Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Phaeno Science Center
Typ:
Ausstellungsgebäude
Ort:
Wolfsburg [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Zaha M. Hadid † 🔗, London
Materialien:
Beton, Betonfertigteile
Publiziert:
Beton + Fertigteiljahrbuch 2007
Seiten:
8 - 12
Inhalt:
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Das Phaeno in Wolfsburg

Außerirdisch intelligent

Das neue Science Center in Wolfsburg bildet nicht nur städtebaulich im wahrsten Sinne des Wortes den Übergang von der besucherträchtigen "Autostadt" des Volkswagen Konzerns zum Zentrum der niedersächsischen Industriestadt. Gleichzeitig ist es die Schwelle zu einer neuen Fertigteilästhetik.
"Raumschiff" Phaeno. Unweigerlich drängt sich dieser Vergleich bei der Annäherung an dieses Gebäude auf. Ein wenig scheint es über dem Boden zu schweben und die Erdoberfläche mit dem Druck seiner Landungsdüsen zur Seite zu drängen, auf dass die urbane Tektonik sich bugwellengleich auftürmt. Der benachbarte Hauptbahnhof, obwohl akkurat in aktueller DB- Ästhetik aufgehübscht vermag dieser formalen Kraft nichts entgegenzusetzen: Er verblasst in Bedeutungslosigkeit.
Unterwandert man nun dieses fremdartige Objekt, so gelangt man in die so genannte Conehall aus aufwändig geschaltem Ortbeton. Tatsächlich besitzen die acht "Hörnchen"-Kerne, die das Gebäude tragen, eine konische, sich nach unten verjüngende Ausprägung, die entfernt an den Strahl eines Düsentriebwerkes erinnern mögen.
Faszinierend ist die Untersicht des Bauwerkes: In die Decke eingelassene opake Lichtelemente illuminieren den Raum. Mit ihrer rechteckigen Form und ihren abgerundeten Ecken inszenieren diese einmal mehr eine interstellare Ästhetik. Man fühlt sich an so manches Science- Fiction- Epos erinnert, in dem das filmische Auge im Nahflug einen gigantischen Sternenzerstörer passiert.
Errichtet über einem fast dreieckigen Grundriss formt der Körper einen spitzwinkligen Bug aus, der in Richtung des Bahnhofes weist, während das Heck des Bauwerkes durch eine Brücke geradlinig abgeschlossen wird, die von der Innenstadt über die Bahngleise und den Mittellandkanal hinweg unmittelbar in das architektonische Herz des übermächtigen Autokonzerns führt.

Die Fertigteilfassade

Während Bug und Heck ebenfalls in Ortbeton errichtet wurden, so wurde die südliche Flanke des Bauwerkes und mithin die eigentliche Eingangsfront in Betonfertigteilen errichtet. Auch hier dominiert wieder ein galaktischer Duktus in Form von rhombenartigen Fenstern und kassettenartigen Vertiefungen, mit charakteristisch abgerundeten Ecken.
Die serielle Herstellung, eigentlich der große Vorteil von Fertigteilen, hatte bei dem Objekt keinerlei Bedeutung; es waren rein gestalterische Erwägungen: Keines der 39 Elemente entspricht einem anderen. Dabei markieren die offensichtlichen Fugen in dem um exakt 52,116° geneigten Verband mitnichten die tatsächlichen Bauteilgrenzen. Insbesondere in den oberen Randbereichen wurden mehrere Felder über die Schattenfuge hinweg aus konstruktiven Gründen zusammengefasst.
Die 20 cm starken Betonfertigteile wurden aus einem herkömmlichen, normal armierten B 55 von der Firma Eudur in Herzebrock hergestellt. Allein durch die sorgfältige Produktion konnten die hohen Oberflächenanforderungen der Architekten vollkommen befriedigt werden. Die Kanten wurden mit einer minimalen Fase von 5 mm in der Diagonalen hergestellt. Eine besondere Herausforderung stellten dabei die teilweise sehr großen, räumlich ausgeformten Bauteile dar: Eines der größten Elemente befindet sich in dem Knick, wo die Gebäudeflanke in die Bugspitze übergeht. Das Fertigteil wurde in zwei Schritten hergestellt: Zunächst wurde ein Schenkel gegossen. Sobald die Betonmasse desselben stockte, wurde der Tisch soweit verschwenkt, dass der andere Schenkel in eine horizontale Position kam. Nun wurde an den ersten Abschnitt anbetoniert.
Die Hohlkörper für die 2,5 cm tiefen Kassetten, wie auch für die Fensteröffnungen wurden von einer Tischlerei aus imprägniertem Sperrholz produziert. Es war die präziseste Form, die Radienvorgaben von 10 cm für spitze und 25 cm für stumpfe Winkel exakt umzusetzen.
Mittels eines speziellen Ankersystems aus rostfreiem V4A- Stahl wurden die bis zu 6 x 4 m großen und bis zu 10 t schweren Betonelemente an der tragenden Stahlunterkonstruktion befestigt. Sie besteht aus einer klassisch-senkrechten Ständerkonstruktion, die geschickt zwischen den zahlreichen Fensteröffnungen errichtet wurde. Verbunden wurde diese mit "horizontalen" Bindern, die jedoch der Fugenneigung des Fertigteilverbandes folgen. Das Befestigungssystem besteht aus zwei Bauteilen: Einer justierbaren Aufhängeeinheit sowie einem höhenverstellbaren Abstandhalter. Die aufwändige Konstruktion schafft einen 8 cm breiten Spalt zwischen der Tragkonstruktion und den Fassadenelementen. Er dient der Aufnahme einer Mineraldämmung und einer Dampfsperre. Eine Gipskartonbeplankung schließt schließlich von innen die Wand ab.

Das Innenleben

Das Gebäude betritt man durch ein mittleres Cone: Elegant teilt sich eine windschiefe Schiebetür und fährt zur Seite. Dahinter findet sich ein kleines Foyer, aus dem über eine lange Rolltreppe der Besucher in das Hauptvolumen transportiert wird. Wird man nun viele kleine "space-ige" Räume und Gänge erwartet haben, so wird man enttäuscht sein: Letztendlich umfasst die Hülle des Science Centers ein einzigen großes Volumen, das durch amorphe Erhebungen und Senken gegliedert wird: Den Ausstellungsbereich, in dem zahllose meist physikalische Versuchsaufbauten zum Anfassen und Mitmachen aufgebaut sind. Sie vermitteln einen faszinierenden und oft unerwarteten Eindruck von den Regeln und den Möglichkeiten unserer Naturgesetze.
Prosaisch konstruktiv betrachtet, handelt es sich bei dem Bau um eine aufgeständerte, trogartige Betonkonstruktion, auf der ein Leichtbaudach mit einer offenen Stahlskelettunterkonstruktion ruht.
Tatsächlich bemerkenswert ist die gestalterische Kraft, die diese Raumlandschaft besitzt. Eine Ästhetik, die es vermag, dieses in der Dimension hangarartige Volumen gleichzeitig zu zeigen und ihm sofort die Bedrückung der Leere zu nehmen. So entpuppt sich das, was sich von außen ausnimmt wie ein fiktives Raumschiff von innen als ein wahres Raumwunder.
Robert Mehl, Aachen