Projektart:
Anfrage:
Objekt:
SmartCity
Typ:
Mittelschule
Ort:
Staat:
Österreich
Architekt:
Materialien:
Betonfertigteile, Stahlfensterprofile
Publiziert:
Beton Bauteile 2021
Seiten:
40 - 45
Inhalt:
[Artikel]  [2]      
 

SmartCity- Volksschule, Graz/A

Beton um die Ecke gedacht

Derzeit entsteht am Rande der Grazer Innenstadt die nachhaltig angelegte „SmartCity. Zu ihr gehört eine 2019 fertig gestellte Volksschule. Sie verfügt über eine anthrazitfarbene Architekturbetonfassade mit gewaschenen Oberflächen, die besondere Fensterlaibungen aufweisen.
Die Wettbewerbsauflagen für die Volksschule der Grazer SmartCity stellten eine besondere Herausforderung dar: Neben den generellen Auflagen an das Quartier, eine nachhaltige und ressourcenschonende Bebauung zu schaffen, war bei diesem Grundstück straßenseitig eine für Volksschulen unübliche viergeschossige Bebauung zu entwickeln. Zweifellos steht diese städtebaulich begründete Bedingung weitgehend der aktuellen pädagogischen Auffassung entgegen. Diese präferiert, insbesondere bei Grundschulen, kleinteilige, bodennahe Unterrichtsorte, die vorzugsweise von Grünflächen umgeben sind. Darüber hinaus war die Gewinnerin, die Wiener Architektin Alexa Zahn, bestrebt, eine zeitlose Architektur zu schaffen, die nicht abweisend, sondern vor allen Dingen auf Kinder freundlich wirkt. Die Jury des 2015 durchgeführten Wettbewerbs entschied sich für die Arbeit der Architektin Zahn insbesondere aufgrund ihres Vorschlags, den Haupteingang des Schulzentrums in Form eines der Straße zugewandten, wettergeschützten Vorplatzes zu realisieren. Dazu lässt sie die untersten beiden Geschosse des straßenbegleitenden Gebäuderiegels im mittleren Bereich um fast 20 m zurückspringen, führt jedoch die beiden oberen Ebenen gerade darüber hinweg. Auf der rückwärtigen, nach Westen orientierten Gebäudeseite legt sie hingegen eine von zahlreichen Gebäudeversprüngen geprägte, weiche Raumkante an. Hier finden sich zahlreiche Dachterrassen, die auch in den Obergeschossen einen unmittelbaren Außenraumzugang ermöglichen.
Wunsch nach Flexibilität
Schon in ihren Wettbewerbserläuterungen führte die Planerin die hohe Flexibilität ihres Entwurfes als eine zusätzliche gestalterische Qualität an. Alexa Zahn zieht hier eine Parallele zur gründerzeitlichen Architektur. Ihrer Auffassung nach ist diese bis heute so beliebt, da sie auch leicht umzunutzen ist. Deshalb ließ sie den Rohbau der SmartCity- Volksschule, ausgeführt durch die Grazer Granit GmbH, nicht mit tragenden Wänden anlegen, sondern als Betonskelettbau mit eingestellten Rundsäulen. Dies ist eine Bauweise, die man bei Bürogebäuden findet und der eine hohe Flexibilität innewohnt.
Eine viergeschossige Bauweise birgt in sich eine gewisse architektonische Strenge, die die Planerin mittels der anthrazitfarben durchgefärbten Betonfertigteilfassade zu brechen suchte. Gemäß der Ausschreibung sollte diese einen Pigmentanteil von 7 % enthalten, dank der hohen Färbkraft der Produkte des Herstellers Bayferox verringerte man diesen Anteil jedoch einvernehmlich auf 5 %.
Scharfes Detail
Das Baustoff- und Fertigteilwerk Cerne GmbH aus Feldkirchen in Kärnten produzierte alle Elemente der Vorhangfassade durchweg mit einer Wanddicke von 12 cm. Dabei variierten die Formate zwischen 4,50 m x 3,30 m und 3,00 m x 1,00 m. Alle Elemente wurden einschalig ausgeführt, die Gebäudedämmung erfolgte klassisch mit einer auf dem Rohbau angebrachten Mineralwolldämmung.
Bewusst hat die Architektin die Fassade mit wechselnden Elementgrößen und einem sich damit ergebenden verspringenden Fugenspiel beleben wollen, weshalb ihr eine Scharfkantigkeit der Betonbauteile wichtig war. „Nicht gebrochene Betonkanten sehen immer etwas abgenagt aus!“, stellt David Hebenstreit fest, der projektverantwortliche Ingenieur bei der Cerne GmbH. Standardmäßig beginnen Dreiecksleistensortimente erst ab einer Kantenlänge von 7 mm; dem Unternehmen gelang es jedoch, 5 mm x 5 mm große Kunststoffleisten zu beziehen und zu verarbeiten. Diese besitzen materialbedingt zudem den Vorteil einer gewissen Wiederverwendbarkeit, die immerhin für jeweils rd. 10 Betonagen bei insgesamt 290 Fertigteilen reichte, die hier verbaut wurden und zusammen eine Fassadenfläche von knapp 2.000 m² bilden – eine spürbare Materialeinsparung.
