Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Typ:
Büro- und Verwaltungsgebäude
Ort:
Den Haag [Karte]
Staat:
Niederlande
Architekt:
Jean Nouvel 🔗, Paris
Materialien:
Stahl, Glas, Slimline-Decken 🔗
Publiziert:
Beton Bauteile 2018
Seiten:
106 - 111
Inhalt:
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Europäisches Patentamt (EPA), Rijswijk bei Den Haag

Hybride Nachhaltigkeit

In Rijswijk entsteht der Neubau des Europäischen Patentamtes nach dem Entwurf des französischen Architekten Jean Nouvel und des niederländischen Büros Dam & Partners Architecten. Die schmale Hochhausscheibe erhält hybride Deckenkonstruktionen aus 12 m spannenden Betonfertigteildecken, die zuvor mit 450 mm hohen Stahlträgern vergossen wurden.
Europäisches Patentamt (EPA), Rijswijk bei Den Haag Hybride Nachhaltigkeit
In Rijswijk entsteht der Neubau des Europäischen Patentamtes nach dem Entwurf des französischen Architekten Jean Nouvel und des niederländischen Büros Dam & Partners Architecten. Die schmale Hochhausscheibe erhält hybride Deckenkonstruktionen aus 12 m spannenden Betonfertigteildecken, die zuvor mit 450 mm hohen Stahlträgern vergossen wurden.
Das Ensemble besteht aus verschiedenen niedergeschossigen Verwaltungsbauten und einem 17-stöckigen Büroturm, der zunehmend sanierungsbedürftig wurde und ohnehin viel zu klein geworden war. Die Administration des EPA führte eine Neubauausschreibung durch, auf die sich Konsortien aus Bauunternehmen und Architekten mit Realisierungskonzepten bewerben konnten.
Hier konnte sich die TBI- Unternehmungen J.P. van Eesteren und Croonwolter & dros als Sieger durchsetzen, die ihre bauliche Umsetzung vornehmlich aus den logistischen Rahmenbedingungen heraus entwickelte. So gab das EPA vor, dass das Amt durch den Neubau und den Umzug an keinem Werktag geschlossen sein durfte. Damit stand fest, dass der vorhandene Turm bis zur vollständigen Einrichtung aller Büros komplett in Nutzung bleiben muss, etwa 1.800 der 3.000 Mitarbeiter werden am Standort in Rijswijk in dem neuen Gebäude arbeiten. Eine enorme logistische Herausforderung, da neben dem Neubau mit einer Nutzfläche von 85.000 m² in unmittelbarer Nachbarschaft Gebäudeeinheiten bestehen bleiben und zu einer baulichen Einheit verbunden werden und in dem Neubau selber einmal 1.750 Menschen tätig sein werden. Erschwerend kam hinzu, dass keine Grundstückszukäufe erfolgen sollten, die weiteren Gebäudeeinheiten in Nutzung bleiben und das Amt als bauliche Einheit bestehen bleiben sollte. Denn es ist – ähnlich einer Botschaft – als extranationaler Bereich organisiert und weist entsprechende Sicherheitsschleusen ähnlich einem Flughafen auf.
Letztlich blieb für den Neubau nur der schmale Streifen der früheren Gebäudevorfahrt übrig, worin auch der planerische Grund für das teilweise nur 12 m schmale, aber 120 m hohe und auch genauso lange Gebäude zu suchen ist. Da der Bau an einer stark frequentierten Autobahn liegt, entwarf der Architekt Nouvel und Dam & Partners auf dieser Seite eine doppelte Glasfassade in annähernder Gebäudehöhe, die wie eine Lärmschutzwand funktioniert und aussieht wie ein gigantischer Wintergarten. Alle zwei Geschosse spannen überdimensionale Pflanztröge aus vorgefertigtem Faserzement über die gesamte Gebäudelänge und vermitteln das Gefühl, sich mitten im Grünen zu befinden, obwohl man tatsächlich gerade in einem Büro in luftiger Höhe sitzt. Zu diesem offenen Luftraum hin sind die internen Bürofenster individuell zu öffnen und neben der mechanischen Klimatisierung ist eine natürliche Belüftung möglich.
Ein vielleicht 7 m hoher Neubausockel springt deutlich vor die Hochhausscheibe und vermittelt zu einem vorgelagerten fünfgeschossigen Annex. Das verbindende Glasdach dieses Flachbaus wird von einer geschlossenen Wasserfläche bedeckt sein, die dem neuen Hochbau den Charakter verleiht, er stehe inmitten eines Sees. Das Wasser wird seitlich an dem Sockelgeschoss filmartig herunterlaufen und diesem die Anmutung eines breiten Wasserfalls geben. Die Eingänge und die Tiefgaragenzufahrten werden davon ausgespart sein.
