Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Schönbuchturm
Typ:
Aussichtsturm
Ort:
Naturpark Schönbuch / Herrenberg [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Materialien:
Holzpfähle, Stahl
Publiziert:
structure 30.08.2018
Seiten:
online
Inhalt:
[Artikel]      
 

Aussichtsturm Naturpark Schönbuch

Fast ein Fuller im Forst

Im Naturpark Schönbuch besticht ein materialreduzierter 35 m hoher Aussichtsturm mit seiner auch formal eindeutigen Bauteiltrennung für Druck- und Zugkräfte. Seine Außenhaut formt ein hyperbolisches Paraboloid, die Konstruktion atmet den Geist von Buckminster Fuller.
Der Naturpark Schönbuch bei Herrenberg mag kein Ort sein, an dem man Offenbarungen der Ingenieurskunst erwartet, doch genau deswegen könnte sich ein Ausflug dorthin beziehungsweise zu dessen neuem Aussichtsturm lohnen. Dabei geht es weniger um das nicht unattraktive Panorama der Schwäbischen Alb, als vielmehr um den Turm selber.
Das bekannte Stuttgarter Ingenieurbüro schlaich bergermann partner zeichnet bei diesem Projekt nicht nur für die Statik, sondern auch für den Entwurf verantwortlich. Auch wenn es aufgrund der extrem symmetrischen Kameraposition so nicht erscheint, besteht sein Tragwerk tatsächlich aus acht Holzmasten, die drei runde Aussichtsplattformen und zwei spiralförmig zu diesen aufschließende Stahlprofil- Spiraltreppen tragen. Die wie Mikadostäbe kurz vor dem Fall wirkenden Masten bestehen aus im Naturpark geschlagenen Lärchen, was den Bezug zur umgebenen Landschaft noch einmal betont; sie nehmen ausschließlich und momentenfrei Druckkräfte auf. Die Zugkräfte werden über das außenliegende, filigrane Stahlseilnetz abgeführt, das die erwähnte Form eines hyberbolischen Paraboloids einnimmt. Seine dreidimensionale Anlage führt dabei nicht nur die aus der Konstruktion resultierenden Zugkräfte in Ankerfundamente am Boden ab, es wirkt auch effektiv gegen etwa aus Seitenwinden resultierende Querkräfte, die auf einem 580 m über N.N. verlaufenden Höhenzug wie dem Stellberg nicht selten auftreten.
Spannungsreich und wartungsfreundlich
Die Plattformen sind sowohl an den Masten wie am Seilnetz befestigt. Konstruktiver Holzschutz, insbesondere im Bereich des Hirnholzes an den Maststößen, soll für eine lange Lebensdauer derselben sorgen. Durch eine wartungsfreundliche Detaillierung sind die Stützen vergleichsweise leicht austauschbar, erforderliche Instandhaltungsarbeiten bleiben so finanziell überschaubar. So können die Mastelemente zwischen zwei Plattformen mit Hilfe von Pressen entlastet und ohne eine weitere Turmsicherung ausgewechselt werden. Die Teilmaste sind außerdem leichter zu transportieren. Bei der Gründung war zu beachten, dass der Stellberg aus einer Erd- und Mülldeponie entstanden ist. Erwartbare Altlasten ließen keine Durchteufung zu, weshalb der Turm eine Flachgründung ist und die entnommene Bodenmasse dem Bauwerkgewicht entspricht.
Buckminster Fuller lässt grüßen
Auch wenn die zur ihrer Spitze hin auseinanderstrebenden Masten keine ikonografische Figur des großen Ingenieurs sind, erinnert die strikte Zerlegung eines Raumtragwerks in schlanke Druckstäbe und dünne, aber unter hoher Spannung stehende Zugseile an Buckminster Fullers Schaffen. Zweifellos wäre der elegante Baukörper seiner würdig.
Robert Mehl, Aachen
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