Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Justizzentrum
Typ:
Gericht
Ort:
Bochum [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Materialien:
Betonfertigteile, Muschelsteine , Stahl, Glas
Publiziert:
Beton Bauteile 2018
Seiten:
16 - 23
Inhalt:
[Artikel]  [2]      [Bildstrecke]      
 

Justizzentrum Bochum

Würde in Rot

Auf einer innerstädtischen Brache unweit des Hauptbahnhofes ist das neue Bochumer Justizzentrum entstanden. Geprägt wird der Bau von einem rostroten Saaltrakt mit dem Haupteingang. Darauf folgt ein beige-farbener Verwaltungskomplex mit 750 Büros. Bei beiden Bauten finden sich Betonfertigteilen an der Fassade.
Anders als man denken mag, war das zentrumsnahe Gelände am Bochumer Ostring zwischen dem früheren, gründerzeitlichen Gymnasialbau, einer Brauerei und dem ehemaligen Güterbahnhof seit Ende des Zweiten Weltkrieges eine Art Brache. Anfang des neuen Jahrtausends war der Sanierungsbedarf am „Gymnasium am Ostring“ immens, weshalb die Stadt einen Neubau an einem neuen Standort beschloss.
Das bestehende Bochumer Amts- und Landgericht residierte bis dato in einem schadstoffbelasteten Gebäude aus den 1970er Jahren, das Arbeitsgericht hingegen an einem anderen Standort. Die Stadt erkannte in der Zusammenführung der drei Kammern am Ostring die Chance, ein zentrumsnahes Gerichtsviertel zu entwickeln.
Aus dem 2008 durchgeführten Wettbewerb ging das Berliner Büro Hascher Jehle Architektur als Sieger hervor. Das Konzept beinhaltete auch den Erhalt der gründerzeitlichen Fassade des Schulgebäudes - nicht zuletzt, da sie es als identitätsstiftend für die jüngere Stadtgeschichte erachteten. Hatten doch Generationen von Bochumern (u.a. Herbert Grönemeyer) hier ihr Abitur gemacht. Der Bau, dessen Erdgeschoss heute die Kantine aufnimmt, wurde gestaltgebend in das neue Ensemble integriert. Eine bauliche Relevanz behielt der Altbau dennoch: Sein Erdgeschoss wurde als durchgehende Fußbodenhöhe für alle Gebäudeflügel festgelegt, seine historistischen Gesimse als Vorbild für die umlaufenden Friese der Neubauflügel übernommen.
Ein Gericht, keine Kindertagesstätte
Der Saaltrakt des Justizzentrums ist ein geschlossenes, rostrotes Volumen, das an den alten Schulbau durch einen zweigeschossigen Verbindungsbau angeschlossen ist. In diesem Kernbau befindet sich auch der einzige reguläre Zugang zu dem gesamten Ensembles. Jeder - ob Besucher oder Werktätiger - muss sich beim Betreten einer Sicherheitskontrolle wie auf einem Flughafen unterziehen. Hinter dieser Kontrollstelle ist ein Niveau­unterschied von 1,80 m zu überwinden, um das durch­gehende Erdgeschossniveau zu erreichen. Man befindet sich jetzt in einem gebäudehohen Atrium, das mit Eichenholz verkleidet ist. „Mit unserem Entwurf wollten wir suggerieren, dass das hier ein Gericht ist und keine Kindertagesstätte!“, erläutert Friedrich Dröge, projektleitender Architekt beim Berliner Büro Hascher Jehle Architektur, die modern-repräsentative Formensprache der Fassade. Die schein­bar irreguläre Abfolge aus schmalen vertikalen Fenster­schlitzen, großen Glasscreens und geschlossenen Wandflächen, die aus rostrot durchgefärbten Sichtbetonelementen erstellt wurden, erklärt er so: „In einem Gericht, wird Recht gesprochen. Als Angeklagter betreten Sie es mit einem individuellen Fall. Von einer durchgerasterten Fassade haben wir bewusst abgesehen, weil wir den Einzelfall betonen und den Beschuldigten nicht das Gefühl geben wollten, dass sie hier nach einem Standardverfahren beurteilt werden und hinterher normiert das Gebäude wieder verlassen!“
Bei den durchlaufenden Friesen des rostroten Saaltraktes stellt der Architekt Dröge eine Nähe zu aktiv genutzten Buchregalreihen her, auf denen eben nicht nur Ordner an Ordner stehen. Die einseitig vorstehenden Laibungen der schmalen Fensterschlitze dienen als passiver Sonnenschutz. Die Vorsprünge halten hier während der regulären Arbeitszeit schräg einfallen­den Sonnenstrahlen effektiv ab.
