Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Lille Art Museum
Typ:
Kunstmuseum
Ort:
Lille [Karte]
Staat:
Frankreich
Architekt:
Manuelle Gautrand 🔗, Paris
Materialien:
Faserbeton, Beton, Stahl, Glas
Publiziert:
Beton Bauteile 2011
Seiten:
38 - 43
Inhalt:
[Artikel]      
 

Neueröffnung des Kunstmuseums LaM in Lille

Faserbetonwände, gut abgehangen

Im Sommer 2010 ist im französischen Lille die Erweiterung des bestehenden Kunstmuseums fertig gestellt worden. So expressiv sich die neuen Trakte geben, so zurückhaltend verhalten sie sich gegenüber dem denkmalgeschützten Bestand. Dabei bestehen die prägenden, neuen Wandelemente aus abgehängten Faserbetonfertigteilen.
Im Jahre 2003 hatte Manuelle Gautrand den Realisierungswettbewerb für die Erweiterung des „Lille Museum Of Modern, Contemporary And Outsider Art“ gewonnen. Zwischen 2003 und 2005 beschäftigte sich die Pariser Architektin mit der Planung und den Vorstudien, um dann schließlich 2006 mit dem Umbau zu beginnen. Die feierliche Neueröffnung fand schließlich im September 2010 statt. Prägend und letztendlich auch das entscheidende Kriterium für die Wettbewerbsjury war die erfolgreiche Einbindung des denkmalgeschützten Bestandes. Dieser stammt aus dem Jahr 1983 und wurde von dem bekannten französischen Architekten Roland Simounet (1927 – 1996) geschaffen, von dem ebenfalls das berühmte Musée Picasso in Paris stammt.
Gautrand beschreibt ihr Konzept als eine unterstützende Umarmung des bestehenden Gebäudes. Tatsächlich umschließt die Erweiterung den Bau von dessen rückwärtiger Nordwestseite. Die traditionelle Hauptfassade, wie auch der nach wie vor als solcher genutzte zentrale Eingang, werden von der baulichen Zutat nicht berührt. Hier ist die neue Architektur nur peripher zu erkennen. Tatsächlich erzeugen die für diesen Beitrag genutzten Fotografien einen irreführenden Eindruck: sie zeigen die Erweiterung als einen Solitär auf einer Grünen Wiese. Allerdings sind diese Ansichten allesamt im weiträumigen Museumspark entstanden, welcher nur mit einer Eintrittskarte des Museums und nur von diesem aus zugänglich ist. Zudem ist der Skulpturengarten, da in ihm wertvolle Plastiken gezeigt werden, durch hohe Zäune und Hecken gesichert und somit auch vor Einblicken.
Entwurfskonzept
Mit ihrer Formsprache verneigt sich Gautrand vor dem Werk ihres Vorgängers, wenn auch in einer besonders abstrakten Weise. Simounet hatte viel in Algerien gewirkt und eine große Affinität für maghrebinische oder nordafrikanisch-orientalische Architektur entwickelt. Ein Beispiel für diesen Baustil ist die Alhambra im spanischen Córdoba. Dazu will die Architektin mit den Blick bindenden Wandflächen an den Gebäudestirnseiten eine Beziehung herstellen. Eine Verwandtschaft sieht sie hier zu den gitterartig durchbrochenen und teilweise aus Alabaster gefertigten Sichtblenden, die in der maghrebinischen Tradition dazu dienten, insbesondere einen Harem vor äußeren Einblicken, wie auch vor der intensiven Sonneneinstrahlung zu schützen und dabei den Ausblick aber nicht zu verwehren. Fünf dieser Sichtblenden finden sich an dem Anbau. Sie schließen jeweils schmale, aber irregulär gewundene Ausstellungstrakte ab, die von der Planerin auch gerne als „Finger einer Hand“ bezeichnet werden. Deren leicht mäandernde Form wurde aus dem Verlauf der im Planungsbereich vorgefundenen Höhenlinien abgeleitet. Dabei wurde der gegebene Höhenverlauf nicht verändert. So haben alle entsprechend orientierten Fußbodenflächen zueinander einen leichten Höhenunterschied, der allerdings mit Rampen behindertenfreundlich kompensiert wird. Die fünf teildurchsichtigen Erkerwandflächen weisen somit unterschiedliche Geländehöhen auf, auch wenn sie nach innen immer geschosshoch und brüstungfrei angelegt wurden. Mit diesem Detail bezieht sich Planerin auf den Standort und die vorhandene Topographie und betont damit noch einmal explizit ein Grundprinzip der Architekturtheorie: den „genius loci“ oder die Nichtaustauschbarkeit eines Ortes für ein Projekt.
