Projektart:
Anfrage:
Objekt:
KiTa St. Sebastian
Typ:
Kindertagesstätte
Ort:
Münster [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Bolles + Wilson 🔗, Münster
Materialien:
Kirchenkonversion, Beton, Ziegel
Publiziert:
bhw 01-2/2014
Seiten:
16 - 20
Inhalt:
[Artikel]  [2]      
 

Konversion der Kirche St. Sebastian, Münster

Kirche wird KiTa

Das beständige Schrumpfen der Kirchengemeinden führt zwangsläufig auch zu obsoleten Sakralbauten. Kreative Lösungen sind gefragt, diese Gebäude - überwiegend Solitärbauten - in würdiger Weise neu zu nutzen. In Münster wurde nun eines zu einer Kindertagesstätte umgebaut.
Der Sakralbau von St. Sebastian war im Zuge des Wiederaufbaus nach dem zweiten Weltkrieg errichtet und 1962 eingeweiht worden. Ihr damaliger Architekt Heinz Esser hatte sie als Ovalkirche konzipiert, was in der damaligen Zeit als überaus modern und innovativ galt.
Der allgemeine Rückgang der Gläubigen nimmt auch das katholische Münster nicht aus und machte diese Filialkirche, also eine Nebenkirche einer weiterhin bestehenden Gemeinde, überflüssig. 2008 wurde sie formell entweiht und ein Investorenwettbewerb für eine Kindertagesstätte auf diesem Grundstück ausgeschrieben. Dabei war es den eingeladenen Teilnehmern völlig freigestellt, den Sakralbau zu halten oder diesen abzureißen. Bei den vorgelegten Entwürfen schlugen nur das Büro Bolles + Wilson und ein weiterer Teilnehmer vor, den bestehenden Sakralbau zu erhalten, alle anderen sahen einen kompletten Neubau vor. Der Architekt Peter Wilson gewann das Vergabeverfahren vor allem mit dem Argument, dass der nicht denkmalgeschützte Bau das emotionale Zentrum des Viertels bilde und damit ein wichtiges Identifikationselement sei. Unterstützung fand er auch bei seinem Investor, der Wohn+Stadtbau GmbH, der städtischen Wohnungsbaugesellschaft von Münster, der natürlich die Wahrung des Stadtbildes ein besonderes Anliegen ist.
Die Wandlung
Grundsätzlich galt es eine Kindertagesstätte für fünf Gruppen zu schaffen. Dies war aber keine Neugründung, sondern nur die Fusion zweier bestehender Einheiten. Dies waren der aus drei Gruppen bestehende Pfarrei- Kindergarten der Pfarrei sowie ein naher Kleinkinderhort mit zwei Gruppen.
Auf dem Grundstück befanden sich nicht nur die Kirche und eine baulich daran angeschlossene Sakristei, sondern auch ein eingeschossiges Pfarrzentrum entlang der angrenzenden Hammer Straße, mit erwähntem Kindergarten. Das Büro Bolles + Wilson riss sowohl die Sakristei wie auch das Pfarrheim ab. Den früheren Sakristeidurchgang schlossen die Architekten mit einer großformatigen, weit auskragenden Fensterfigur, die sie kontrastreich mit Zinkblech verkleideten, um so dieses Detail als neue Zutat kenntlich zu machen. Diese Öffnung, sowie ein unweit davon vorhandenes dreieckiges, vormaliges Kirchenfenster und zwei neue Öffnungen, welche die Architekten in das Mauerwerk brechen ließen, bilden nunmehr die Tageslichtöffnungen der Gruppenräume.
Tiefer gelegt
Obwohl von außen nicht ersichtlich, stand der frühere Kirchenbau erhöht auf einem Sockel. Hinein gelangte man über eine flache Rampe und sein nicht unterkellerter Innenraum lag etwa einen Meter oberhalb des Geländes. Zum einen sollte die Kindertagesstätte nun bündig mit dem Erdboden angelegt sein, zum anderen erforderte das gewählte Haus-im- Haus- Konzept einen tragfähigen Untergrund, wofür der des Bestandes nicht ausgelegt war. Die Ausschachtungsarbeiten erfolgten durch die Karl- Heinz Bode GmbH innerhalb des vorhandenen aufgehenden Sockelovals und führten hinab bis zum umlaufenden Streifenfundament. Die Ochtruper Rohbauer legten hier eine 30 cm starke Betonplatte aus wasserundurchlässigem Beton (C30/37) an, die sie zudem noch mit einer aufgelegten Bitumenschweißbahn abdichteten, bevor die Maurer darauf die neuen Einbauten errichteten. Ablesbar sind Ausschachtungsarbeiten an dem alten ehemals dreieckigen und früher einmal fußbodenbündigen Kirchenfenster. Bei der Niveauabsenkung hätte man, unter Weiterführung der seitlichen Fensterleibungsneigung, schräg nach unten die Fundamente abschneiden müssen. Deshalb knickt nunmehr die Öffnung im Sockelbereich vertikal ab und das große, dreiteilige KiTa- Erdgeschossfenster bildet so kein Trapez, sondern ein Sechseck.
