Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Centro de Salud
Typ:
Gesundheitszentrum
Ort:
Sevilla [Karte]
Staat:
Spanien
Architekt:
C. Cordero, C. Albalá 🔗, Sevilla
Materialien:
Naturstein, Ortbeton, Glas
Publiziert:
DBZ 08/2007
Seiten:
42 - 49
Inhalt:
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Gesundheitszentrum in Sevilla/E

Fenster zum Hof

In den heißen Sommern Andalusiens ist der Einsatz einer Klimaanlage wahrlich nicht verwerflich. Zunehmend mehr Planer besinnen sich jedoch auf tradierte Bauprinzipien. Denn wo die Sonne erst gar nicht hinkommt, braucht man weniger Kühlleistung.
Ob in den Plänen die Fenster fehlen, wollten viele Auftragsnehmer von den Architekten wissen. Wir würden sagen, es kam ihnen wohl spanisch vor, dass eine Fassade so gar keine Belichtungsöffnung haben solle. Sollte sie aber. Licht von Süden macht in Sevilla keinen Sinn, denn direkte Sonneneinstrahlung heißt glühende Hitze. Besonders hinter Glas, ob es isoliert ist oder nicht. Die Planer sind der Auffassung, dass man durchaus auf unnötige Wärmequellen verzichten könne, wenn ein Kühlsystem tagtäglich mit einer Außentemperatur 40° im Schatten konfrontiert ist. Zusätzlich haben sie studiert, wie man im Mittelalter die Gebäude temperiert hat, ohne Haustechnik. Das alte maurische Bauprinzip ist dem eines römischen Domus nicht unähnlich: Während sich die Gebäude nach außen weit gehend fensterlos präsentieren, öffnen sie sich nach innen zu einem Patio. Wichtig sind dabei Blickbeziehungen auch über den Hof hinweg.

Gebäudeensemble

Das dreigeschossige Projekt adaptiert dieses Prinzip. Die drei Hauptflügel gruppieren sich um einen tiefen, trapezartigen Innenhof, auf dessen Grund infolge der Gebäudehöhe von über 10 m kaum Sonne zu dringen vermag. Eine holzverkleidete Passage in der Südseite des Bauwerkes vermittelt von außen in diesen Patio, den man überqueren muss, um zum eigentlichen Haupteingang auf der Nordseite zu gelangen. Die Durchwegung endet vor der Anmeldung, wo man nach seinem Begehr gefragt wird: linker Hand geht es zur Verwaltung, rechter Hand zur ärztlichen Sprechstunde. Im Süden sind die beiden Trakte über den südlichen Querriegel nochmals verknüpft. Hier befindet sich die Radiologie, die Onkologie und die Zahnheilkunde für Kinder. Die Raumabfolge folgt den Bedürfnissen des staatlichen Gesundheitssystems, in dessen Genuss jeder kommt, der nicht privat versichert ist. Im Krankheitsfalle ruft man seinen zuständigen Arzt im Centro de Salud an, einer kommunalen Einrichtung. Entsprechend dieser Konstellation hat ein Arztbesuch in Spanien oft mehr den Charakter eines Behördenganges als den einer medizinischen Konsultation. Genehmigungen zu Facharztüberweisungen werden hier erteilt.

Gestalt und Funktion der Fassade

Die Fassade des Ostflügels, welcher die Sprechzimmer und die Wartezone beherbergt, reagiert mit durchgehenden Fensterbändern auf die Reihung der Behandlungsräume. Über eine Enfilade aus Nebentüren sind sie untereinander verbunden und ermöglichen den Ärzten ein diskretes Wechseln zwischen den einzelnen Patienten. Vor den Fenstern erlauben Vertikallamellen eine individuelle Verschattung dieser Räume. Zwischen zwei Besprechungszimmern ist immer ein weiß gefliester Sonderuntersuchungsraum geschaltet. In seinem Fassadenbereich ist die Lamellenschar vor den Fensterbändern unterbrochen und wurde durch ein kleines, starres Vordach ersetzt.
Die Westseite mit den Verwaltungseinheiten wird expressiv durch längsrechteckige Fensteröffnungen der Maße 2,5 m auf 0,5 m gegliedert. Scheinbar wahllos alternieren sie zwischen einer aufrecht stehenden und einer liegenden Ausrichtung. Tatsächlich kommen die aufrechten Schlitze nur im Bereich des Fluchttreppenhauses zum Tragen. Ihre starke geometrische Wirkung verdanken die Öffnungen dem Umstand, dass die Stöße der Vorhangfassade immer bis zu den Innenkanten der Fensterprofile geführt worden sind. Erreicht wurde dies durch den Verzicht einer äußeren Verblendung der Fenster: es gibt keine Brüstungen, Stürze und Leibungen. Die Fenster wurden mit herkömmlichen Profilen produziert und in die Rohbauwand eingelassen. Die braungraue Vorhangfassade aus Sandstein schwebt etwa 3 cm „frei“ vor der Fensteröffnung. Gehalten werden die 3 cm starken Steintafeln mittels durchlaufender Nuten an ihrer Ober- und Unterseite. Wandanker, welche wiederum in Profilschienen auf der Rohbauwand ruhen, greifen in diese Führungen ein. Nur im Bereich der Fensterstürze ging man notgedrungen dazu über, Nuten auch in die senkrechten Tafelkanten des Sandsteins zu fräsen, um sie auf diese Weise zu verankern. In den Ecken des Gebäudes sind große Voids platziert, die mit prismenartig zulaufenden Leibungen das Licht tief in das Gebäude leiten. Neben der geschlossenen Außenwirkung und der inneren Offenheit waren für die Planer Sichtachsen von zentraler Bedeutung. Im Inneren markieren diese großen Öffnungen zumeist die Stirnseiten der durchgehenden Erschließungsgänge. Sie schaffen immer wieder Blickbezüge nach außen.
Die Architektur transformiert in sinnfälliger Weise den Gedanken, dass Ärzte wie Patienten sich gegenseitig nicht aus den Augen verlieren sollen. Gerade im Gesundheitsbereich ist der Erhalt einer menschlichen Dimension von essentieller Bedeutung. Die Verpflichtung für und der Blick auf das Gemeinwohl manifestiert sich mit den zahlreichen Sichtbeziehungen nach außen. Und dass die Stadt dabei ihr Gesundheitswesen nicht vergisst, dafür trägt schon das Bauwerk alleine Sorge: neuerdings will sich hier jeder untersuchen lassen. Weil hier alles so freundlich wirkt. Leider kann man sich das aber in Spanien nicht aussuchen.
Robert Mehl, Aachen