Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Typ:
Stadtquartier
Ort:
Neumarkt/OPf. [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Bögl Gierer Architekten 🔗, München
Materialien:
Building Information Modeling (BIM)
Publiziert:
DBZ 04/2016
Seiten:
48 - 53
Inhalt:
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Quartier „NeuerMarkt“, Neumarkt/OPf.

BIM – Fortschritt baut man aus Ideen

In Neumarkt/OPf. realisierten Bögl Gierer Architekten / Distler Architekten + Ingenieure in Kooperation mit der Firmengruppe Max Bögl ein Stadtquartier, bei dem das digitale Building- Information- Modeling (BIM) konsequent eingesetzt wurde. Die Fassade besteht aus Betonfertigteilen mit einer sehr niedrigen Gleichteilquote. Trotzdem war die Realisation dank dieser Methode sehr effizient.
Neumarkt in der Oberpfalz, gleichwohl es im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, hat sich seinen spätmittelalterlichen Charakter bewahrt, da insbesondere seine markante Marktstraße wie auch die umgebende Altstadt in historischen Dimensionen wieder aufgebaut wurde. Tatsächlich ist die Stadt der Metropolregion Nürnberg erst in der Nachkriegszeit über seine Stadtmauer hinausgewachsen, eine gründerzeitliche Stadterweiterung mit einer historisierenden Blockrandbebauung fehlt völlig und direkt an die ehemalige Stadtbegrenzung schließen sich freistehende Einfamilienhäuser an, die von wenigen Großsolitären durchsetzt sind. Vis-à-vis des nördlichen Stadttores befand sich vor der Errichtung des „NeuenMarktes“ das alte Schlachthofgelände, eine Tankstelle und dazwischen brachliegende Flächen.
Die Architekten gliedern mit ihrem Entwurf einerseits die Großfassade des Stadtquartiers durch eine angedeutete Blockrandbebauung und fassen gleichzeitig städtebaulich die Dammstraße, eine wichtige Zufahrt nach Neumarkt. In Abstimmung mit der Stadt konnten sie so eine Bauflucht definieren, an der sich künftige Projekte orientieren und die der heterogenen Vorstadt zukünftig ein klares und urbanes Gepräge verschaffen wird. Erreicht wurde diese Segmentierung primär durch eine Durchfärbung der Betonfertigteile in fünf verschiedenen Farben, formal unterstützt durch blockartige Vor- und Rücksprünge der Fassadenbereiche und variierende Attikahöhen. Gleichzeitig ist die Fassade von einer durchlaufenden Stützen-/Riegelkonstruktion aus gesäuerten Betonfertigteilen geprägt, die als formale Klammer wirkt und das Stadtquartier auch nach außen als zusammenhängendes Gebäude erfahrbar macht. Durch eine ständige Variation der Stützengeometrie, der Fenstergrößen und Positionen wird eine wohltuende Lebendigkeit erreicht, ohne mit der Einzelhausgliederung einer pittoresken Künstlichkeit zu erliegen.
Die ortsansässige Firmengruppe Max Bögl war hier nicht nur der Generalunternehmer, sie trat auch als Investor auf. Entsprechend war es dem Bauunternehmen wichtig, mit seinen neuesten und innovativsten Produkten und Planungstechniken zu arbeiten. So bestehen die zurückliegenden Fassadenflächen aus nur 3 cm starken, textilbewehrten Betonfertigteilen und die Ausführungsplanung erfolgte auf Grundlage eines durchgängigen 3D Modells in der Building- Information- Modeling- Methode (BIM). Die Außenhaut besteht aus 687 Betonfertigteilen, die aber nicht redundant erscheinen, da unterschiedliche Geschosshöhen und Rasterbreiten mit den zuvor beschriebenen Betonfarben und Bauteiltiefen das einheitliche Fassadenthema abwechslungsreich variieren. Tatsächlich liegt die größte Wiederholung gleicher Elementabmessungen bei Neun Stück, die meisten Bauteile wurden jedoch nur ein- oder zweimal in der selben Geometrie und Farbe produziert.
Parametrische Fassadenplanung
„Bei dem NeuenMarkt wurde gleichzeitig mit verschiedenen Programmen gearbeitet. Jedes davon hat seine eigenen Stärken, die wir gezielt einsetzen konnten“, erläutert der BIM- Koordinator von Max Bögl, Maximilian Schütz. „Für den Rohbau verwendeten wir Autodesk Revit, für die konstruktiven Fertigteile Tekla Structures und für die Baustelleneinrichtung Siemens NX.
