Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Neues Gymnasium
Typ:
Schulgebäude
Ort:
Bochum [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Materialien:
Stahl, Glas, Trockenbau
Publiziert:
SBD 01/2018
Seiten:
50 - 57
Inhalt:
[Artikel]      
 

"Neues Gymnasium" Bochum

Didaktik und Raum

Mit dem "Neuen Gymnasium" wurde in Bochum eine weiterführende Schule geschaffen, deren Architektur sich an dem didaktischen Konzept eines kooperativen Unterrichts orientiert. Die zwei ringförmigen, jedoch ineinandergreifenden Gebäudeteile symbolisieren die Fusion aus zwei zuvor unabhängigen Gymnasien.
"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen." Dieser erste Satz der Menschenrechtsdeklaration der Vereinigten Nationen steht in deutscher, englischer und in lateinischer Sprache als Inschrift auf der Fassade des als Europaschule ausgewiesenen "Neuen Gymnasiums" in Bochum. Die als Neuinterpretation antiker Gebäudeinschriften in punktförmig gerasterten, gelben Buchstaben gehaltenen Sätze finden sich auf den durchlaufenden Fensterbrüstungen der drei Geschosse.
Orientierung im Gebäude
Betritt man das Gebäude über seinen Haupteingang an der Querenburger Straße, gelangt man schnell in ein gebäudehohes Foyer, das in 12 m Höhe von transparenten ETFE- Luftkissen bedeckt wird. Das halböffentliche Volumen bildet auch nach Schulschluss das emotionale Epizentrum der Schulgemeinschaft; eine Aneignung durch die Schüler ist ausdrücklich erwünscht. Kurze Wege führen von hier zur Aula, zum Schülercafé, zu den Räumen der Schülerzeitung oder etwa zum "Selbstlernzentrum".
Die eigentlichen Unterrichtsräume finden sich im hinteren Gebäudeteil, dem östlichen Ring, viele davon orientieren sich auf einen introvertierten Innenhof, der von einer Wasserfläche dominiert wird. Während im EG der Ganztagsbereich und die musischen Fächer angeordnet sind, wurden in den beiden Obergeschossen des hinteren Teils die Klassenräume der beiden Sekundarstufen untergebracht. Die naturwissenschaftlichen Unterrichtsräume schließen im 2.OG an. Die noch im Ostflügel platzierte Biologie bildet den Übergang, die Räume der Physik und der Chemie umschließen das große Foyer im Westteil.
Prozessorientiertes Lernen
Mit ihren gebogenen, fließenden Wänden hat sich das Berliner Planungsbüro Hascher Jehle Architektur bewusst von der strengen orthogonalen Ordnung klassischer Schulbauten entfernt. Es gibt kaum Ecken und Kanten, kaum klare Grenzen. Wände und Wege weiten und verengen, öffnen und schließen sich, subtil formen sie ein kreisförmiges Kontinuum ohne Anfang und Ende. Als Alternative zu zielgerichteten, eiligen Bewegungsabläufen, die sich entlang gerader Mittelflure organisieren, schufen sie einen entspannten, wettergeschützten Flanierbereich. Offene Galerien und geschwungene Sitzstufen laden zum Verweilen ein, bilden Orte der Kommunikation.
Zugrunde liegt ein didaktisches Konzept, das nicht das Ergebnis, sondern den Prozess in den Vordergrund stellt, quasi das "Der Weg ist das Ziel"-Prinzip. Das Interieur ist als architektonische Entsprechung einer Idee zu verstehen, die die Pädagogik als "Kooperativen Unterricht" kennt. Inhalte sollen nicht nur vordergründig vermittelt, sondern überdies soziale, kommunikative, methodische und persönliche Kompetenzen gefördert werden.
Diese Art der Lehrmethodik erfordert hochflexible Räume. Trotz organisch geschwungener Grundrisse sind alle Fach- und Klassenräume nahezu rechteckig. Die Anordnung der Möblierung kann problemlos variiert werden. Das Grundmodul ist ein rechteckiger Einzelarbeitsplatz, der auch in den naturwissenschaftlichen Räumen dank deckenhängender Leitungen und Medien leicht zu modifizieren ist. Frontalunterricht ist damit genauso möglich, wie eine Anordnung im Kreis, Halbkreis oder eine gruppierte Projektarbeit.
Symbol der Vereinigung
Das "Neue Gymnasium" ist eine Fusion zweier weiterführender Schulen, bei denen der Sanierungsbedarf des Bestandes mit schwindenden Schülerzahlen einherging. Insofern werden in der Gebäudefigur auch zwei ineinander verschränkte Eheringe gesehen als Symbol einer "Schulheirat".
Eine dieser Schulen war das "Gymnasium am Ostring", dessen klassizistischer Altbau heute Teil des neueröffneten Justizzentrums Bochum ist. Entworfen wurde dieses ebenfalls von Hascher Jehle Architektur, jedoch gelangte das Berliner Büro an die jeweilige Beauftragung über zwei separat gewonnene Wettbewerbe. Die beiden Bauten unterscheiden sich grundlegend und lassen einen identischen Urheber nicht vermuten.
Das der hintere, stärker von der Lehre dominierte Teil des "Neuen Gymnasiums" baulich bedingt als "Ostring" bezeichnet wird, ist eine vielleicht unbeabsichtigte, aber durchaus charmante Hommage an die Wurzeln dieses neuen Schulzentrums.
Robert Mehl, Aachen