Projektart:
Anfrage:
Objekt:
koppert Hauptverwaltung
Typ:
Bürogebäudetreppe
Ort:
Rotterdam [Karte]
Staat:
Niederlande
Architekt:
Materialien:
Betonfertigteile
Publiziert:
Beton Bauteile 2011
Seiten:
58 - 63
Inhalt:
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Treppe einer Konzernzentrale bei Rotterdam

Insekten als Maßstab

Bei Rotterdam ist eine Treppe aus Betonfertigteilen entstanden, welche die Welt der Insekten zum Maßstab hat. Dieses macht Sinn, denn der Auftraggeber ist der Weltmarktführer für biologische Schädlingsbekämpfung:Koppert Biological Systems.
Biologisch bekämpft man Pflanzenschädlinge mit Insekten, die erstere fressen; man nennt diese Nützlinge. Zudem haben gerade die Niederlande einen immensen Bedarf daran, dass die Pflanzen in den zahllosen Gewächshäusern bestäubt werden, damit diese Früchte tragen. Tatsächlich ist auch dieser Wirtschaftszweig industriell organisiert und schon lange nicht mehr in der Hand überschaubarer Imkergenossenschaften. Bienen lassen sich jedoch in den gläsernen Gemüsebrutkästen oder auf großen Freianlagen nur begrenzt einsetzen. Viel effektiver, weniger anspruchsvoll gegenüber dem Wetter und vor allem bedeutend weniger aggressiv ist da eine andere Art: die Hummel. Die Firma Koppert Biological Systems mit Sitz in Rotterdam ist nun Weltmarktführer in der Zucht und im Vertrieb von Hummeln und anderen Nützlingen für die Landwirtschaft. Infolge der stetig zunehmenden internationalen Nachfrage und dem damit verbundenen Firmenwachstum, sah sich die Firmenleitung vor zwei Jahren dazu veranlasst, die eigene Konzernzentrale durch ein größeres Gebäude an derselben Stelle zu ersetzen. Der neue Bau ist eine rationale Stahlskelettkonstruktion mit einem wellenförmig geschwungenen Dach, das von hohen Leimholzbindern getragen wird. Über den Haupteingang gelangt man direkt in eine große, rund 15 m hohe Empfangshalle. Sie reicht bis unter das Dach. Der Bereich ist in den beiden Obergeschossen jeweils als Luftraum ausgespart. Die jeweiligen Büros sind über Laubengänge bzw. Erschließungsbrücken erreichbar.
Das Treppenkonzept
Blickfang und zentrales Element des Foyers ist die freistehende Treppe darin. Ihre 4 Läufe gruppieren sich um ein vielleicht 12 m hohes, skulpturartig durchdrungenes Betonfertigteilelement. Dieses fungiert als Tragwand und leitet die vorhandenen Vertikal- und Verkehrslasten direkt in das dazugehörige Fundament darunter ab. Die unmittelbaren Anschlusspunkte der Treppe an die Geschossebenen nehmen allein nur Horizontalkräfte auf, d.h. sie verhindern, dass die Konstruktion umfällt. Die Vertikalerschließung besteht aus insgesamt 6 Betonfertigteilen: Es gibt das große zentrale tragende Element mit den Auflagern, die 4 Treppenläufe und es gibt eine Art Krone. Sie ist das Kopfstück des zentralen Elementes und beginnt etwas oberhalb des vierten Podestes. Die Teilung an dieser Stelle war aus transporttechnischen Gründen notwendig. Eine elementare Bedingung für die Treppenkonstruktion war, dass ihre Errichtung zeitgleich mit dem umgebenden Hallenbau durchzuführen war. Denn die ursprüngliche Planung sah an dieser Stelle lediglich eine schlichte Stahltreppe vor. Erst im allerletzten Moment, nämlich zu dem Zeitpunkt als die ursprünglichen Treppenfundamente gegossen werden sollte, wurde auf der Baustelle einvernehmlich die Entscheidung getroffen, eine Betonfertigteilkonstruktion zu errichten. Das diese so bedeutende, wie kurzfristige Planungsänderung keine Bauverzögerung mit sich brachte, ist der großen Erfahrung und der Flexibilität des Generalunternehmens Heembouw B.V. und dem Projektleiter Joris Belt zu danken. Dieser wendete sich sofort an Klaas Toxopeus von INPREBO BOUWSYSTEMEN B.V., einem niederländischen Hersteller und Fachberater für Betonfertigteiltechnologie. Tatsächlich stellt INPREBO selbst keinen so genannten Architekturbeton her, kooperiert auf diesem Gebiet schon seit mehreren Jahren mit der Gilne GmbH aus Mettingen bei Osnabrück.
