Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Typ:
Bundesverband
Ort:
Darmstadt [Satellit]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Frank Singhoff 🔗 (Mitglied)
Materialien:
Stahl
Publiziert:
metallbau 9/2023
Seiten:
12 - 13
Inhalt:
[Artikel]      
 

Bundesverband Wintergarten e.V.

Zertifizierter Wintergartenbau

Der Bundesverband Wintergarten e.V. will das handwerkliche Knowhow in den Handwerksbetrieben zur Planung, zur Konstruktion und zum Bau von Wintergärten nach den anerkannten Regeln der Bautechnik fördern. Dazu hat dieser ein vierstufiges Qualifizierungssystem entwickelt, das von Mitgliedsbetrieben des Verbandes wahrgenommen werden kann.
Es setzt sich aus folgenden Modulen zusammen:
Q1 – Systemprüfung
Hier handelt es sich um eine vom PIV, dem Prüfinstitut Schlösser und Beschläge in Velbert, durchgeführten grundsätzlichen Test des Wintergartensystems etwa auf Schlagregendichtigkeit und Windlast. Auf Funktionalität geprüft werden die Profile, Glashalteleisten etc., die von einem Systemanbieter bereitgestellt und die von dem Handwerksbetrieb verarbeitet werden. Ist dieser Betrieb selber ein Systemanbieter muss er dieses auf Eignung prüfen lassen, anderweitig kann er einfach die vorliegende Zertifizierungsstufe Q1 von seinem Lieferanten übernehmen.
Q2 – Schulung zur Planung
Die zweite Zertifizierungsstufe nimmt einen Tag in Anspruch und wendet sich direkt an den ausführenden Handwerker, der allerdings bestimmte Voraussetzungen (Gesellen- oder Meisterbrief) erbringen muss. Im Rahmen dieser Schulung lernt er das wichtigste, was er in der Planung zu beachten hat. Dr. Uwe Arndt, der Pressesprecher des Berufverbandes Wintergarten e.V, weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass etliche Gewerke in einem Wintergartenprojekt zusammenlaufen, die aber meist von einem Betrieb alleine ausgeführt bzw. in der Ausführung bedacht werden müssen. Es handelt sich dabei vor allem um die Bereiche Verglasung (mit oder ohne Sonnenschutz), Rohbau (Fundament), Innenausbau (Fußboden), Haustechnik (TGA- Anschluss, Elektrik, eventuell noch Heizung). Darüber hinaus wird Wissen um die Fachplanung und um die u. U. erforderliche Baugenehmigung vermittelt.
Q3 – Fertigung
Mit dieser Zertifizierungsstufe wird das Vorhandensein und das Einhalten aller relevanten Normen und Voraussetzungen durch den Betrieb dokumentiert. Denn grundsätzlich werden die Bestandteile eines Wintergartens in der Werkstatt eines Betriebes für die individuelle Montage vorbereitet – also etwa die Profile auf das erforderliche Maß abgelängt, eventuell auf Gehrung geschnitten sowie viele weitere vorbereitende Maßnahmen getätigt. Mit der Stufe Q3 weist der Betrieb nach, dass er dazu fähig ist.
Q4 – Montageschulung
Auch diese Zertifizierungsstufe ist eine eintägige Schulung, bei der der einzelne Handwerker lernt, wie er das jeweilige System zu verarbeiten hat. Es ist also untrennbar mit der ersten Stufe verbunden, aber natürlich kann sich über diese Schulung dieselbe Person an beliebig vielen Systemen schulen und zertifizieren lassen. In diesem Zusammenhang stellt Dr. Arndt wichtig fest, dass die Stufen Q2 und Q4 personengebunden sind. Verlässt ein zertifizierter Handwerker einen Betrieb, verliert dieser das Prädikat, während der neue Arbeitgeber das Prädikat dann für sich in Anspruch nehmen kann.
Warum überhaupt zertifizieren?
Bei dem von dem Bundesverband Wintergarten e.V. vergebenen Prüfsiegel handelt es sich um ein Eigenzertifikat, das keine Alternative zu der verpflichtenden EN 1090 oder einen Baustein derselben darstellt. Der Verband hat insbesondere die Schulungen eingeführt, da grundsätzlich jeder metallverarbeitende Handwerksbetrieb einen entsprechenden Kenntnisstand vorweisen müsste, sich dieser aber durch jahrelange, anderweitige Produktorientierung (etwa: Fensterbau) verwässert haben könnte. Insofern macht aus Sicht von Dr. Arndt eine auffrischende Zertifizierung durchaus Sinn, zumal seiner Erfahrung nach ein Verbandsmitglied erst dann im Verband vorspricht, wenn es eigentlich schon zu spät ist: Wenn nämlich durch Wissen vermeidbare Bauschäden eingetreten sind.
Noch einmal weist er auf den modularen Charakter des Zertifizierungssystems hin: So kann ein ausführender Beitrieb die Bausteine Q1, Q2 und Q3 über seinen Systemgeber beziehen und muss lediglich den Baustein Q4 nachweisen, um voll durchzertifiziert zu sein. Und ein mittelständischer Betrieb, der sein eigenes System verarbeitet, kann ohne allzu großen Aufwand das komplette Siegel erwerben. Sinn und Zweck ist eine nachvollziehbare Qualitätssicherung, die über das Prüfsiegel an den Verbraucher kommuniziert werden kann und dieser dann weiß, dass er eine gesicherte Qualität erwirbt.
