Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Allianz Suisse AG Hauptquartier
Typ:
Hochhaus
Ort:
Wallisellen bei Zürich [Karte]
Staat:
Schweiz
Architekt:
Wiel Arets 🔗, Maastricht
Materialien:
Beton, Glas
Publiziert:
DBZ 09/2013
Seiten:
38 - 45
Inhalt:
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Schweizer Hauptniederlassung der Allianz Suisse AG, Zürich

Daoismus des Details

Das 17-stöckige Hochhaus am Rande von Zürich fällt auf durch seine präzisen, fast kristallin wirkenden Gebäudekanten und die weichen Stoffgardinen, die sich hinter den Glasflächen abzeichnen. Dieses gegensätzliche Miteinander ist entstanden durch eine gekapselte Fassadenmodulkonstruktion.
Vor rund sieben Jahren gelang es einem großen Generalunternehmer und Projektentwickler, die große Industriebrache neben dem Pendlerbahnhof Wallisellen zu erwerben. Den daraufhin durchgeführten städtebaulichen Wettbewerb gewann das Mailänder Architekturbüro von Vittorio Lampugnani mit einem kleinräumlichen, hochurbanen Konzept. Doch die Zweitplatzierten, das Büro des Niederländers Wiel Arets, beeindruckte die Juroren mit ihrer Idee eines Stadtraumes mit großen Volumen so sehr, dass sie als Direktauftrag mit der Ausführung des zentralen Hochhauses betraut wurden.
Wachsender Raumbedarf
Schnell stand die Schweizer Sektion der Allianz als Hauptmieter fest. Von hier aus werden künftig alle deutschsprachigen Schweizer Abteilungen arbeiten, mit rund 1.800 Mitarbeitern. Trotz der frühen Formulierung der Aufgabe, wuchs der Raumbedarf der zukünftigen Nutzer mit dem Baufortschritt. Wo zunächst nur eine Anschlussbrücke zum Nachbarblock und allein die Nutzung von einem Gebäudeflügels vorgesehen waren, entstanden am Ende vier horizontale Verbindungen und schließlich wurde der gesamte fünfgeschossige Bau zum Hochhaus zugemietet.
Onyx- Zitat
Der Versicherungskonzern sprach sich gegen die Lochfassaden und das Natursteinmauerwerk aus, das der Städtebauentwurf vorsah. Man favorisierte vielmehr eine gläserne Transparenz. Arets schlug eine modulare Fassadenstruktur als Kompromiss vor, deren äußerer Rand grundsätzlich bedruckt war und deren jeweilige Kernflächen transparent blieben. So entsprach er sowohl der städtebaulichen Maßgabe, wie auch dem Mieterwunsch nach mehr Glas. Der ausgeführte, grob gerasterte Aufdruck ist ein stark vergrößertes Foto jenes grünen Natursteins, den einst Mies van der Rohe an seinem berühmten Barçelona- Pavillon verwendet hatte. Die Architekten betonen, dass ihre Fassade nun mit dem Abbild eines Onyx nicht nur den teuersten Natursteines überhaupt zeigt, sondern dass die Fotografie auch ein kulturhistorisch bedeutsames Zitat sei.
Vakuumdämmung
Bei der Gestaltung der Fassade strebten die Architekten maximale „Glattheit“ an. Sie wollten eine Zerteilung der Fläche durch Winkel, horizontale Bänder oder vertikale Lisenen um jeden Preis vermeiden. Zudem legten die Planer alle Unter- wie auch Aufsichten in gleicher Weise an, wie die Fassade mit dem auf Glas gedruckten Onyxmotiv. Bedeutsam ist die städtebaulich inspirierte, über 6 m weit vorspringende Auskragung in Höhe der Traufhöhe der Nachbarbebauung. Sie soll den Vorplatz vertikal einfassen. Auf keinen Fall sollte dieser Vorsprung mit einer Verdickung zusätzlich betont werden. Normalerweise erfordert dies entsprechend dicke, horizontale Dämmungspakete. Die Planer wollten aber erreichen, dass der Fugenschnitt der Hauptfassaden gleichmäßig durchläuft. So war man bestrebt, die Betonstärke des Deckenvorsprungs möglichst dünn auszuführen. Der Bereich wurde in extremer Weise vorgespannt und die entstandenen Zuglasten auf alle weiteren Aufgeschosse abgeführt. Ein Nebeneffekt ist, dass diese Geschossebenen nun in den Bereichen vor der Fassade stützenfrei ausgeführt werden konnten. Für die thermische Isolierung dieses Versatzes in gut 20 m Höhe setzten die Ingenieure zudem eine extrem dünne Vakuumdämmung ein. Die vollkommen evakuierten, aber nur 35 mm starken Aluminiumpaneele wurden von unten an der Betonplatte angebracht und anschließend direkt mit den bedruckten VSG- Scheiben verkleidet.