Hohes Gericht
Gerichtssäle weisen in der Regel eine enorme Decken­höhe auf; auch beim Justizzentrum Bochum war eine lichte Innenraumhöhe von 4,00 m gefordert. Insgesamt ist der rostrote Saaltrakt gleichwohl er nur drei Obergeschosse besitzt, 28 m hoch und die Architekturbetonelemente seiner Fassade messen 5,20 m in der Vertikalen. Das Justizzentrum weist 39 Gerichtssäle auf, die in drei Kategorien aufgeteilt und zwischen 40 m² und 215 m² groß sind. Selbst der als Aula nutzbare „Große Saal“ im Erdgeschoss erscheint auf den ersten Blick überschaubar: Es gibt jedoch Platz für 80 Zuschauer und 60 Prozessbeteiligte. Letztere verteilen sich auf drei Reihen Verteidiger an der Wand, diesen gegenüber zwei Reihen Staatsanwälte am Fenster und quer dazu die Richterbank. In der Raummitte steht der Zeugentisch.
Kein federführender Baukonzern
Der Bauherr, der Bau- und Liegenschaftsbetrieb BLB Nordrhein- Westfalen, beauftragte mit dem Bau des Justizzentrums keinen großen Baukonzern als Generalunternehmer, sondern führteklassische Einzelvergaben für die rund 40 Gewerke durch. Der Rohbau wurde von einer ArGe aus der Duisburger Köster GmbH und der Altenkirchener Fritz Meyer GmbH realisiert. Dabei erledigte die Köster GmbH vorrangig die Abbruch- und Tief­bauarbeiten, während die Meyer GmbH die aufgehenden Rohbauarbeiten ausführte. Auch die vollständige Entkernung des Schulbaus übernahm Köster, die Fassadensanierung des Altbaus führte hingegen die Essener Schultheis GmbH, ein ausgewiesener Fach­betrieb, durch. Die transparenten Teile der Fassade wurden durch die Schweizer Schmidlin- TSK AG erstellt. Alle geschlossenen Fassadenflächen wurden hingegen von der Hemmerlein Ingenieurbau GmbH aus Bodenwöhr realisiert.
Architekturbeton ohne Farbschwankungen
Auffallend ist, dass der intensive Rotton des Saaltraktes keine wahrnehmbaren Farbschwankungen in den durchgefärbten Betonfertigteilen aufweist. Der für die Produktion verantwortliche Geschäftsführer der Hemmerlein Ingenieurbau GmbH Michael Erhardt begründet dies mit einem konsequent durchgehaltenen Rhythmus im Produktionsprozess. Die Elemente wurden natürlich nur nacheinander produziert, jedoch achtete man darauf, dass zwischen den einzelnen Produktionsschritten immer exakt dieselbe Ruhezeit verstrich.
„Sie können nicht montags das eine Fertigteil betonieren und dienstags das nächste, mittwochs aber beide ausschalen: Das gibt Farbunterschiede! Für denselben Farbeffekt dürfen Sie das zweite erst am Donnerstag ausschalen!
Arbeiter schaffen gerne was weg, so was bleibt gerne unbeachtet. Eine Qualitätssicherung mit einer entsprechenden Dokumentation ist da unentbehrlich. Schwierig ist es auch, den Rhythmus über das Jahr durchzuhalten: „Ich denke da an Urlaubsphasen wie die Weihnachtszeit“, erläutert Erhard die Firmenstrategie. Dank der neuesten Mischertechnologie ergeben sich durch das tägliche Neuanmischen von Beton keine unterschiedlichen Farbschattierungen mehr. Eine genau definierte Menge an Pigmenten - beim Justizzentrum verwendete man diejenigen von Harold Scholz - ergeben bei Hemmerlein denselben Farbton. Ein weiterer Farbton- Garant ist neben dem konstanten Produktionsrhythmus und der modernen Mischtechnik eine weitgehende Indoor- Lagerung der Betonfertigteile. Damit kann ein ungleichmäßiges Eindringen von UV- Strahlung oder von Feuchtigkeit vermieden werden.
