Projektart:
Anfrage:
Objekt:
De "Tij" 🔗
Typ:
Vogelobservatorium
Ort:
De Scheelhoek [Karte]
Staat:
Niederlande
Architekt:
RAU Architects 🔗, Amsterdam; Ro&Ad Architects 🔗, Bergen op Zoom
Materialien:
Reetdach, Holztragwerk
Publiziert:
structure 23.05.2019
Seiten:
online
Inhalt:
[Artikel]      
 

Vogelobservatorium bei Rotterdam

Das Ei des Zollinger

Westlich von Rotterdam im Naturschutzgebiet De Scheelhoek wurde eine eiförmige, reetgedeckte Vogelbeobachtungsstation namens "Tij" eröffnet. Die Außenhaut tragende Holzschale orientiert sich an der Bauweise des so genannten Zollingerdaches.
Das Naturschutzgebiet De Scheelhoek liegt am westlichen Ende des Haringvliet, einem, heute durch ein Sperrwerk gesichertes Binnenmeer, das aber zum Mündungssystem des Rheins zählt und quasi dessen mittleren Finger ist. Der Betreiber dieses, "Kierbesluit" genannten Sperrwerkes hat zusammen mit dem niederländischen Vogelschutzverband und der Organisation Natuurmonumenten eine Initiative zur "Bereicherung der Natur" gestartet. Dabei sind an zahlreichen Punkten in dem Naturschutzgebiet Vogelbeobachtungsstationen und Aussichtspunkte vorgesehen.
Einer der ersten davon, der April 2019 eröffnet wurde, ist das Observatorium zur Beobachtung der Großen Seeschwalbe. es wurde von RAU Architekten aus Amsterdam zusammen mit RO & AD Architects aus Bergen op Zoom entworfen.
Verdeckte Annäherung
Um die Vögel nicht aufzuschrecken nähert man sich dem eiförmigen Beobachtungszentrum über einen in den Dünen angelegten und nach oben gedeckelten Graben an. Das Observatorium selber besteht aus einer spiralförmig aufwärts sich schraubenden Ortbetonrampe, von der aus die Besucher durch schmale Öffnungen hindurch auf das Vogelparadies schauen können. Die Außenhaut ist eine selbsttragende Holzkonstruktion in der Bauweise eines Zollingerdaches, die von Außen mit Reet verkleidet ist. Oberhalb des zentralen Rampenauges besitzt das eiförmige Objekt eine offenes Oberlicht, das mit einer Attika aus senkrechten Reethalmen kammartig umfasst ist. Damit betonen die Architekten die Raummitte und leuchten gleichzeitig den Innenraum natürlich aus.
Zollingerdach
Mit dem Begriff wird eine freitragende Dachkonstruktion bezeichnet, die von dem Merseburger Stadtbaurat Friedrich Zollinger zu Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde. Dabei werden in Systembauweise, gleichartige Kanthölzer rautenförmig zu einem Stabnetztragwerk zusammengesetzt und bilden zusammen ein schalenartiges und stützenfreies Dachtragwerk aus. Insbesondere bei den vielfach im Siedlungsbau der Zwischenkriegszeit eingesetzten Spitztonnendächer kam diese Bauweise oft zum Einsatz. Mit dieser war nicht nur eine bessere Raumnutzung möglich, da ein tragender Dachstuhls entfiel, es verringerte sich der Holzbedarf um rd. 40 %. Auch waren nur kurze Bohlstücke und keine langen Pfetten erforderlich, ein Kran wurde dazu nicht benötigt. Deshalb konnten die zukünftigen Bewohner zudem Kosten durch Eigenleistung einsparen.
Modul eines Zollingerdaches ist ein "schiefes Kreuz", bei dem ein Kantholz sich jeweils über zwei Felder erstreckt. Es trifft damit immer auf die Mitte eines benachbarten Kantholzes und bildet so mit den Nachbarelementen die sphärisch gekrümmten und sehr markanten Rauten aus. Insofern ist die Bauweise, des zuletzt hier vorgestellten Frans Masereel Centrum im belgischen Kasterlee dem hiesigen Prinzip nicht unähnlich.
Reversibilität
Das ganze Observatorium kann bei Sturmflutgefahr bis auf seine Fundamente kurzfristig demontiert werden. Seine Außenhaut wurde nach dem "File-to- Factory"-Prinzip in Finnland computergesteuert gefräst. Die rd. 400 Einzelteile der Außenhaut wurden per Schiff angeliefert, wo sie vor Ort zusammengesetzt wurden. Sowohl das modulare Prinzip, wie die Materialwahl folgen den Prinzipien des nachhaltigen Bauens und eines geschlossenen Lebenszyklus'.
Robert Mehl, Aachen
https://www.structure-magazin.de/artikel/das-ei-des-zollinger-vogelobservatorium-bei-rotterdam-34155