Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Arena da Amazônia
Typ:
Fußballstadion
Ort:
Manaus [Karte]
Staat:
Brasilien
Architekt:
gmp Architekten 🔗, Hamburg
Materialien:
Stahl, PTFE-Folie, BFT
Publiziert:
Beton Bauteile 2015
Seiten:
18 - 23
Inhalt:
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Arena da Amazônia, Manaus

Vorgespannte Zahnbalken

Charakteristisch für das neu errichtete Stadion von Manaus ist seine Stahlfassade mit ihren rautenförmigen, mit einer PTFE- Membran bespannten Feldern. Doch auch die Rohbaukonstruktion verdient Beachtung. Sie besteht zum Teil aus vorgespannten (sic!) Betonfertigteilen.
Wie viele andere Stadien der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft in Brasilien teilt sich das Stadion von Manaus auf in eine Bowl, also die eigentliche schüsselartige Arena, und in eine diese umgebende Fassade mit einem daran angeschlossenen Dach. Der Kernbau ist eine klassische Betonkonstruktion, an die umlaufend die Zahnbalken der Zuschauerränge angehängt worden sind. Dabei wurden das Spielfeld sowie die Konstruktion der Stadionschüssel, wie bei den meisten anderen WM- Stadien auch, um die Höhe des Unterranges gegenüber der Eingangsebene abgesenkt, hier sind dies etwa 11 m. Letztlich liegt damit der innere Bereich etwa auf dem Straßenniveau der daran vorbeiführenden Avenida Constantino Nery, und die Untergeschosse bilden einen Sockel mit der entsprechenden Höhe über der Straße aus. In diesen Kellerbereichen sind zum einen die Spielerkabinen und Nebenräume, aber auch ein großes Parkhaus untergebracht, in das man von der Straße aus ebenerdig einfahren kann. Entworfen wurde auch dieses Stadion von den Hamburger Architekten gmp unter der Leitung des architektonischen Direktors von gmp do Brasil Martin Glass. Dabei wurden die Planer vor allem statisch vom Stuttgarter Ingenieurbüro schlaich bergermann partner (sbp) betreut.
Betonwerk liegt gegenüber
Die benötigten Betonfertigteile wurden in dem Betonwerk unmittelbar gegenüber auf der anderen Straßenseite aus herkömmlichem C40-Beton erstellt. Tatsächlich handelt es sich bei dem Fertigteilwerk von Construtora Andrade Gutierrez um das einzige seiner Art in ganz Amazonien, also von ganz Nordwest- Brasilien. Allerdings wurde dieser logistisch extrem günstige Standort für das Stadion nicht deswegen ausgewählt, sondern wegen seiner auch verkehrstechnisch ausgesprochen vorteilhaften Lage. Die Avenida Constantino Nery verbindet nämlich den Hafen der 2 Mio. Einwohner zählenden Dschungelmetropole mit dem Flughafen, und der Standort ist auch gut mit dem öffentlichen Nahverkehr zu erreichen, weil in seiner Nähe das Sambadrome liegt. Das ist der Veranstaltungsort in einer brasilianischen Großstadt, in dem alljährlich die Karnevalsumzüge stattfinden, da Straßenkarneval dort unbekannt ist.
Vorgespannte Zahnbalken
Die Betonfertigteilkonstruktion der inneren Tribünenschüssel besteht aus vorgespannten Zahnbalken. Die Vorspannung war erforderlich aufgrund einer großen Oberrangauskragung über der Standfläche der tragenden Betonrahmen. Dazu wurden die notwendigen Spannseile in Hüllrohren zunächst schlaff in die Schalungen gelegt und erst nach dem vollständigen Aushärten des Betons gespannt. Die unmittelbare Nachbarschaft zwischen dem Betonwerk und der Baustelle hatte den großen Vorteil, dass es möglich war, für das Projekt auch generell nicht transportfähige Sondergrößen herzustellen. Denn diese Fertigteile mussten nach ihrer Fertigstellung in großen Baggern hängend lediglich »herübergehoben« werden.
Strahlende Erscheinung
Da eine thermische Isolation bei der Fassade und beim Dach nicht erforderlich war, konnte beides ausgesprochen dünn ausgeführt werden. Natürlich ist die textile Außenhaut – ebenfall durchaus vergleichbar mit einem Zelt – ausgesprochen lichtdurchlässig. Diesen Charakter machten sich die Planer von gmp zunutze, um die Arena abends und bei Nacht, wenn sie hauptsächlich genutzt wird, entsprechend lichttechnisch in Szene zu setzen. Bei einem Event – etwa einem Fußballspiel – leuchtet sie quasi aus sich heraus. Erreicht wird dies zum einen über eine am inneren Stadionrand umlaufende Flutlichtkette sowie mittels weiterer farbiger Strahler, die das Textil direkt von innen anleuchten.
Robert Mehl, Aachen