Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Lumniarium Pentulum
Typ:
Pneumatisches Objekt
Ort:
wechselnd; Aufnahmeort: Heerlen [Karte]
Staat:
wechselnd; Aufnahmestaat: Niederlande
Architekt:
Architects of Air 🔗, Nottingham
Materialien:
Textile Folien
Publiziert:
DBZ-online 09/2013
Seiten:
-
Inhalt:
[Artikel]      [Bildstrecke]      
 

Luminarium „Pentulum“ in Heerlen

Luftmatratze zum „schweben“

Aus der Distanz sehen sie ein wenig wie Hüpfburgen aus. Tatsächlich sind es temporäre, pneumatische Installationen, die über eine Luftschleuse begangen werden können. Wie in einem Zelt lassen die farbigen Textilen Tageslicht ins innere. Bizarre Licht und Raumlandschaften werden so geschaffen.
Man kennt es vom Strand: Luftmatratzen brauchen keine Unterkonstruktion, man bläst sie auf und sind sie prall gefüllt, stehen sie von alleine. Anstatt durch Stützen sind ihre Decken mit den Böden mittels trichterförmiger Einschnürungen.Diese verhindern, dass das aufgepumpte Volumen zu einer runden Kugel anschwillt.
Das Grundprinzip davon hat sich das britische Künstlerkollektiv „Architectsof Air“ zu Eigen gemacht. „Luminarien“ nennt Alan Parkinson diese pneumatischen Lichtobjekte. Er ist der „Master Mind“ der Kreativen aus Nottingham. Für ihre begehbaren Lichtinstallationen machen sich die Textilbauer noch einen zweiten physikalischen Effekt zunutze: Es reicht ein geringer Druckunterschied zwischen innen und außen, um das Volumen aufzublähen. Tatsächlich reichen dafür 0,1 – 0,2 bar. Das ist ein deutlich geringerer Druckunterschied, zwischen einem atmosphärischen Hochdruck- und Tiefdruckgebiet. Ein solch geringer Überdruck – wie auch das Verarbeiten des Druckunterschiedes – ist für den menschlichen Körper vollkommen unbedenklich.
Der Zugang erfolgt über eine improvisierte Luftschleuse: Ein Raum mit zwei luftundurchlässigen Vorhängen, die man einfach zur Seite schiebt. In die Vorhänge eingenähte dünne, horizontale Holzstreben halten dieselben von innen am textilen Türrahmen fest. Sie verhindern, dass die Stoffverschlüsse der Durchgänge infolge des entweichenden Überdrucks nach außen gepresst werden und so ihre hinreichend abdichtende Funktion verlieren.<brA Derzeit ist eines dieser Luminarien im niederländischen Heerlen aufgebaut. „Pentulum“ steht noch bis zum 1. September 2013 auf dem Platz vor dem dortigen Stadttheater. Anlass ist das diesjährige Cultura- Nova- Festival der Grenzstadt, die fast unmittelbar neben Aachen liegt. Anschließend wird „Pentulum“ im französischen Lumbin zu sehen sein. Andere Luminarien werden diesen September in London, Bournemouth und sogar in Los Angeles aufgebaut.
Die Lichteffekte in einem solchen Objekt verleihen dem Besucher fast ein schwebendes Gefühl und suggerieren diesem, sich in einem abstrakten Kunstwerk zu befinden. Grund dafür sind zum einen die eingesetzten farbigen Planen, durch die das Außenlicht in einer gedämpften Form dringt. Da diese in subtiler Weise miteinander verknüpft sind, entsteht im Inneren jedochan kaum einer Stelle monochromes Licht. Auch Farbverläufe in den Flächen finden sich nicht. Vielmehr begrenzen sich die Farbflächen gegenseitig in harten Kontrasten. Aber auch hier sind es weniger direkte Farbwechsel im Material, als vielmehr die kleineren Raumvolumina der Zugangsröhren, welche die Übergänge markieren. Ebenfalls aus Textilien geschaffen, leuchten diese in gleicher Weise aus sich heraus. Zudem erzeugen ihre vertikalen und horizontalen Krümmungen weiche Übergänge, die die Festlegung präziser Raumkanten verhindert. Alles bleibt irgendwie „unscharf“.
Ein anderer Grund für das unbestimmt vage Raumgefühl ist das Fehlen von ebenen Flächen oder von rechten Winkeln, an denen sich der eigene Gleichgewichtssinn justieren kann. Selbst der Boden ist gekrümmt und liegt ohne eine von Besuchern verursachte Auflast nur in der Mitte auf. Er formt im seitlichen Übergang zur vertikalen Raumkante eine beachtliche Hohlkehle. Bewegt man sich nun in diesen amorphen Räumen, gibt der Boden soweit nach, bis man den tragenden Untergrund mit den Füßen berührt, auf dem man letztlich steht. Durch die haptische Erfahrung des „weichen“ Untergrundes reagiert man als Besucher intuitiv mit zwei Impulsen: Man bewegt sich zum einen tendenziell in den mittleren Bereichen der runden Volumina, weil dort "fester" Boden ist. Andererseits legt man sich auch gerne in den Luminarien hin. Dies geschieht jedoch vornehmlich an den aufgehenden, weichen Raumkanten der durchweg sauberen Planen. Man liegt dort so leicht federnd, wie auf einer Luftmatratze. Ein vertrautes Gefühl, nur dass man diesmal in ihr und nicht auf ihr liegt.
Robert Mehl, Aachen