Haus im Haus
Wie schon erwähnt sind die innerhalb des Kirchenrundes gelegenen KiTa- Bereiche als vollkommen freistehendes und selbsttragendes Haus-im- Haus angelegt. Entsprechend hat die sichtbare alte Außenschale weder eine statische noch eine wärmedämmende Funktion. Eine 14 cm starke Dämmung aus Mineralwollplatten trennt den Bestand und die Wände der Kindertagesstätte, die massiv in Kalksandstein errichtet wurden. Um möglichst effektiv die vorgegebene Mauerkrümmung zu adaptieren, wählten die Architekten Vollsteine des Formates 3 DF (175/240/113 mm). Die Maurer stellten zunächst die erste Lage der Dämmplatten an die bestehende Wand und mauerten daran ohne eine zusätzliche Luftschicht die neue Kalksandsteinmauer auf. Wenn sie die Dämmplattenoberkante erreichten, stellten sie einfach die nächste Schicht lose darauf.
Auch die Innenwände der Tagesstätte sind traditionell gemauert, denn der zwischen den einzelnen Spielgruppen vorgeschriebene Schallschutz erforderte dies. Innerhalb des Altbaus ist der Kinderhort zweigeschossig. Sein Erdgeschoss nimmt vollständig die alte ovale Grundfläche ein, hier sind drei Gruppen untergebracht, im Obergeschoss wurden Räume für zwei Gruppen angelegt. Die sich so ergebende Restfläche sowie das Flachdach über diesen beiden Gruppenräumen sind eine große Spiel- und Tobefläche für die Kinder. Dabei wurden beide Decken, sowohl die des ersten Obergeschosses als auch die neue Flachdachspielfläche, massiv in Ortbeton betoniert.
„Frei bewitterter Raum“
Markant für die ehemalige Kirche waren die zahllosen kleinen quadratischen Fensteröffnungen, die ihren Innenraum belichteten. Aus diesen entfernten die Architekten das Glas, sicherten es lediglich mit Vogelschutzgittern und schufen so einen „frei bewitterten“ Raum. Hintergrund ist, dass eine Tagesstätte dieser Größe eine gesetzlich geregelte Außenfläche besitzen muss. Bei Erhalt des Kirchenbaus besaß das Baugrundstück die erforderliche Freifläche nicht. Tatsächlich ist diesem ungemein hohen und überaus hellen „Außen“-Raum mit seiner alten, jedoch über 50 cm starken Bestandswand eine ungeahnte thermische Qualität zu eigen. Während im Winter selbst bei tiefen Temperaturen der Spielbereich bei weitem nicht so kalt wird, heizt er sich im Sommer nur langsam auf und kühlt sich nächtens überdies durch den beständigen Luftzug auch gut wieder ab.
Augenfällig ist der grüne Fallschutzboden, ein 4 cm dicker Belag, wie man ihn von Spielplätzen her kennt. Prägnant sind an ihm die Umrisse zweier Füße auf der unteren Spielfläche sowie die zweier Hände auf dem oberen Plateau. Peter Wilson schuf sie als ein formales Spiel mit den Maßstäben und als potenzielle kindliche Inspirationsquelle. Er räumt jedoch mehr amüsiert als desillusioniert ein, dass die Kinder die Bodengrafiken als solche nicht erkennen und auch spielerisch nicht nutzen.
Durch die umlaufend perforierten Außenwände kann natürlich nicht nur frische Luft, sondern auch Niederschlag eindringen. Entsprechend besitzt der geschützte Spielbereich eine interne Drainage. Deren Kapazität entspricht zwar nicht einer regulären Außenentwässerung, reicht jedoch allemal für Schlagregenereignisse und winterliche Flugschneeeinträge aus.
Innenwandflächen
Um die Innenwandflächen des ovalen Zylinders zu gestalten, aber auch um die Akustik gerade von lärmenden Kindern in den Griff zu bekommen, brachten die Architekten graue Akustikplatten daran an. Die so farblich abgesetzten Wandflächen formen stilisierte Tierfiguren, etwa einen Elefanten. Schon bei der Erbauung der Kirche hatte man akustische Maßnahmen gegen den hallenden Effekt ergriffen und den Altarbereich mit einem Spritzputz versehen, den man seinerzeit in dieser Hinsicht für besonders effektiv hielt: Asbest. Seine unerwartete Entdeckung im Zuge der Sanierung und die korrekte Beseitigung bescherten den Architekten und Investoren einige Aufregung und Mehrkosten.
