Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Institut für Textilforschung (ITA)
Typ:
Forschungsinstitut
Ort:
Aachen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Carpus + Partner 🔗, Aachen
Materialien:
Textilbeton, Stahlbeton, Stahl
Publiziert:
BFT 01/2013
Seiten:
90 - 93
Inhalt:
[Artikel]  [2]      
 

RWTH Aachen & Lucem GmbH

Erste Lichtbetonfassade der Welt eingeweiht

Das Institut für Textilforschung (ITA) der RWTH Aachen hat in Zusammenarbeit mit der Lucem GmbH sprichwörtlich Licht in die dunkle Jahreszeit gebracht. Pünktlich an Nikolaus präsentierten der ITA Institutsleiter Prof. Thomas Gries und Lucem Geschäftsführer Dr. Andreas Roye die erste Lichtbetonfassade der Welt.
Was ist Lichtbeton?
Als Lichtbeton werden matt-transparente, mithin also lichtdurchlässige Betonfertigteile bezeichnet. Konstruktiv ist es zwingend erforderlich, diese Elemente vorzufertigen. Hierzu werden Glasfasern in Frischbeton vergossen. Nach dem Aushärten des Betonsteins wird dieser mit einer Steinsäge zerschnitten, so dass alle Glasfasern bündig an den Schnittoberflächen enden. Die millimeterstarken Glasfasern leiten Licht verlustfrei durch den Beton. Die BFT International berichtete bereits ausführlich über diese Innovation.
Wesen der Fassade
Die nun eingeweihte, 120 m² große Lichtbetonwandfläche schmückt eine neue Versuchshalle des ITA im westlichen Erweiterungsbereich der RWTH. Sie besteht aus 136 Einzelelementen mit den Maßen 500 cm x 150 cm, die jeweils eine Stärke von 20 mm aufweisen. Die Lichtbetonschicht hat keine isolierende Funktion, vielmehr stellt sie die hinterlüftete, äußere Schale einer Vorhangfassade dar. Zum Leuchten gebracht werden die Elemente mittels dahinter angebrachter Diffusorplatten, die seitlich mit im Nanosekundenbereich umschaltbaren RGB- LEDs (Vollfarb- Leuchtdioden) angestrahlt werden. Über eine digitale Steuerungstechnik sind alle 136 Lichtelemente, beziehungsweise jedes einzelne Lichtelement quasi als singuläre Pixel, ansteuerbar. Auf diese Weise können beliebige graphische Lichteffekte erstellt werden. Prof. Gries war es wichtig darauf hinzuweisen, dass die vermeintliche Grobheit der Pixel nicht ein Problem der Betonmatrix, sondern vielmehr der sich dahinter verbergenden Steuerungselektronik ist. Denn jede leuchtende Fläche bedarf nicht nur einer LED- Einheit und eines Diffusors, sondern benötigt auch mehrere Steuerungskabel, die dorthin geführt werden müssen. Die Anlage ist als eine erste Versuchsanlage zu betrachten, welche eine grundsätzliche Funktionsfähigkeit unter Beweis stellen soll. Gries und Roye wollen es für die Zukunft aber nicht ausschließen, dass die hinterlegte Steuerungstechnik einmal zu Gunsten einer feiner auflösenden ausgetauscht wird. Grundsätzlich ist es durchaus denkbar, auf solchen Flächen in Zukunft sogar fotografische Abbildungen zu zeigen.
Herstellung von Lichtbeton
Im Gegensatz zu dem 2005 eingehend vorgestellten Light TransmittingConcrete (Litracon) werden bei dem Produkt Lucem Line die Glasfasern nicht als dünne Bündel von Hand eingelegt, auf die schichtweise der Beton gelöffelt wird. Vielmehr werden hier nun gleich 1.000 Fasern auf einmal über ein so genanntes Gatter in einer Schalung abgelegt – ein in der Textilindustrie üblichen Verfahren, das aus dem maschinellen Weben von Stoffbahnen abgeleitet wurde. Dieses Verfahren ermöglichte es auch, die Basiselemente deutlich größer und damit kostengünstiger zu erstellen. Sie besaßen für die ITA- Fassade die Dimension 1,50 x 1 x 2 m. Auch wurden alle Rohbauteile zunächst werksmäßig gegossen und nach dem Aushärten in ein Betonsteinwerk zum Zersägen gefahren. Nach dem Schneiden ist es auch bei dem Lichtbeton möglich, die Materialoberfläche wie bei jedem anderen Fertigteil zu behandeln. Weder Polieren, noch Absäuern stellen ein Problem dar.
Individuell in Ewigkeit
Neben dem maschinell erzeugten Produkt „Line“ bietet die Firma Lucem auch manuell erstellten Lichtbeton mit Namen „Label“ an. Bei diesem Produkt ist es möglich, die Glasfasern zu individuellen Mustern anzuordnen. So können je nach Kundenwunsch auch Hausnummern oder Grafiken geschaffen werden. Gleichwohl ist das Herstellungsverfahren sehr teuer. Roye empfiehlt daher, die Verwendung seines industriell erstellten Lichtbetons: Dieser müsste einfach nur mit einer lichtundurchlässigen Negativfolie hinterlegt und angestrahlt werden. Das hätte zudem den Vorteil, dass man noch Jahre später Änderungen vornehmen könnte, indem man einfach nur die Folie tauscht.
Robert Mehl, Aachen
http://www.bft-online.info
Die Lichtbetonfassade während der Eröffnungsfeier
Prof. Gries und Dr. Roye stehen im Rampenlicht vor der neuen Fassade
Die Evolution des Lichtbetons: links das handgemachte Litracon, in der Mitte das industriell gefertigte Lucem Line und rechts das individuell gefertigte Lucem Label