutzt wird, entsprechend lichttechnisch in Szene zu setzen. Bei einem Event, etwa einem Fußballspiel, leuchtet sie quasi aus sich heraus. Erreicht wird dies zum einen über eine am inneren Stadionrand umlaufende Flutlichtkette sowie mittels weiterer farbiger Strahler, die das Textil direkt von innen anstrahlen und es wie einen leuchtenden Edelstein erscheinen lassen.
Ein „Weißer Elefant“?
So nennt man einschlägig Stadien, die nach einem Großevent funktionslos werden. Ein Beispiel ist das Olympiastadion von Peking. Tatsächlich ist die Nachnutzung hier ein sensibles Thema, zumal es in Manaus keinen Erstligaverein gibt. Ein Konzept sieht jedoch vor, Erstligabegegnungen hier zu veranstalten und dazu beide Mannschaften einzufliegen. So sind im Maracanã- Stadion beispielsweise fünf Clubs beheimatet, weshalb hochrangige Begegnungen dort quasi Alltag sind. Aber auch Manaus besitzt zahlreiche Anhänger dieser Vereine, die gerne ihre Teams spielen sehen, dafür aber keinen kostspieligen, vierstündigen Flug auf sich nehmen. In einem riesigen Flächenland wie Brasilien wären solche Doppelgastspiele eine vernünftige Idee!
Robert Mehl, Aachen