Beton, der sich gewaschen hat
Die Oberflächen aller knapp 300 Elemente wurden teilweise grob, teilweise fein gewaschen oder mit Quartzsand abgestrahlt. Dadurch ergaben sich unterschiedlich mattierte, das Licht irrisierend reflektierende Oberflächen. Je nachdem, ob die Fassade trocken oder durchnässt ist oder je nach Sonnenstand, wechselt der Anthrazitton und belebt die Fassade der neuen Volksschule in augenfälliger Weise. Dabei besteht der Unterschied zwischen grob- und feingewaschen letztlich in der Wahl eines unterschiedlichen Reaktionsverzögerers, der vor der Betonage auf die Innenseite der entsprechenden Schalungsfläche aufgebracht wird. Die Chemikalien verzögern ein Betonaushärten in unterschiedlichen Tiefen. Die Nacharbeiten unterscheiden sich in beiden Verfahren jedoch nicht: Nach 12 - 16 Stunden wird der nicht erhärtete Beton mittels Dampfstrahler bei identischem Wasserdruck von Hand ausgewaschen. Hierbei legte das Betonwerk Cerne Wert darauf, dass dieser Arbeitsschritt möglichst immer von dem gleichen Techniker vorgenommen wurde, um eine einheitliche „Handschrift“ zu erreichen.
Anbetonierte Fensterlaibungen
Um bei den Fenster- und Türlaibungen zu vermeiden, dass diese – wie bei Vorhangfassaden üblich – mit Verblechungen geschlossen werden, entwickelte man ein besonderes Betondetail: So betonierte man in den liegenden Stahlschalungen zunächst das 12 cm dicke Wandelement samt der entsprechenden Öffnungsaussparung. Anschließend ließ man den Beton anstocken und legte auf die teigartige Masse im Bereich der zukünftigen Fensterlaibung eine zusätzliche Aufschalung aus Spezialholz. So schuf man ein Rechteck mit einer zusätzlichen Höhe von 10 cm, dessen die künftige Öffnung umlaufende Breite ebenfalls 10 cm betrug. Hierein füllte man nun weiteren Beton ein. Essentiell war die teigartige Konsistenz der unteren Betonschicht, da nur so ein fugenloser Übergang von der Wandfläche auf den Laibungsquader zu erzielen war. Vor der Betonage der Laibungen wurden auch deren Innenschalungen – die späteren Ansichtsflächen – mit Betonverzögerer behandelt. So konnten diese nach dem Ausschalen zusammen mit der jeweiligen Hauptwandfläche grob- bzw. feingewaschen werden.
Die Krönung
Die Vorhangfassade aus Betonfertigteilen wurde am Rohbau mittels eines Ankerschienensystems der Wilhelm Modersohn GmbH aus Spenge befestigt. Zusammen mit dem Betonwerk Cerne erarbeitete der Zulieferer maßgeschneiderte Detaillösungen aus Edelstahl, die vor der Betonage in die Schalung präzise eingelegt wurden.
Auch im Bereich des Dachanschlusses, dort wo die Fassade eine Attika ausbildend in das Flachdach übergeht, sind die Betontechniker vom Betonwerk Cerne „auf Kante gefahren“. So wurden auch hier die horizontalen Fertigteilkanten mit 5 mm- Dreiecksleisten gebrochen und oben auf nur noch eine dünne Verblechung gelegt.
Ausblick
Nach der Vollendung der Volksschule im Jahr 2019 steht nunmehr der zweite Bauabschnitt des SmartCity- Schulzentrums mit dem Bau einer Mittelschule an. Auch bei dieser wird mit 12 Klassen mit jeweils 25 Schülern kalkuliert; insgesamt werden die Schule ungefähr 300 Kinder besuchen. Erst mit diesem Bau wird der eingangs erwähnte wettergeschützte Vorplatz an der Waagner- Biro- Straße entstehen. Den Anschluss, an dem künftig die dazugehörige zweigeschossige Gebäudebrücke an der Volksschule ansetzen wird, erkennt man derweil schon jetzt: Es ist die einzige geschlossene Außenwandputzfläche am gesamten Bauwerk.
Robert Mehl, Aachen
http://www.bft-international.com