Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Mirror-Mirror
Typ:
Dachaufstockung
Ort:
Assen [Karte]
Staat:
Niederlande
Architekt:
Remco Siebring 🔗, Amsterdam
Materialien:
Holz, Spiegelglas
Publiziert:
d+h 04/2018
Seiten:
46 - 49
Inhalt:
[Artikel]  [2]      
 

Verspiegelte Dachaufstockung in Assen/NL

Aufgestockt und verspiegelt

In der niederländischen Stadt Assen erhielt das Flachdach eines denkmalgeschützten Hauses eine verspiegelte Aufstockung in Holzrahmenbauweise. Die Montage des Holzbaus lief ohne größere Probleme ab. Doch die aufgeklebten Spiegelgläser sorgten kurz nach dem Einbau schon für Probleme.
Das aufgestockte Doppelhaus im niederländischen Assen wurde 1916 errichtet und steht unter Denkmalschutz. Vor der Aufstockung lotete Architekt Remco Siebring für die Bauherren beim Denkmalamt die Möglichkeiten einer Aufstockung aus. Ansatz für seine Planung war eine nicht eindeutige Bauordnung: Einerseits steht das Doppelhaus unter Denkmalschutz. Andererseits sieht der hier geltende Bebauungsplan eine maximale Firsthöhe von 10 m vor. Die Flachdächer des historischen Bestandes liegen gut 6 m über Straßenniveau. Das Konzept zur Aufstockung nutzt die Differenz von vier Metern aus. Für die Baugenehmigung schlug der Architekt einen provokanten Weg ein: Zunächst entwickelte er ein Konzept mit einem klassischen Spitzdach, das wegen des Denkmalschutzes aber nicht genehmigungsfähig war. Dann erläuterte er den Bedarf der Bauherren, stieß auf Verständnis und konnte die Behörde für die Idee einer verspiegelten Dachaufstockung mit Flachdach begeistern.
Die zulässige Bauhöhe von zehn Metern ließ keine zwei Vollgeschosse für die Aufstockung zu. Der Dachaufbau besteht daher aus zwei Baukörpern nebeneinander, einem 4,5 m hohen, turmartigen Aufbau und einem 2,4 m hohen Raum daneben.
Balkon wird zum Treppenhaus
Das Doppelhaus hatte vor dem Umbau einen kaum nutzbaren Balkon, der an das Nachbarhaus grenzt. Da die Nachbarhäuser zu nah bei einander stehen, hatten die Bewohner auf dem Balkon kaum Privatsphäre und wenig Sonne. Architekt Remco Siebring nutzte den Balkon daher als Ausgangspunkt für die Aufstockung. Die zwei neu entstandenen Räume auf dem Dach sollten über den Balkon erschlossen werden. Auf die Brüstung des Balkons wurde dafür eine Holzrahmenwand montiert. Über eine Treppe auf dem Balkon gelangt man direkt in die Dachaufstockung. Die Treppe hoben die Handwerker mit Hilfe eines Autokrans auf den Seitenbalkon und montierten sie dort.
„Richtfest“ im Werk
Die Aufstockung erledigte das niederländische Unternehmen Bouwbedrijf Bovenhuis in nur zwei Tagen. Die Vorfertigung der Holzkonstruktion erfolgte knapp 60 km entfernt in Staphorst. Die Dachaufstockung ist grundsätzlich als reversible Konstruktion ausgeführt. Die Handwerker fertigten nicht nur alle Elemente des Dachaufbaus in der Werkhalle, sie fügten die Rohbauteile in der Werkhalle auch vollständig zusammen und prüften so die Passgenauigkeit der Konstruktion. So gesehen erfolgte das Richtfest in Staphorst. Danach wurde die Dacherweiterung wieder zerlegt, nach Assen gefahren und dort auf dem Dach neu zusammengesetzt. Holzrahmen und Multiplex- Platten Der Dachaufbau ist eine Holzrahmenkonstruktion aus 30 cm dicken Wandelementen. Sie bestehen aus jeweils zwei massiven Brettschichtholztafeln auf einem Holzständerwerk, die eine der Tafeln ist 10 cm, die andere 12 cm dick. Zwischen den Tafeln liegt eine 6 cm dicke Mineralwolldämmung. Auf