Stahl & Beton
Die tragende Konstruktion des EPA- Hochhauses besteht grundsätzlich aus Stahl. Da allerdings Stahldecken nicht den Komfort bieten, den man von einem Boden in einem hochwertigen Objekt erwartet – sie federn zu stark, reine Betondecken wären hingegen für diese ambitioniert schmale Gebäudescheibe viel zu schwer -, entschied man sich für das Elementdeckensystem des niederländischen Herstellers Slimline. Seine Deckenelemente bestehen bei diesem Projekt aus 450 mm hohen IPE- Trägern, deren 30 mm hohe Untergurte in 80 mm hohe Betonplatten eingegossen werden. Die konstruktive Höhe der Betonplatten ergibt sich aus der erforderlichen Überdeckung des Stahlflansches, um eine Feuerwiderstandsklasse von F120 zu erreichen. Überdies ist die Betonplatte mit einer konventionellen Bewehrung versehen, die mit den IPE- Trägern verschweißt ist. Die hohe Feuerwiderstandsklasse war ein zweiter, essentieller Grund für den Einsatz dieser Deckenelemente, da so auf zusätzliche Brandschutzmaßnahmen, wie Gipskartonummantelungen, verzichtet werden konnte.
Statisch wirksamer Hohlraumboden
Im Grunde handelt es sich bei den Elementen dieses Herstellers um einen großvolumigen Hohlraumboden mit statischer Funktion. Von oben geschlossen werden sie in der Regel mit Trapezblechen, die anschließend mit einer Estrichschicht vergossen werden. Beim EPA wurden hierin noch eine Fußbodenheizung sowie eine darunterliegende Dämmung integriert. Der Hohlraum in Höhe des Stahlträgers kann für die Integration der Haustechnik genutzt werden. Dazu werden die Mittelstege der Träger entweder gemäß der haustechnischen Planung mit entsprechenden Durchbrüchen versehen oder flexibel als Wabenträger ausgeführt. Beim EPA entschieden sich die Planer für die erste Variante, da die Kabeltrassen in geordneten Strängen verlaufen und frei durch das Gebäude geführt werden müssen. Die Bauhöhe von fast 40 cm im Lichten erlaubt sogar das Verziehen von Abwasserleitungen vom jeweiligen WC- Standort aus hin zu den entsprechenden Fallrohren im nächsten Gebäudekern.
In Planung war zunächst, die Fertigteildecke sogar thermisch zu aktivieren. Um jedoch eine bessere Nachhallzeit (Akustik) und eine schnellere thermische Reaktionszeit zu erzielen, wählte das Planungskonsortium eine zusätzliche Abhangklimadecke. Sie wurde unter die in Sichtbetonqualität ausgeführte Slimlinedecke montiert. Zusammen mit der Fussbodenheizung entsteht jetzt ein optimales Klima. »Für einen kühlen Kopf und für warme Füße«, kommentiert dies Ger van Zanden, einer der Geschäftsführer von Slimline.
Verlagerung der Baukosten
Ökonomisch sieht Ger van Zanden mit der Slimlinedecke ein großes Einsparpotential beim Technischen Ausbau eines Gebäudes. Anders als es letztlich beim EPA umgesetzt wurde, können mit ihr grundsätzlich Abhangdecken oder Hohlraumfußböden entfallen. Bislang im TGA- Bereich gebundene Gelder werden so frei und in das Rohbaugewerk verlagert: Unter dem Strich steht eine enorme Kostenersparnis. Die hybride Technologie macht Gebäude kostengünstiger und gleichzeitig nachhaltiger: Die Decken können immer wieder geöffnet und die Haustechnik unproblematisch neu organisiert werden. Das größte Problem dieser Technologie sind die Bauunterschiede im Gewerbe- und Wohnungsbau: Beim ersten liegt die Haustechnik meist unterhalb der Decke, beim zweiten meist nahe dem oder gar im Fußboden. Auch stößt man auf starke Widerstände der Lobbyverbände (Stahl, Zement, TGA); sie fürchten um Marktanteile. Aber Nachhaltigkeit bedeutet auch ein integratives Denken, eine Technologie- Fusion, ein Miteinander. Dies ist ein gelungenes Beispiel dafür.
Robert Mehl, Aachen