Für die parametrische Planung der Fassade wurde das Stuttgarter Innovationsbüro FAT LAB, unter Leitung von Prof. Andreas Fuchs, hinzugezogen. Auf Grundlage der Entwurfs- und Werkplanung der Architekten erarbeitete FAT LAB ein parametrisches 3D Modell aller Betonfassadenelemente, inklusive der Carbon- und Stahlbewehrung, sowie aller Einbauteile. FAT LAB arbeitet bereits seit Jahren im Rahmen des gemeinsamen Forschungsprojektes „Architekturbeton“ mit der Firmengruppe Max Bögl zusammen. Unter anderem wurde dabei untersucht, wie mit heutigen Serienproduktionsmethoden die zunehmende Individualität, die in der Architektur gefordert wird, damit unterstützt werden kann. Das FAT LAB wies unter anderem eine höhere Effizienz durch automatisierte Planung nach. Diese kann durch eine intelligente Verknüpfung der einzelnen Baudaten erreicht werden, was ein konsequentes Arbeiten auf Grundlage eines gemeinsamen 3D Modells bedeutet. Bei dem NeuenMarkt konnte zudem aufgezeigt werden, dass ein parametrisches 3D Modell auch dann noch wirtschaftlich ist, wenn in der Entwurfsphase noch nicht damit gearbeitet wurde, sondern es erst bei der Ausführungsplanung zur Anwendung kam. Gleichwohl ist eine umfassende Projektabwicklung das nächste Ziel des Bauunternehmens.
BIM- Workflow
„Zunächst haben wir alle Bauteilgeometrien in einer Datenbank erfasst und dabei deren Unterschiedlichkeit dokumentiert, bevor wir diese in die automatisierte Fertigungsplanung übernahmen. Gearbeitet haben wir mit dem 3D Modellierwerkzeug Rhinoceros und dessen grafischen Programmier- Plug- In Grashopper“, erläutert Michael Pelzer, zuständiger Projektarchitekt beim FAT LAB. „Ein Großteil der Algorithmen für die Ableitung der Werkstattpläne wurden projektspezifisch in der Programmiersprache Python erstellt. Hier wurden alle bauteilrelevanten Daten wie Geometrie, Lage, Attribute, Korrelationen mit Nachbarbauteilen, Bewehrungsführung und deren Einbauteile erfasst. Mit den Daten wurden nicht nur automatisiert alle Planzeichnungen der Werkstattplanung generiert, sondern auch die CAM- Steuerdateien für die Schweiß- und Biegeautomaten der Bewehrung.“
Selbst in der Logistik nutzten die Ingenieure BIM. Die durchgefärbten Betonfertigteile wurden chargenweise betoniert, um eine maximale Einheitlichkeit in den Farben zu erzielen. Montiert wurden die Elemente jedoch nicht in dieser Folge, sondern – ganz traditionell - geschossweise. BIM- Werkzeuge, angewandt auf der Prozessebene der Herstellung, ermöglichten eine effektive Steuerung der Platzierung der Betonfertigteile in den Liefergestellen und stellten einen kontinuierlichen Montageablauf sicher.
Baubegleitung
Für die Bauüberwachung arbeiteten die Bauleiter vor Ort mit Tablets, auf die die App Autodesk BIM 360 Field installiert war: Steuerbar über zahleiche Filter, konnte man sich in der virtuellen Baustelle an einen beliebigen Ort navigieren, um dort einen Marker zu setzen. Mit diesem wies man einem anderen Nutzer (etwa: einem Subunternehmen) eine konkrete Aufgabe zu (etwa: Fuge mit Kompriband füllen). Gearbeitet wurde auf der Baustelle oft offline (da beispielsweise in Kellergeschossen ein durchgehender Empfang nicht gewährleistet ist). Das Gerät synchronisierte sich automatisch sobald eine WLAN oder LTE Verbindung besteht. Daraufhin wurde eine automatische Mail generiert, mit der die Aufgabenstellung an den beauftragten Nutzer versendet wurde. Umplanung, Fehler und Kompatibilität Dank der konsequenten parametrischen Ausführungsplanung konnten Änderungen in der Fassadenkonstruktion auch noch zu einem sehr späten Zeitpunkt berücksichtigt werden. „Durch Anpassen des parametrischen Regelwerks, welches das vernetzte Zusammenspiel der Einzelbauteile regelt und einer anschließend erneuten Kollisionsprüfung, war ein Mitarbeiter von FAT LAB alleine im Stande, ein Detail der Fassadenkonstruktion, welches alle Fassadenbauteile betraf, innerhalb eines Tages zu ändern und einen neuen Plansatz zu generieren“, so Mario Bommersbach, Abteilungsleiter bei Max Bögl für die Sparte Architekturbeton und verantwortlich für die Fertigteilfassade.
„Der große Vorteil bei BIM ist ein automatisierter Abgleich der verschiedenen Fachplanungen auf so gennannte Kollisionen. Für die Fertigteilfassade musste man hierzu das Programm durchlaufen lassen – trial and error – was aber noch in der Planungsphase geschah.“, so Michael Pelzer. „So hatten wir in der Produktion eine Fehlerquote von Null!“. Effektivität hat einen Namen: BIM.
Robert Mehl, Aachen