Die Treppenmontage
Gefertigt im Werk der Gilne GmbH wurden die Teile der Treppe schließlich im Sommer 2009. Wichtig bei der Dimensionierung der Werkstücke war neben ihrer Transportfähigkeit auch die Notwendigkeit ihres „nachträglichen“ Einbaus: zu dem Zeitpunkt ihrer Montage stand nämlich das restliche Gebäude schon weitgehend. Die Betonfertigteile mussten durch das temporär an einer Stelle geöffnete Dach zwischen zwei Leimholzbindern hindurch eingebracht werden. Dabei war neben millimetergenauen Kranbewegungen noch zu beachten werden, dass der Kran die einzelnen Elemente um 90° in der Vertikalen dreht, nachdem diese die Dachträger passiert hatten, um sie in die finale Monatageposition zu manövrieren. Für jedes Treppenpodest war an der nur 30 cm starken Tragwand ein verhältnismäßig kleines Auflager vorgesehen. Eine höhere Genauigkeit erforderte zudem, dass die Podeste immer gleichmäßig geteilt sind: an jedem einzelnen Treppenlauf ist immer auch ein halber Treppenabsatz angeschlossen, der jeweils aber nur zur Hälfte auf dem Auflager zum Liegen kommt. Eine dauerhafte Stabilität wurde dadurch erreicht, dass sich die einzelnen Fertigteile mit Bewehrungsstählen gegenseitig durchdringen und nach der exakten Positionierung miteinander vergossen wurden.
Die Treppenoberfläche
Infolge des hohen Montageaufwandes vor Ort, lag es schon während der Planung auf der Hand, dass die Treppe nicht in Sichtbeton ausgeführt werden würde. Deshalb entschied man sich die tragende Vertikale grau zu verputzen. Durch eine spezielle Schwammtechnik wurde eine organisch anmutende Lebendigkeit erreicht - verstärkt dadurch, dass die Oberfläche anschließend noch einmal gewachst und poliert wurde. Auch die Treppenläufe wurden verputzt, allerdings homogen weiss. Die schwarzen Trittstufen sind aus Naturstein.
Die Treppenwirkung
Bei einer ersten Besichtigung der Treppe fällt auf, dass der untere Lauf trapezförmig angelegt ist; nach unten hin wird er deutlich breiter als die anderen Abschnitte. Tatsächlich wird dieser Platz gerne für größere Gruppenfotos in Anspruch genommen und die kontinuierliche Anwesenheit von internationalen Reisegruppen, belegt den praktischen Nutzen dieser Planungsidee eindrucksvoll. Das tragende Wandelement soll aber auch eine Metapher sein und von seiner Form her an Schilf erinnern, das sich im Wind wiegt. Tatsächlich weist diese Skulptur auch auf die lebenden Helfer von Koppert Biological Systems hin. Gemeint sind jene nützlichen Insekten, welche die Pflanzen bestäuben, oder deren Schädlinge darauf fressen. Steigt man nun diese Treppe hinauf, wirkt das zentrale Element auf einen, wie eine überdimensionale Pflanze. Tatsächlich bekommt man als Mensch hier eine vage Idee von unserer Welt aus der Perspektive von Insekten.
Robert Mehl, Aachen