Konstruktion
Während der Altbau in Ziegelbauweise errichtet wurde, der von weit vorspringenden Sichtbetonstürzen gekennzeichnet ist und insgesamt eine konsequente Orthogonalität aufweist, ist die Erweiterung von Sichtbetonwandflächen charakterisiert, die frei zueinander platziert wurden. Erstellt in Ortbeton, fallen vor allem nierenförmige Vertiefungen auf, die sich oft in die Ecken hin zu kleinen Feldern verdichten. Für ihre Herstellung wurden in die Schalung entsprechende hölzerne Aussparungskörper aus Multiplex platziert. Überhaupt war es aufgrund der konsequent unterschiedlichen Wanddimensionen notwendig, die Schalung in Holz zu errichten, obwohl die Architektin mit Blick auf die so mögliche Oberflächenqualität Metall vorgezogen hätte. Aufgrund der zahlreichen Aussparungskörper und der damit verbundenen Gefahr von Kiesnestern wurde grundsätzlich Selbstverdichtender Beton (SVB) verwendet. Ausgesteift wurden die Trakte zueinander über raumübergreifende Querträger aus Beton. Die jeweils Äußersten wurden von der Bewehrung her so dimensioniert, dass die Faserbetonflächen der Stirnseiten von diesen abgehängt werden konnten.
Dach
Das Dach ist eine stählerne Leichtbaukonstruktion ohne Oberlichter. Dabei folgen die Dachflächen, wie auch die Bereiche darunter, dem Verlauf der Höhenlinien. Grundsätzlich war für Gautrand auch eine formal befriedigende Dachlandschaft von großer Bedeutung. Ursprünglich war hier eine Eindeckung von großformatigen Sichtbetonplatten vorgesehen. Aber das französische Baurecht lässt eine solche Konstruktion, wie sie etwa aus WU- Beton denkbar wäre, nicht zu. Deswegen wurde ein Leichtbaudach realisiert, dessen Oberfläche ein ähnliches Grau besitzt, wie das der Wände.
Durchbrochene Faserbetonflächen
Die Architektur der Erweiterung des LaM gipfelt in den Stirnseiten der fünf neuen Trakte. Die Flächen, deren größte eine Ausdehnung von 7,75 m x 5,65 m hat, haben jeweils eine Stärke von nur 9 cm. Wie die Ortbetonflächen, weisen sie nierenförmige Vertiefungen in unterschiedlichen Ausformungen auf. Nur durchdringen diese hier die Elemente vollständig. Sowohl um Gewicht zu sparen, wie auch um überhaupt der freien Geometrie der Aussparungen gerecht zu werden, wurden diese Betonfertigteile nicht mit Stahl bewehrt, sondern aus UPFC (Ultra- Performing Fibrous Concrete), also aus Faserbeton, erstellt. Dabei wurde DUCTAL ein Hochleistungsbeton der Firma Lafarge verwendet. Wie schon erwähnt, wurden die verhältnismäßig leichten Faserbetonelemente von dem äußersten, stützenfrei errichteten Querträger des Rohbaus mit einer Stoßfuge abgehängt. Die vertikale Oberfläche dieses „Sturzes“ ist somit weiterhin ein sichtbarer Teil der Fassade. Infolgedessen war eine hochpräzise Fertigung der Fertigteile, wie auch deren Umrandung erforderlich. Thermisch geschlossen werden die Gebäudeerker über eine eingestellte, geschosshohe Glasfront, welche an der Innenseite des Raum überspannenden Querträgers sitzt. Das vielleicht 60 cm breite Volumen zwischen den Glasscheiben und der Faserbetonelementen ist nur über eine seitliche Wartungstür zugänglich.
Fazit
Bei allen planerischen Überlegungen, war es Manuelle Gautrand wichtig, die Würde des Altbaus zu erhalten. Neben den ganzen subtilen Referenzen auf diesen bzw. dessen Erbauer war eine Sache für sie elementar: Den vorgegebenen Maßstab zu halten. Und tatsächlich ist dieses penible Einhalten der Dimensionen der eigentliche Schlüssel, warum ihr expressiver Betonbau zusammen mit dem eher diskreten Ziegelbau ein so harmonisches Ensemble bildet.
Robert Mehl, Aachen
Faserbetonverkleidung der Fensterfront