Der Vorhang schließt sich
Ein außen liegender Sonnenschutz erschien den Architekten unpassend für den konzeptionellen Ansatz eines monolithischen, ikonenhaften Baukörpers, weshalb sie sich für eine Integration desselben in eine „Close- Cavity- Fassade“ (CCF) entschieden. Bei dem System gibt es eine innere und eine äußere Verglasung mit einem dazwischen liegenden, hier 24 cm tiefen Hohlraum. Thermisch aktiv ist ausschließlich die innere hochwärmegedämmte Dreifachverglasung. Das äußere Glas besteht aus VSG und wurde mit dem markanten Aufdruck versehen. Der Zwischenraum birgt den mechanischen Sonnenschutz – in diesem Fall ein aluminiumbedampfter Vorhang. Die Architekten wollten den harten Konturen der Glasfassadenfläche etwas Weiches entgegensetzen. Die Textile ist transluzent, also nicht völlig blickdicht. Dies ist bedeutsam, da die Verschattung zentral gesteuert wird und nicht individuell übersteuert werden kann. Das nach dem Min- Energie- Standard errichtete Gebäude besitzt nämlich keine leistungsfähige Klimaanlage sondern nur Kühldecken. Der eigetnliche Vorhang wird als wartungsfrei betrachtet. Entsprechend kommt man an sie von innen nicht heran. Als die kritischste Einheit gilt der Storenmotor. Dieser ist zugänglich über eine Revisionsöffnung, die in den Bürobereichen oberhalb der abgehängten Decke liegt. Um einen Eintrag von Schmutz und Feuchtigkeit durch unvermeidliche Spalte in den gläsernen Zwischenbereich zu verhindern, wird über eine permanente Luftzufuhr ein leichter Überdruck in diese Fassadenkästen gepumpt. Sollte einmal das Stor seinen Dienst versagen, muss dieser von außen getauscht werden. Hierfür ist die Fassadenbefahranlage mit entsprechenden Glassaugern ausgestattet. Die äußere Scheibe wird aus den Dichtungen herausgeschnitten und nach der Reparatur wieder eingepasst. Der Hersteller der CCF- Konstruktion hat belegt, dass diese erhöhten Wartungskosten verhältnismäßig weit unter den erforderlichen Mehrkosten für eine Mechanik einzeln zu öffnender Fassadenmodule liegen.
Interiority
Mit diesem Begriff umschreibt Wiel Arets sein Bestreben, mit der Hülle eines Bauwerkes ein ikonenhaftes Zeichen zu setzen, dabei jedoch die inneren Grundrisse nicht allein dieser Figur pragmatisch unterzuordnen. Er will ein „Plus“ schaffen mit Räumen, die „mehr“ können. So wurde in dem homogenen Äußeren ein bemerkenswert vielfältiges Raumprogramm untergebracht. Es gibt eine 500-Personen- Kantine im 5. OG mit angeschlossener Dachterrasse. Die bis zu 8 m breiten Brücken sind Standorte von gemütlichen Lounges. Im Erdgeschoss befinden sich ein halböffentlicher Veranstaltungssaal und eine Kindertagesstätte. Zudem weist der Gebäudekomplex einen ausgedehnten Kongressbereich und verschiedene ebenerdige Ladenlokale entlang des Vorplatzes auf. Die Großraumbüros der Mitarbeiter sind intern über so genannte, einläufige „Void“-Treppen miteinander verbunden. Die Planer wollen so eine neue Bürokultur des Miteinanders, des raschen Austauschs und der kurzen Wege schaffen.
Daoismus der Fassade
Insbesondere in der fernöstlichen Baukunst betrachtet man Architektur als gelungen, wenn man Gegensätze stimmig miteinander kombiniert. Oft findet man unbehandeltes Holz im Kontext von streng geometrischen Konstruktionen. Auch hier haben die Architekten ganz bewusst die textile Gardine als Kontrast zu den harten Kanten der äußeren Glassilhouette gewählt. Tatsächlich ist dieser „Yin & Yang“-Aspekt mehr als originelles Detail: Er wirkt nicht nur überaus stimmig, sondern auch in einem harmonischen Sinne sehr einladend.
Robert Mehl, Aachen