Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Allianz Suisse AG Hauptquartier
Typ:
Hochhaus
Ort:
Wallisellen bei Zürich [Karte]
Staat:
Schweiz
Architekt:
Wiel Arets 🔗, Maastricht
Materialien:
Beton, Glas
Publiziert:
tab 12/2013
Seiten:
36 - 38
Inhalt:
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Allianz Hochhaus Zürich

Das + an Haustechnik

Im Züricher Vorort Wallisellen steht das Allianz Hochhaus kurz vor seiner Vollendung. Der 17-stöckige Solitär weist nicht nur eine vollkommen glatte Close- Cavity- Fassade (CCF) auf, der Bau besitzt zudem ein All-in-one- Abhangdeckensystem, das unlängst auf der ISH mit dem Innovations- und Technikpreis ausgezeichnet wurde.
Wallisellen ist eine eigenständige Gemeinde, die jedoch übergangslos am bergigen Nordhang des Zürichsees an die Metropole anschließt. Tatsächlich ist dessen unscheinbare Bahnstation von der Nutzerzahl her einer der bedeutendsten Pendlerbahnhöfe der Schweiz. Vielleicht 400 m davon entfernt liegt mit dem Glatt- Center ein weiterer eidgenössischer Superlativ: die größte und umsatzstärkste Shopping- Mall der ganzen Nation. Genau dazwischen befand sich jahrelang eine unansehnliche Industriebrache, das so gennannte Richti Areal. Vor rund sieben Jahren gelang es einem großen Generalunternehmer und Projektentwickler, das gesamte Gelände zu erwerben. Er lobte einen städtebaulichen Wettbewerb aus und begann mit einer entsprechenden Bebauung. Im Zentrum des Areals entstand nach den Entwürfen des niederländischen Architekten Weil Arets ein Hochhaus, für das die Allianz als Hauptmieter gewonnen werden konnte.
Glasfassade contra Naturstein
Eigentlich sah der zu realisierende städtebauliche Rahmenplan des Mailänders Vittorio Lampugnani Lochfassaden mit Natursteinverblendung für alle Gebäude vor. Doch der Versicherungskonzern, der bereits in der Planungsphase mit eingebunden war, legte Wert auf ein gläsernes Fassadenkonzept.
Der Architekt Arets schlug als Kompromiss eine modulare Fassadenstruktur vor, deren Rand immer bedruckt ist und deren jeweilige Kernflächen fensterartig durchsichtig bleiben. Als Vorlage für das Druckmuster wählte er die abstrahierte Vergrößerung eines Onyx- Natursteines. So erfüllte er sowohl die städtebauliche Vorgabe nach einer Lochfassade, zeigte immerhin das Abbild eines Steines und erfüllte zudem den Mieterwunsch.
Glatte Fassade keine Referenz an den Nachbarn
„Nein, wir haben keine glatte Fassade, wegen dem benachbarten Glatt- Center gewählt!“ Ein wenig schmunzeln musste Felix Thies, der Projektleiter des Architekturbüros Weil Arets aber schon, als er auf diese Wortgleichheit angesprochen wurde. Vielmehr wollten die Entwerfer zwischen dem hoch frequentierten Bahnhof und dem umsatzreichen Einkaufszentrum ein landmarkenartiges Gebäude platzieren. Eingebettet in ein sehr hügeliges Relief inmitten eines überaus heterogenen Industriegebietes erschien den Planern eine bergkristallartige Struktur für durchaus geeignet. Die planerische Herausforderung war, an dieser radikalen Fassadenvision allen Sachzwängen der Haustechnik zum Trotz festzuhalten und dennoch praktikable Lösungen zu finden.
Vermeiden wollte man in jedem Fall einen außen liegenden Sonnenschutz und die damit unvermeidlichen Vorsprünge, Winkel und Führungsseile. Doch eine innen liegende Verschattung führt zu übermäßigen Wärmelasten, die nicht mehr durch Kühldecken kompensiert werden können. Die Bauherren wünschten sich ein Gebäude nach Min- Energie Standard, der mit einer regulären Klimaanlage jedoch nicht zu erreichen ist.
