Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Wolgograd Arena
Typ:
Fußballstadion
Ort:
Wolgograd [Karte]
Staat:
Russische Föderation
Architekt:
gmp Architekten 🔗, Hamburg; pi-arena 🔗, Moskau
Materialien:
Stahl, Betonfertigteile
Publiziert:
SBD 03/2018
Seiten:
64 - 71
Inhalt:
[Artikel]      
 

Wolgograd Arena/RUS

Gewebter Stahl

Anlässlich des kommenden FIFA World Cup in Russland wurde das alte Stadion des FC "Rotor" durch einen Neubau ersetzt. Seine sichtbare Stahlkonstruktion ist gleichzeitig Dachtragwerk und Fassade, weshalb der kompakte Bau kaum mehr Standfläche einnimmt als sein Vorgänger.
Das neue Stadion von Wolgograd liegt knapp 4 km vom Hauptbahnhof entfernt, direkt am Westufer der Wolga. Vom Stadtzentrum gelangt man fußläufig dorthin durch den langgestreckten Zentralpark für Kultur und Erholung, welcher der Arena vorgelagert ist. Landeinwärts, fast unmittelbar hinter der Arena liegt der flache Mamajew- Hügel, mit dem Wahrzeichen der Stadt: Eine 85 m hohe Mutter- Heimat Statue, die an die verheerende Schlacht von Stalingrad, der Namen der Stadt im Zweiten Weltkrieg, mahnt.
Architektur und Ausgangslage
Den international ausgeschriebenen Wettbewerb zum Neubau des Wolgograder Stadion hat das deutsche Architekturbüro gmp gewonnen. Ein Wettbewerbsgewinn birgt aber keinen Rechtsanspruch auf den Bauantrag in sich. Damit wurde das in Moskau ansässige Projektinstitut Pi- Arena durch den Bauherrn, das russische Ministerium für Sport betraut. Dem Autor gegenüber wurde die geistige Urheberschaft nicht eindeutig differenziert, beide Seiten unterstützten die Publikation jedoch umfangreich, weshalb auch beide Büros zu nennen sind.
Der Entwurf überzeugt mit einer netzartigen Stahlkonstruktion, die zum einen das verschließbare Foliendach trägt und mit ihrer Engmaschigkeit eine homogene Silhouette formt, die der Betrachter als rhombenförmig perforierte Fassade wahrnimmt. Bewusst haben die Architekten mit dieser Anmutung Analogien zur russischen Web- und Flechtkunst schaffen wollen. Die ausgesprochen kompakt gehaltene Anlage trägt überdies dem Umstand, dass nur das gut 40 ha große Areal des Vorgängerstadions des dort ansässigen FC "Rotor" zur Verfügung stand.
Im Stahlnetz
Die sichtbare Stahlkonstruktion ist ein auf dem Kopf stehender Kegelstumpf, der an seiner 49,50 m hohen Traufe einen Durchmesser von 290 m aufweist und der von einem inneren und einem äußeren Ringanker zusammengehalten wird. Zwischen diesen spannen radiale Stahlseile, die auch als Führungen für die Segmente des verschließbaren Foliendaches fungieren. Das statische Prinzip ähnelt dem eines Fahrrad- Rades, bei dem außen eine Felge, innen eine Nabe sitzt und das allein über radial in den Speichen verlaufende Zugkräfte stabilisiert wird. So konnte auf äußere Widerlager verzichtet und der Bau in seiner kompakten Form angelegt werden.
Unmittelbar hinter der tragenden Stahlkonstruktion sitzt ein engmaschiges Edelstahlnetz, dem verschiedene Funktionen zukommen: Es dient als Windbrecher als Witterungsschutz für die oberen Tribünenbereiche, deren Zugänge, insbesondere aber für den erhöht angelegten, umlaufenden Zuschauerboulevard. Darüber hinaus erfüllt es als nicht brennbares Material alle für eine nichttragende Fassadenkonstruktion geltende brandschutztechnische Sicherheitsanforderungen, insbesondere für den Fall einer Notfallevakuierung. Schließlich dient es als Reflexionsmedium der beeindruckenden Stadionbeleuchtung, die den Bau nachts wie ein Kristall leuchten lässt.
Der Stadionrohbau besteht aus 8.900 t Stahl, die als reversibel oder temporär angesprochene Seilkonstruktion des Foliendaches aus weiteren 2.900 t. Die Spannweite des Daches schwankt zwischen 45,0 m an den Längs- und 26,5 m an den Stirnseiten, die Dicke der eigentlichen Folienkonstruktion beträgt 3,00 m. Der außen umlaufende Ringanker des spinnennetzartigen Daches ist jedoch keine Seilkonstruktion, sondern ein Bündel aus sechs, heißgezogenen Stahlrohren, die jeweils zwischen den vertikalen Betonstützen der Tribünen verankert sind.
Wellenförmige Tribünen
Insgesamt fasst die neue Wolgograd Arena 45.000 Zuschauer, die auf einem Unter- und einem Oberrang Platz nehmen können. Dazwischen zieht sich auf Höhe des erhöht angelegten Zuschauerumgangs ein zum Spielfeld hin orientiertes, unbeheiztes und weitgehend offenes Foyer. Sowohl die beiden Haupttribünen an den Längsseiten des Spielfeldes, wie auch die beiden Tribünen an den Kopfenden sind geprägt von wellenförmigen Obergangabschlüssen. Immer in Rangmitte reichen die Konstruktionen in Betonfertigteilbauweise sehr nah an das verschließbare Hallendach heran und fallen zu ihren seitlichen Abschlüssen um gut 10 Reihen ab. Diese dynamische Figur bot sich an, da die Ecken von den unvermeidlichen Großbildschirmen dominiert werden, die vom Arenadach herunterhängen. So beeinträchtigen diese nicht die Sicht auf das Spielgeschehen.
Kein Gruppenspiel der Schweiz
Auch wenn es sich bei hierbei sicherlich um eines der schönsten Stadien des diesjährigen Fußball- Großevents handelt, finden hier nur vier Gruppenspiele statt. Und leider ist die Schweiz an keinem von diesen beteiligt.
Robert Mehl, Aachen