Montage vor Ort
Das Unternehmen aus Bodenwöhr produzierte nicht nur die Beton- Bauteile, sondern stellte mit einem rund 10 Mann großen Bautrupp auch die Fassadenelemente auf. Da die massiven Fertigteile meist vor Teilflächen der Glassfassade platziert wurden, entschlossen sich die Ingenieure der Fa. Hemmerlein diese mittels dreiachsig justierbarer Stahlkonsolen an den Stirnseiten der Roh­betondecken zu montieren. Da hierzu keine geeigneten Vorhangfassadenanker gängiger Beschlaghersteller existierten, entwickelte die firmeneigene Konstruktionsabteilung diese kurzerhand selbst.
Muscheln im Verband
An den roten Saaltrakt schließt sich eine Abfolge von Verwaltungsbauten mit rund 750 Büros an, die von einer beige-farbenen Fassade gekennzeichnet sind. Die Büroflügel besitzen auf ihrer Außenseite durchlaufende Architekturbetonfriese analog zu denen des Saaltraktes, die sich wiederum auf die des benachbarten Schulbaus beziehen. Zwischen diese markanten Horizontallagen spannten die Architekten geschosshohe Fenster, die jeweils aus einem feststehenden Element und einem schmalen Vertikalflügel zum Öffnen bestehen und die seitlich von gemauerten Laibungen und tiefen Sichtbetonlisenen begrenzt werden. Auch die Außenwände der Fluchttreppenhäuser be­stehen aus Sichtmauerwerk. In beiden Fällen kam ein besonderer Betonstein des niederländischen Herstellers MBI B.V. aus Veghel zum Einsatz. Dieser enthält kleine Nordseemuscheln als Zuschlag, die an der Küste ge­wonnen und vor der Zugabe gewaschen werden. Diese Werksteine werden zunächst als Block gegossen und dann kreuzweise gespalten, so dass vier Teile entstehen, die immer eine rau-gebrochene Längs- und eine Querseite als Spaltkante aufweisen. Diese dienen als Vorderseite des Sichtmauerwerkverbandes und beeindrucken mit ihrer subtil maritimen Oberfläche. Ausgeführt wurde das Sichtmauerwerk durch die Rheder Klinker- und Fassadenbau GmbH (RKF); dabei versetzten die Maurer gut 350.000 dieser Steine. Zunächst war angedacht, die Betonsteinlaibungen zwischen den Bürofenstern auch als Betonfertigteile auszuführen, die werkseitig mit diesen Betonsteinen belegt sind. Der Fertigteilhersteller Hemmerlein riet davon aus optischen Gründen ab: Im Rahmen einer Fertigteilproduktion werde man nie ein ähnliches Fugen­bild erhalten wie bei einer gemauerten Variante, da der Mörtel anders fließt. Für ein homogenes Gesamtbild müsste man alle Fugen der in Beton gegossenen Steine nachverfugen. Ein reguläres Aufmauern ist da weitaus günstiger.
Während die hellen Verwaltungsbauten nach außen hin die durchlaufenden Architekturbetonfriese auf­weisen, besteht die dem grünen Innenhof zugewandte Fassade ausschließlich aus Betonwerksteinen. Fensterstürze und -brüstungen wurden hier als reguläre Rollschichten realisiert.
Fazit
Auch wenn das Augenmerk gern an plakativen Architekturbetonelementen haften bleibt, empfiehlt sich mitunter ein zweiter, genauerer Blick auf das Mauerwerk. Tatsächlich nimmt es nicht wunder, dass der Hersteller MBI für seinen Betonstein mit dem red dot award 2017 ausgezeichnet wurde.
Robert Mehl, Aachen