Dach war statisch eine Schale
Um die neuen Spielflächen ausreichend zu belichten, reichten die bestehenden kleinformatigen Fensteröffnungen nicht aus, weshalb die Architekten im vorhandenen Kirchendach zwei große Oberlichtbänder vorsahen. Ein statisches Gutachten stellte jedoch fest, dass die flächigen Holzverschalungen der Ober- und Unterseite der sphärisch gekrümmten Dachfläche ebenfalls statisch wirksam sind. Diese Flächen konnten daher nicht angeschnitten werden, ohne die Tragfähigkeit der in seinen Querschnitten stark reduzierten Dachkonstruktion entscheidend zu schwächen. So war das alte Dach nicht zu halten. Zimmerleute der Heinrich Haveloh GmbH aus Münster ersetzten die vormaligen Fachwerkträger durch 20 cm starke Leimholzbinder, die jedoch genauso auf den alten Auflagerpunkten sitzen. Dies war erforderlich, da der bestehende Rohbau eine reine Betonstützenkonstruktion ist, auf deren Kopfpunkten jeweils die Dachauflager sitzen. Die Zwischenräume zwischen den Vertikalelementen hatte man seinerzeit mit Kalksandstein ausgefacht und davor eine Ziegelvormauerschale gestellt.
Die neuen Querträger hatten die Münsteraner Holzbauer asymmetrisch geformt. Während ihre Unterkante geradlinig angelegt ist, haben sie eine äußere Höhe von 75 cm und einen mittleren Stich von 130 cm. Zwischen den Leimholzelementen spannen sich Koppelpfetten, die mit OSB- Platten beplankt wurden. Diese versiegelten die Zimmerleute mit einer 1,8 mm starken Dampfsperre, während dieselbe auf den Spielflächen unter den Fallschutzböden nur 1,5 mm misst. Um thermische Spannungen oder gar Verformungen an den tragenden Bauteilen des Daches zu minimieren, brachten die Handwerker dort eine 4 cm starke Wärmedämmung auf, um schließlich obenauf eine hellgraue Folienabdichtung als wasserführende Dachhaut zu verlegen.
Die neuen Oberlichter wurden von der Dülmeneer A. Barenbrock GmbH gefertigt. Sie sitzen oberhalb der Dachschalung auf erhabenen Metallrahmen, die seitlich lamellenartige Öffnungen in horizontaler Ausrichtung aufweisen. Sie gewährleisten in Ergänzung zu den Fensteröffnungen die erwähnte „natürliche Bewitterung“ des ehemaligen Kirchenraumes. Transparente Kunststoffdoppelstegplatten, die man tonnenförmig einwölbte, bilden ihren horizontalen Abschluss.
Brandschutz
Tatsächlich reichen die zahlreichen, nunmehr permanent offenen Fensterquadrate und die seitlichen Lichtkuppelluftschlitze auch der Feuerwehr aus, um wie das Schulamt das ehemalige Kirchenraumvolumen als Außenraum einzustufen. Entsprechend stellten die Brandschützer an das geöffnete Volumen keine weiteren Anforderungen. So besitzt es keine Sprinkler- und auch keine weitere Rauchabzugsanlage. Entsprechende mechanische Lüfter, zusätzliche RWA- Klappen und selbst Brandmelder sucht man vergeblich. Es finden sich lediglich in zwei ehemaligen Fenstern kleinere Ventilatoren, die bei sommerlichem Bedarf, etwa bei einer extremen Inversionswetterlage, zugeschaltet werden können, so dass darin die Luft nicht zu sehr „steht“.
II. Bauabschnitt
Auch wenn ein Bestandserhalt im nachhaltigen Sinne einer Life- Cycle- Balance durchweg als günstiger als ein Neubau anzusetzen ist, so ist der Umbau der St. Sebastian- Kirche für die Investoren zunächst einmal teurer. Zur Kompensation dieser Mehrkosten ist nun ein zweiter Bauabschnitt vorgesehen, dessen Realisierung in diesem Winter begonnen hat. Auf der Grundfläche des erwähnten früheren Pfarrzentrums entsteht derzeit eine dreigeschossige Wohnanlage mit 53 Eigentumswohnungen nach dem „Bielefelder Modell“. Das Konzept beruht auf der Schaffung eines größeren, darin integrierten Gemeinschaftsraumes, vorzugsweise mit Café- Charakter. Dieser soll als Ort der Begegnung und der Kommunikation fungieren. Die Investoren setzen vor allem auf die Ansiedlung von jungen Familien und von Senioren. Da der Standort fußläufig von der Münsteraner Innenstadt entfernt ist, wird die Nachfrage sicherlich groß sein.
Robert Mehl, Aachen