Die Lösung fand sich in einer Close- Cavity- Fassade (CCF), die von der Firma Josef Gartner GmbH aus Gundelfingen erstellt und montiert wurde. Sie besteht aus einer inneren und einer äußeren Verglasung sowie einem dazwischen befindlichen Hohlraum, von – in diesem Fall – 24 cm Tiefe. Dabei ist nur die innere hochwärmegedämmte Dreifachverglasung thermisch wirksam. Die äußere VSG- Verglasung, von den Planern augenzwinkernd als „Prallscheibe“ bezeichnet, wurde mit dem erwähnten Onyx- Muster bedruckt. Der eingeschlossene Hohlraum birgt den mechanischen Sonnenschutz; dabei handelt es sich um einen aluminiumbedampften Textilvorhang. Der Stoff ist nicht völlig undurchsichtig, so dass man auch im geschlossenen Zustand nach außen blicken kann. Dies ist arbeitspsychologisch wichtig, da die Verhänge zentral gesteuert werden und nicht individuell übersteuerbar sind.
Der Store gilt als wartungsfrei. Entsprechend kommt man an ihn von innen nicht heran. Am störanfälligsten gilt sein Antriebsmotor, weshalb dieser über eine Revisionsöffnung zugänglich ist. Sie befindet sich in den Bürobereichen in dem Zwischenraum oberhalb der abgehängten Decke. Um den Eintrag von Schmutz und Feuchtigkeit in das hermetisch geschlossene Fassadenmodul zu minimieren, wird in dieses permanent ein leichter Überdruck von gefilterter, thermisch aber unbehandelter Außenluft gepumpt.
Sollte doch einmal ein Vorhang versagen, muss dieser von außen gewechselt werden. Die Fassadenbefahranlage, die für die Reinigung derselben eingesetzt wird, ist hierfür mit einer Glassaugervorrichtung ausgerüstet. Fassadenmonteure schneiden dann die äußere Scheibe aus ihren Dichtungen heraus, beheben den Schaden und passen das Glas nach der Reparatur wieder ein. Der Hersteller der CCF- Module hat nachgewiesen, dass diese erhöhten Wartungskosten erheblich unter den Investitionen liegen, die für den Einbau von Mechaniken zur jeweils einzelnen Öffnung aller Module erforderlich gewesen wären.
Vakuumdämmung
Bei der Konzeption der Fassade war es den Architekten besonders wichtig, dass der Fugenschnitt gleichmäßig durchläuft. In Traufhöhe der umliegenden Bebauung gibt es einen formal begründeten Fassadenvorsprung. Üblicherweise stört ein solches Detail die Regelmäßigkeit der Fugenanordnung, da die Untersicht eine konstruktive Dicke besitzt und zudem noch gedämmt werden muss.
Nicht hier! Zum einen führte man die die Betonstärke des Deckenvorsprungs durch eine extreme Vorspannung des Bereiches besonders dünn aus. Zum anderen verwendete man für die Isolierung eine Vakuumdämmung, die aus der Raumfahrt kommt. Dabei handelt es sich um vollkommen evakuierte, aber nur 35 mm starke Aluminiumpaneele, die von unten an der Betonplatte angebracht und die direkt mit den bedruckten VSG- Scheiben verkleidet wurden. Ein willkommener Nebeneffekt der Vorspannung ist, dass alle Geschossebenen darüber nun ohne Stützen vor der entsprechenden Fassade auskommen.
All-in-one- Decke
Besonders stolz sind die Architekten auf ihre All-in-one- Abhangdecke, wie sie diese selbst augenzwinkernd bezeichnen und die von der Lindner Group im bayerischen Arnstorf produziert und montiert wurde. Als Besucher nimmt man zunächst nur eine großformatige Abhangdecke wahr, die mit einem derzeit häufig in der Architektur verwendeten, floralen Muster dekoriert ist. Tatsächlich ist dieses auf 1,35 m x 13,35 m große Metallelemente geprägte, durchlaufende Muster die perfekte Tarnung, für die meisten der darin integrierten Eigenschaften.