die Außenseiten der Holztafeln klebten die Handwerker vollflächig zwei Zentimeter dicke Multiplexplatten. Glaser verleg ten auf den Platten vertikal 2 mm dicke Stahlbänder und montierten sie mit Senkkopfschrauben im Holz. Darauf fixierten sie Spiegelscheiben mit 2 mm dicken Klebebändern. Die Stahlbänder unter den Klebestreifen waren für die Gewährleistung erforderlich, der Glaser wollte für ein direktes Aufkleben auf Holz keine Garantie gewähren. So entstand ein 4 mm tiefer, hinterlüfteter Bereich zwischen Glas und Multiplexplatte.
Spiegelglas nach Einbau gebrochen
Kurz nach Fertigstellung des Baus kam es unerwartet zum Bruch der Spiegelgläser. Der Grund: Die Scheiben schließen nach oben in einer Attika ab und über den Gläsern war mit zu wenig Abstand ein Abdeckblech montiert. Durch starke Sonneneinstrahlung und die mit 4 mm verhältnismäßig geringe Hinterlüftung heizten sich die Spiegelgläser stark auf. In der Folge dehnten sich die Spiegel aus Einscheibensicherheitsglas (ESG), stießen an das Attikablech und zerbrachen. Das Abdeckblech wurde infolgedessen abgebaut und stattdessen ein neues Blech mit mehr Abstand eingebaut. Die gebrochenen Spiegelgläser tauschte man aus.
Nur 1 % Toleranz
Das Abdeckblech leitet Regenwasser in eine hinter der Attika liegende, 10 cm hohe Rechteckrinne. Die dazugehörigen Fallrohre liegen jeweils in den Gebäudeecken. Unterhalb der Rinne ist ein rund 10 x 10 cm dicker Hartschaumdämmstreifen, der auf der Brettsperrholzwand aufliegt. Auf die Dachrinnen folgt eine Flachdachkonstruktion, die sich noch einmal 10 cm über die Dachkante erhebt. Während die Dachkante die zugelassene Bauhöhe von 10 m einhält, ist das zurückliegende Flachdach 10,10 m hoch. Das ist nach dem niederländischen Baurecht durchaus zulässig, da es eine einprozentige Toleranz bei der Bauhöhe gibt.
Mit EPDM- Bahn abgedichtet
Die Deckenuntersicht im Inneren der Aufstockung besteht aus 18 mm dicken Multiplexplatten, die von unten an eine 20 cm hohe Balkenlage geschraubt sind. Deren Zwischenräume sind mit Mineralwolldämmstoff ausgefüllt. Auf den Deckenbindern ist eine Sperrholztafel verschraubt. Darüber ist eine Dampfsperre, eine Hartschaumdämmung und abschließend eine EPDM- Dachbahn verlegt.
Schlafplatz auf Stahlplatte
In dem aufgestockten Raum ist eine Schlafempore aus einer massiven, 20 mm dicken Stahltafel verbaut. Sie hat eine rund 60 cm hohe Seitenaufkantung. Fixiert ist die Stahltafel mit Schrauben in der Holzwand. Die Hauptlast der schweren Stahlplatte nimmt die Flurtrennwand auf, auf der die Platte annähernd mittig aufliegt. Gegen Kippen gesichert ist die Platte durch einen Einschub in eine durchgehende Fuge in der Außenwand. Eine Holzwand schließt den kleinen Flur ab, die Stahlplatte bildet dessen Decke. Erreichbar ist die „Stahlempore“ über eine steile Treppe. Belüftet werden die Räume durch in den Raumecken angeordnete, hochformatige Fenster, die im geschlossenen Zustand von der äußeren Spiegelfläche verdeckt werden. Die Fenster, über die man das Flachdach betreten kann, haben eine Brüstungsschwelle von 40 cm.
Erfolgreicher Start
Das Projekt war die erste von Remco Siebring realisierte Dachaufstockung. Die eigenwillige Architektur erfuhr eine enorme mediale Aufmerksamkeit, die sich in einer guten Auftragslage widerspiegelt: So plant Siebring derzeit im belgischen Gent eine weitere, nur ungleich größere Dachaufstockung ebenfalls in Holzfertigbauweise.
Robert Mehl, Aachen