Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Centro de Salud
Typ:
Gesundheitszentrum
Ort:
Sevilla [Karte]
Staat:
Spanien
Architekt:
C. Cordero, C. Albalá 🔗, Sevilla
Materialien:
Naturstein, Ortbeton, Glas
Publiziert:
build 5/2007
Seiten:
12 - 14
Inhalt:
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Centro de Salud in Sevilla

Der Krankenschrein

 
Anstatt des bei uns gebräuchlichen Prinzips eines Allgemein- oder Hausarztes besteht in Spanien ein System von öffentlichen Untersuchungsämtern. Jeder Spanier gehört einem bestimmten Bezirk an, für den ein Centro de Salud zuständig ist. Eine eigentliche Untersuchung findet dort jedoch nicht statt. Vielmehr trägt man als Patient einem Amtsarzt sein Leiden mündlich vor und dieser entscheidet daraufhin, ob eine Überweisung zu einem praktizierenden Arztes notwendig ist. Zweifellos besitzt diese Prozedur die Aura eines Behördenganges und auch die Gebäude, in denen diese Ämter untergebracht sind, sehen in der Regel nicht besser aus: unauffällig, grau und in die Jahre gekommen.
Da der tagtägliche Umgang mit dieser Institution eigentlich jeden unmittelbar betrifft, war das öffentliche Interesse groß, als im südwestlichen Zentrum von Sevilla im Stadtteil „El Porvenir“ ein neues und vor allem attraktives Centro de Salud eröffnete, entworfen von den Architekten Juan Carlos Cordero Magarinos und Carmen Albalá Pedrajas. Auf einmal gab es einen Ort, zu dem man gerne gehen wollte, sofern man krank war. Dort gibt es einen palmenbestandenen Innenhof und einen lichtdurchfluteten Wartebereich. Auch Neid kam auf: bei denen, für die das neue Amt nicht zuständig ist.
Von außen gibt sich der Bau mit seiner aus liegenden Quadern bestehenden Sandsteinfassade in einer fast wehrhaften Form geschlossen. An den Gebäudeecken finden sich große prismatische Aussparungen, die an die Mündungsöffnungen idealstadttypischer Festungsbatterien erinnern. Diese Voids leiten das Tageslicht tief ins Gebäudeinnere. Sie münden vor Kopf der durchgehenden Flure und schaffen so gleichzeitig Blickbeziehungen nach außen. Die Hermetik gründet sich auf die Wiederentdeckung tradierter Bauformen und deren Nachhaltigkeit. Wo kein Fenster ist, kann auch die sengende Sonne Andalusiens nicht eindringen. Gewächshauseffekte werden so vermieden und die Klimaanlage ist dadurch weniger stark belastet.
Der Grundriss des Untersuchungszentrum besitzt die Form eines Trapezes. Vier Gebäudetrakte umgeben einen Innenhof derselben geometrischen Ausprägung. Entgegen der äußeren Geschlossenheit gibt sich der Bau hier nahezu transparent. Große Screens und eine Glasfassade bestimmen das Bild. Sie geben den Blick vom Hof in das Gebäude frei. Der Zugang erfolgt über dieses Atrium, das über einen tunnelartigen Durchgang mit der Außenwelt verbunden ist. Der Weg führt den Besucher von Süden kommend quer über den Hof. Dabei verengt sich das offene Volumen schluchtartig. Schließlich gewährt eine Drehtür Durchschlupf ins Innere, wo man sich unverhofft einer großzügigen Anmeldung gegenüber sieht.
Der an der Ostseite des Gebäudes gelegene Verwaltungstrakt manifestiert sich nach außen durch eine abstrakte Anordnung gedrungener Fensterformate. Die schlanken Öffnungen folgen mit ihrem lichten Maß von 0,5 Meter auf 2,5 Meter dem Modul der vorgehängten Sandsteinfassade. Während die horizontal angeordneten Bänder überwiegend die Büros belichten, versorgen die scheinbar wahllos eingesetzten vertikalen Einheiten die Fluchttreppenhäuser gezielt mit Helligkeit. Das Fensterdetail besticht durch seine Schlichtheit: Statt Brüstungen, Stürze und Leibungen auszubilden, wurde einfach auf ein Element im Raster verzichtet. Die benachbarten Steintafeln der Sorte „Carreterra de la Esclusa“ schweben mit ihren Kanten etwa drei Zentimeter „frei“ vor der Rohbauwand, in der das Fenster aus herkömmlichen Profilen ganz regulär eingelassen ist.
Inspiriert durch das alltägliche Erleben des Gesundheitssystems wollten die Architekten Juan Carlos Cordero Magarinos und Carmen Alabalá Pedrajas einen Ort schaffen, der in einer sinnfälligen Weise eine bauliche Entsprechung für die realen sozialen Zusammenhänge findet. Wichtig war den Planern, dass weder Patienten noch das medizinische Personal sich gegenseitig aus den Augen verlieren. Die fulminanten Blickbeziehungen im Innern sind somit weit mehr als eine großzügige architektonische Geste. Sie appellieren an die gesellschaftliche Verantwortung und kommen zugleich unmittelbar der Atmosphäre im Gebäude und damit den Nutzern zugute.
Robert Mehl, Aachen