Teilnehmer sind begeistert
Frank Singhoff ist zusammen mit seinem Bruder Thomas Geschäftsführer der Raunheimer Singhoff GmbH und nahm im Frühsommer 2023 sowohl an einem Zertifizierungsseminar der Stufe "Q2 – Planung" wie auch der Stufe "Q4 – Montage" teil. Er nahm zudem aus seinem Betrieb noch einen erfahrenen Meister mit, der ebenfalls die Zertifizierung Q4 besuchte und künftig das hier vermittelte Fachwissen im Betrieb unmittelbar umsetzen soll. Ausgerichtet wurden die beiden jeweils eintägigen, unmittelbar aufeinander folgenden Zertifizierungsseminare von der Sinsheimer Alfred Bohn GmbH in einem dortigen Hotel. Singhoff betont, dass dies keine Verkaufsveranstaltung von al bohn war, es viel mehr um theoretisches Basiswissen ging, das systemunabhängig bei jedem Wintergartenprojekt zu beachten sei. So verarbeitet sein eigener Betrieb etwa exklusiv Solarlux- Produkte.
Bewusst hat er auch sowohl an dem Planungs- wie auch an dem Monatageseminar teilgenommen, da ihn persönlich interessierte, worin diese sich unterscheiden. Bei letzterem geht es eben nicht um die konkrete Ausführung in einem bestimmten System, sondern um die "Montagetheorie".
Da sehr viele Punkte angesprochen wurden, die tatsächlich wichtig sind, und die man aber oft selbst gar nicht "auf dem Schirm hat", fand er beide Veranstaltungen ausgesprochen interessant und lehrreich. Tatsächlich hat er einige Anregungen daraus mitgenommen, die er kurzfristig innerbetrieblich umsetzen will. Konkret betrifft das die Baustellendokumentation, die Auftragsabnahme, aber auch allgemeingültige bautechnische Fragestellungen wie eine korrekte Befestigung am Gebäude, die Bewertung von Bodenplatten, die Abdichtung und statische Grundkenntnisse. Hier will er die in den Seminaren geschilderten Fehlerquellen künftig konsequent in seinem Betrieb vermeiden.
Seminar für Sommer- und Wintergärten?
Das Seminar richtete sich an Betriebe, die sowohl Kaltwintergärten, als auch Ganzjahreswintergärten konstruieren. Erstere werden seit einigen Jahren als Sommergärten angesprochen, die Zweiten nur noch als Wintergärten. Spricht man also aktuell von einem Wintergarten, dann ist in der Regel ein thermisch getrennter und beheizbarer Wohnraum gemeint.
Ein wichtiger Punkt bei beiden Gartenarten ist der Umgang mit der unvermeidlichen Tauwasserbildung sowie eine saubere Abdichtung. Ein relevanter Punkt, der angesprochen wurde, war die Sicherstellung eines ausreichenden Luftwechsels. Für alle Wintergartenarten gilt die richtige Prüfung und Vorbereitung der Fundamente und eine korrekte Festlegung der Befestigungspunkte am Bestand (mehr als 90 % aller Wintergärten sind Bestandsergänzungen).
Prüfungsfreies Seminar
Die Bescheinigung der Teilnahme an den Zertifizierungsseminaren erfolgt mit der Anwesenheit. Jeder Teilnehmer erhält alle Seminarvorträge als PDF- Dateien, um so die Inhalte in Ruhe nachlesen zu können. Zudem waren natürlich Notizen während der Veranstaltung ausdrücklich erwünscht. Singhoff erinnert sich, dass er acht Seiten Mitschrift mit nach Hause nahm. Gleich auf der Heimfahrt habe er mit seinem Meistermonteur das neue Wissen erörtert und vertieft.
Problempunkt Abnahme
Abschließend stellt Frank Singhoff fest, dass das Seminar ihm die Augen geöffnet hat, gerade wenn es um die Baustellenabnahme geht: Es bedeutet eine enorme juristische Absicherung, wenn man nach jedem Verlassen der Baustellen eine Sichtabnahme macht, diese protokolliert und sich optimalerweise vom Bauherren quittieren lässt. Grundsätzlich geht das mit jedem Handy. Denn mit dem Moment der Unterschrift kehrt sich die Beweispflicht um: Vorher muss der Handwerker belegen, dass er beispielsweise die Glasführungsschienen sauber hinterlassen hat, nachher muss der Bauherr belegen, dass er sie dreckig vorgefunden hat. Diese Dokumentation ersetzt nicht die Endabnahme, sie ist lediglich eine grobe optische Sichtprüfung. Leicht vermeiden kann man aber so den Streit um Nebensachen, wie etwa Schmutzeintrag oder verkratzte Scheiben. Oft sind es banale Dinge, um die Ende vor Gericht gestritten wird.
Fazit
Auch wenn das Zertifizierungsseminar nicht die verpflichtende EN 1090 ersetzt, ist eine Teilnahme daran dringend jedem Wintergartenbauer zu empfehlen, der die Seriosität seines Betriebes betonen will!Robert Mehl, Aachen