Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Ehemaliger Konvent St. Augustin
Typ:
Kloster / Novizengebäude
Ort:
Jerez de la Frontera [Karte]
Staat:
Spanien
Architekt:
A. Martinez, J. Trillo, Sevilla
Materialien:
Stahlträger, Beton, Holz
Publiziert:
DBZ 05/2006
Seiten:
48 - 53
Inhalt:
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Umnutzung eines Konventgebäudes, Jerez/E

Die Ohrfeigenfabrik

Jerez, die andalusische Sherry- Kapitale ist nicht nur reich an Weinkontoren, sondern auch an historischer Bausubstanz. Dieser Überfluss gestattet bei nachrangigen Objekten bemerkenswerte Experimente. Denn die reale Alternative heißt: Abriss.
Der nette Spanier, dem ich ein Bild von dem Neubau zeigte und mich nach dem Weg dorthin erkundigte, schwor, er habe das Gebäude noch nie gesehen. Dabei stand er genauso wie ich in dem Moment unwissend genau davor. Derzeit versteckt sich der nunmehr überformte, ehemalige Novizentrakt des Konventes Sankt Augustin noch hinter der baufälligen Kubatur seines massigen Hauptgebäudes, dem Klaustrum. Erst der zweite Bauabschnitt wird dieses betreffen und die Eingriffe unserer Zeit auch an der Schauseite des Ensembles erfahrbar machen. Sie ist der alten maurischen Zitadelle der Stadt, dem Alcázar zugewandt.
Den Verfall verdankt das ursprünglich als Hospiz im 16. Jahrhundert gegründete Kloster dem Unmut der Bürger, den sie mit diesem Ort verbinden. Während der Franco- Diktatur war hier der lokale Sitz der berüchtigten Guardia Civil, die mit ihren brutalen Verhörmethoden dem Renaissancebau den Ruf einer Ohrfeigenfabrik einbrachte.
In Ermangelung eines geschichtsresistenten Investors sah sich schließlich das Stadtplanungsamt vor die Wahl gestellt, entweder das Ensemble komplett abzureißen oder dort selbst einzuziehen. Vielleicht mag auch die Historie ein Grund für die Bereitschaft der kommunalen Bauherren sein, eine gewisse planerische Rigorosität zuzulassen.
Obwohl der Novizenflügel sich insbesondere von seiner freistehenden Südwestseite als ein monolithischer Neubau präsentiert, so besteht die Fassade in den unteren beiden der drei vorhandenen Stockwerken aus dem nunmehr verputzten Renaissancemauerwerk. Selbst die kleinen Fensteröffnungen, welche zum Schutz vor der großen Sommerhitze mittels der schweren Steinflügel geschlossen werden können, waren im Ursprungsbau ebenso vorhanden wie der Torbogen, der heute als Haupteingang dient.

Raumordnung

Im Erdgeschoss blieb auch im Innern die klassische räumliche Zuordnung erhalten:
So gelangt man durch das Portal zunächst in einen Narthex - eine Vorhalle, welche die gesamte Breitseite des Baues einnimmt. Die für diese Räume so typischen offenen Balkenlagen in der Deckenuntersicht wurden wohl aufgrund ihrer Hinfälligkeit entsorgt und durch Stahlbetonunterzüge im identischen Achsmaß ersetzt.
Über drei Stufen gelangt man hinab auf das Niveau des Kreuzganges. Das Quadrum, nunmehr in seinem Zentrum geschlossen, bildet das Herz des Bauwerkes. Es fungiert als Foyer, Versammlungs- und Ausstellungsbereich, bei dem der ehemalige quadratische Umgang nun den Charakter eines Seitenschiffes erhält. Sicher sind Assoziationen zu sakralen Zentralbauten wie etwa dem Aachener Dom oder San Vitale in Ravenna nicht zufällig. Zum Teil dürfte dies der neuen Lichtführung geschuldet sein, die der Architekt gegenüber der ursprünglichen invertiert hat. Fiel früher das Licht zentral über den Innenhof, das sogenannte Paradies ein, so finden die hellen Strahlen heute ihren Weg durch seitliche Lichtschächte und ein neues Atrium, dass den ehemaligen Nordflügel des ehemaligen Wandelganges einnimmt. Nicht nur über die Lichtschächte, an die in den Obergeschossen auch verschiedene Büroflächen angeschlossen sind, sondern auch verschiedene Wanddurchbrüche im Erdgeschoss schaffen immer wieder Blickbeziehungen in den zentralen Saal. Dies war ein zentrales Anliegen des Architekten, der damit ein offenes und auch im metaphorischen Sinne transparentes Haus erschaffen wollte.

Ergänzung aus Beton

Der Bau besitzt mehrere, in ihrer zeitlosen Eleganz beeindruckende offene Treppenanlagen, die in die Obergeschosse vermitteln. Hier ersetzen nunmehr offene Sichtbetonwandflächen zunehmend den verputzten Mauerbestand, bis schließlich im zweiten Obergeschoss keine Putzfläche mehr existiert. Die Decken aller Geschosse sind ebenfalls in Sichtbeton ausgeführt. Hier war es besonders anspruchsvoll, die Kabeltrassen wie auch die späteren Lampenaussparungen exakt im Vorfeld zu planen und in der Schalung entsprechend vorzusehen.

Konstruktive Besonderheit

Ein besonderes konstruktives Detail findet sich noch einmal im Kreuzgang:
Da die fast 500 Jahre alte Bogenstellung nicht in der Lage war, die statische Last des Neubaus zu tragen, entschloss man sich zu zwei Maßnahmen: Man führte in dem umlaufenden recht maroden Sandsteingewände Kernbohrungen oberhalb der Marmorsäulen durch und senkte diese bis auf die Kapitelle ab. Anschließend wurden diese mit hochfestem Beton kraftschlüssig verfüllt. Darüber hinaus errichtete man acht tragende Stahlstützen; zwei in jedem Flügel des Kreuzganges. Sie tragen 85 % der gesamten Auflast, während nur 15 % über alle Marmorsäulen abgeführt werden. Drei Paare wurden jeweils mit Querträgern und einer massiven eingeschweißten Platte zu torsionssteifen Feldern ausgesteift, das letzte Paar wurde dagegen in die Außenfassade zum neuen Atrium integriert. Besonders sinnlich ist die zusätzliche Funktion eines Möbels, die den edelstahlverkleideten Stützen zukommt: Ergänzt durch eine horizontale Platte in kommoder Tresenhöhe, mutieren die eigentlich ungeliebten Trageinheiten zu ästhetischen Präsentationsflächen oder zu betörenden Gedankenstützen, auf die gelehnt man trefflich über Schönheit des Raumes sinnieren kann.
Robert Mehl, Aachen