Die Decke ist Teil des "Plafotherm(R) Heiz- und Kühldeckensystem mit Betonkernaktivierung und verdeckter Zuluft im Deckenhohlraum". Natürlich birgt es die Heiz- und Kühlelemente der saisonbedingten Raumtemperierung. Sie ist daher aus weiß pulverbeschichtetem Metall. Die Decke ist außerdem unregelmäßig perforiert und hinter vielen Löchern verbergen sich Absorbermatten, welche die Raumakustik beeinflussen. Eingebettet dazwischen sind Bereiche zum Einbringen von Frischluft in den Raum. Diese wird in den Deckenholraum darüber eingeblasen, und durch die Perforation hindurch sinkt sie in den Raum. So konnte ein gerichteter und an Windbewegungen sichtbarer Lufteintritt vermieden werden. Die Abluft hingegen wird über Fugen zwischen den einzelnen Fassadenmodulen ebenfalls nicht sichtbar nach außen abgeführt.
Ebenfalls in die Decke integriert sind die Schallöffnungen der in der Schweiz für solche Gebäude vorgeschriebenen Evakuationslautsprecher, über welche die Feuerwehr eine Räumung veranlassen kann. Darüber hinaus gibt es tatsächlich noch einige, kaum auffällige tellerartige Punkte, die unter der Decke hervorragen. Hierbei handelt es sich um die Feuermelder und um die Auslassdüsen der Sprinkleranlage.
Die Prägung der Decke wurde von einem BMW- Zulieferunternehmen ausgeführt mit Hilfe einer schweren Metallpresse, mit der regulär Karosserieelemente für den Fahrzeugbau erstellt werden. Die Ingenieure fertigten für die Deckenelemente eigens ein Werkzeug in Form eines übergroßen Stempels an. Darin war eine vollständige Einheit des redundanten, floralen Dekors eingraviert. Die Wiederholung des Ornamentes erfolgt jedoch nicht im Rhythmus des Rasters, sondern in unregelmäßigen Abständen, was diesem eine gewisse Lebendigkeit verleiht. Tatsächlich prägte immer nur ein Teilbereich des großformatigen Stempels eine zuvor präzise festgelegte Partition der Deckenpaneele. Der Rest schlug daneben ins „Leere“. Das Ornament hat neben der subtil-formalen Zusammenfassung der zahlreichen Perforationen auch einen aussteifenden Effekt. Ungeprägt würden die einzelnen Elemente aufgrund ihrer Fläche von fast 2 m² stark bauchend durchhängen und hätten alternativ dicker dimensioniert oder kleinteiliger realisiert werden müssen. So sparte man hingegen sowohl an Material, wie auch an Arbeitsaufwand.
Jedes Deckenelement kann individuell geöffnet und revisioniert werden. Aufgrund des Umstandes, dass jedes Element ein enormes Maß an Technik in sich birgt, ist dieses Detail auch sicherlich geboten.
Die Ausführung wie auch der planerische Aufwand – fast alle der 60.000 Paneele wurden von den Architekten gezeichnet und die prägungsfreien Bereiche quasi individuell festgelegt – hat auch die Juroren auf der diesjährigen ISH in Frankfurt überzeugt. Im vergangenen März zeichneten sie dieses neu entwickelte Deckensystem mit dem 14. „Innovationspreis Architektur und Technik“ im Rahmen der Messe aus.
Das „Plus“ an Architektur
Grundsätzlich geht es dem Niederländer Weil Arets darum, äußerlich eine ikonenhafte Architektur zu schaffen, die er jedoch nicht „nur“ mit nüchtern pragmatischen Grundrissen in optimaler Weise zu füllen sucht. Vielmehr möchte er darin ein „Plus“ zu schaffen. Zum einen entsteht damit ein architektonischer Mehrwert, indem Arets Orte schafft, die ein vielfältiges Raumprogramm enthalten und an denen man sich trotzdem gerne aufhält. Das „Plus“ meint er durchaus auch im Hinblick auf technische Innovationen, die er zur erfolgreichen Umsetzung seiner Ideen sucht und wie bei diesem Objekt auch findet..
Robert Mehl, Aachen